Festival-Fieber

Stars, Strand & Spielfilme beim Filmfestival von Deauville

04.09.2014 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Magic in the Moonlight
© Sony Pictures Classics
Magic in the Moonlight
Bonjour, je m'appelle Charel. Ich reise diese Woche in die Normandie in die kleine Stadt Deauville. Der Anlass für diesen Trip ist das alljährliche Festival des amerikanischen Films. Auf die folgenden Filme und Personen freue ich mich ganz besonders.

Zum 40. Mal verwandelt sich die kleine französische Küstenstadt Deauville diese Woche wieder in ein Paradies für Cineasten und Autogrammjäger. Die besten Filme von der anderen Seite des Atlantiks werden zwischen dem 5. und dem 14. September 2014 beim jährlichen Festival des amerikanischen Films vorgestellt. Für mich persönlich ist diese Edition eine Rückkehr zu den Ursprüngen meiner Kino-Besessenheit. Vor sieben Jahren stattete ich dem Festival bereits für zwei Tage einen Besuch ab. Damals waren meine Lieblingsfilme Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel, Im Tal von Elah und Rocket Science. Dieses Jahr freue ich mich auf eine vollgestopfte Kino-Woche. 

Über die Jahrzehnte hat sich das Festival einen festen Platz im Kalender vieler Cineasten gesichert und ist mittlerweile nach Cannes das zweitwichtigste Kino-Ereignis Frankreichs. Was Deauville besonders macht, ist die intime Atmosphäre und die Zugänglichkeit des Festivals. Der Medienrummel hält sich in Grenzen und alles läuft etwas entspannter ab als in Cannes, Venedig oder London. Die Kinosäle befinden sich nur wenige Meter von der pittoresken Küste und der berühmten Strandpromenade entfernt. Hier kann einem auch mal Brian de Palma auf dem Bürgersteig über den Weg laufen oder Casey Affleck sitzt am Nebentisch im Restaurant. Auch dieses Jahr haben bereits zahlreiche bekannte Gesichter ihre Anwesenheit auf dem roten Teppich bestätigt. Besonders freue ich mich auf das Comeback von John McTiernan und die Haarpracht des Pierce Brosnan.

Sundance Filme dominieren den kunterbunten Wettbewerb

Das Ziel des Wettbewerbs von Deaville, genau wie von Sundance, ist es, das Beste aus der Welt des amerikanischen Independent-Kinos zu präsentieren. Deshalb kommt es regelmäßig zu beachtlichen Überschneidungen im Programm. 10 der insgesamt 14 Filme, die dieses Jahr um die Nachfolge von Night Moves als Gewinner des Grand Prix konkurrieren, waren bereits im Januar im verschneiten Utah zu sehen. Der Preis wird von einer achtköpfigen Jury verliehen, die sich im Jubiläumsjahr ausschließlich aus Präsidenten vergangener Editionen zusammenstellt (darunter Amélie-Regisseur Jean-Pierre Jeunet und die Schauspielerin Emmanuelle Béart). Den Vorsitz der Jury übernimmt Constantin Costa-Gavras, der für seine Arbeit als Regisseur und als Präsident der Cinémathèque française bekannt ist.

Die Auswahl ist eine kunterbunte Mischung aus Genre- und Kunst-Filmen, die vielen neuen, frischen Filmemachern eine Plattform bietet. Anton Corbijn, der seinen dritten Film A Most Wanted Man vorstellt, zählt bereits zu den Veteranen. Der Thriller mit Philip Seymour Hoffman wurde in Hamburg gedreht und zeigt viele deutsche Schauspieler und einen Soundtrack von Herbert Grönemeyer. Die weiteren etwas bekannteren Namen sind Ira Sachs (Keep the Lights OnMarried Life) mit dem Liebesfilm Love is Strange und Gregg Araki (Mysterious Skin - Unter die HautKaboom) mit seinem Thriller White Bird in a Blizzard.

Es ist sehr schwierig, einen Favoriten aus dem sehr ausgeglichenen Feld herauszupicken, doch es führt wohl kein Weg an Whiplash vorbei. Der Film von Damien Chazelle konnte in Sundance abräumen und wird bereits für Oscar-Nominierungen gehandelt (vor allem für die schauspielerische Leistung von J.K. Simmons). It Follows (David Robert Mitchell), Cold in July (Jim Mickle) und Jamie Marks Is Dead (Carter Smith) haben ihre Wurzeln im Genre-Kino und kommen mit einem guten Ruf nach Frankreich.

Das Programm wird durch The Better Angels (A.J. Edwards, produziert von Terrence Malick), I Origins - Im Auge des Ursprungs (Mike Cahill), A Girl Walks Home Alone at Night (Ana Lily Amirpour), The Good Lie (Monsieur Lazhar-Regisseur Philippe Falardeau),  Things People Do (Saar Klein), War Story (Mark Jackson und Uncertain Terms (Nathan Silver) vervollständigt. Trotz der geographischen Einschränkung bietet die Auswahl ein breites Spektrum an Filmen und ich freue mich darauf, jeden einzelnen davon zu entdecken.

Premieren, Premieren, Premieren 

Neben dem offiziellen Wettbewerb, finden zahlreiche Premieren statt. Eröffnet wird das Festival am morgigen Freitag mit Magic In The Moonlight von Woody Allen, während eine Woche später mit dem spektakulären Kassenflop Sin City 2: A Dame to Kill For abgeschlossen wird. Beide Filme habe ich bereits gesehen und hoffe, dass sie nicht bezeichnend für die Qualität des restlichen Programmes sind. Insgesamt 16 Filme feiern im Abendprogramm Premiere, darunter einige sehr interessante Projekte. 

Als jemand, der - zu seinem Bedauern - noch nie einen Film von Pier Paolo Pasolini gesehen hat und sehr wenig über den Regisseur weiß, hält sich meine ungezügelte Vorfreude für das Biopic Pasolini, das nach seiner Weltpremiere in Venedig gleich nach Frankreich kommt, in Grenzen. Mein Interesse ist trotzdem groß, da Abel Ferrara in der Regel immer provokante und originelle Arbeit abliefert. Ein weiteres Highlight aus Venedig für die jüngeren Zuschauer ist der neue Laika-Film Die Boxtrolls, der tragischerweise erst am Tag nach meiner Abreise gezeigt wird. Ganz besonderes freue ich mich auf die Dokumentation Life Itself über den Filmkritiker Roger Ebert, dessen Arbeit mich seit Jahren begeistert und prägt. Seine Memoiren, die als Grundlage für den Film dienten, kann ich jedem Cineasten nur ans Herz legen.  

Das Festival huldigt die Schauspielerin Jessica Chastain mit einem Tribut und zeigt die besten Filme ihrer Karriere (die gleiche Ehre wird Will FerrellRay Liotta und dem Produzent Brian Grazer zuteil) und sie bringt die kondensierte Fassung des romantischen Dramas Das Verschwinden der Eleanor Rigby von Ned Benson mit, die in Cannes bereits sehr gut ankam. Musikalisch wird es, wenn Produzent Mick Jagger das vielversprechende James-Brown-Biopic Get On Up vorstellt. Chef von Jon Favreau und Madame Mallory und der Duft von Curry vom Kitsch-König Lasse Hallström dürften meinen Appetit nach romantischen Komödien mit einem kulinarischen Element (oder kulinarischen Komödien mit einem romantischen Element) sättigen, während The November Man von Roger Donaldson und Ich darf nicht schlafen von Rowan Joffe für spannende Unterhaltung und erstklassige Frisuren sorgen sollen.

Eine der großen Freuden eines Filmfestivals ist allerdings auch das Entdecken von Filmen, über die ich vorher noch überhaupt nichts wusste. In diese Kategorie fallen Land Ho! von Martha Stephens und Allan Aaron Katz, Alex of Venice von Chris MessinaCamp X-Ray von Peter Sattler mit Kristen Stewart und Infinitely Polar Bear von Maya Forbes mit Mark Ruffalo. Außerdem ist James Camerons Meeresdoku Deepsea Challenge 3D zu sehen. Kurios ist auch, dass Anchorman 2 - Die Legende kehrt zurück in Deauville hierzulande seine "Premiere" feiert, da er in Frankreich noch keinen Kinostart hatte.  

Eine Action-Legende und Erinnerungen an verlorene Größen

Als ein Fan von Action-Streifen der achtziger und neunziger Jahre freut mich die Anwesenheit eines Mannes ganz besonders: John McTiernan hat einen seiner ersten öffentlichen Auftritte seit seiner Gefängnisentlassung im Februar (er hatte fast ein Jahr wegen Falschaussage gegenüber des FBI hinter Gittern verbracht). Zwischen 1987 und 1990 schuf der Regisseur mit PredatorStirb langsam und Jagd auf Roter Oktober drei der besten Action-Filme aller Zeiten, wie ich finde, und legte den Grundstein für drei Franchise, die bis heute die Leute ins Kino locken. Stirb langsam ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme und ich bin froh, dass McTiernan, der seit 2003 keinen neuen Film gedreht hat, wieder zurück ist. Er wird einen Vortrag über die Filmindustrie halten, den die Festival-Besucher wohl auf keinen Fall verpassen sollten.

Neben den Premieren und neuen Filmen blickt das Festival auch zurück und zeigt Klassiker. Hierfür haben sich die Organisatoren den jüngsten Ereignissen angepasst und kleine Retrospektiven für die kürzlich verstorbenen Stars Robin Williams und Lauren Bacall eingeplant. Außerdem gedenkt Deauville dieses Jahr einem der berühmtesten Kahlköpfe der Filmgeschichte namens Yul Brynner, der zur offiziellen Legende des Festivals auserkoren wurde. Demnach werde ich eine sehr "anstrengende" Woche im Dunkeln haben und euch von den zahlreichen Filmen berichten.

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