Warum Regisseure, die vom Kino kommen, Serien drehen

Bereits in den 1990er Jahren isnzenierte David Lynch Twin PeaksAbspielen
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Bereits in den 1990er Jahren isnzenierte David Lynch Twin Peaks
09.05.2017 - 09:35 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Sie kommen vom Kino und gehen ins Fernsehen - immer mehr namhafte Regisseur tauschen die große Leinwand gegen die heimischen Bildschirme. Anhand ein paar aktueller Beispiele wollen wir diese Bewegung nachvollziehen.

"Television is shit", stellt der von Harvey Keitel verkörperte Schriftsteller in Ewige Jugend fest, ehe er von seinem Gegenüber verbessert wird: "Television is the future!" Ein bewusst provozierender Satz, der ausgerechnet zu einer Zeit auf der großen Leinwand hören war, in der der Begriff des Peak TV - vor allem dank einer Studie von FX  - immer lauter wurde und sich ein Jahr später tatsächlich bewahrheiten sollte, als Paolo Sorrentino mit Der junge Papst tatsächlich eine Serie fürs Fernsehen inszenierte. Doch damit steht der italienische Regisseur nicht alleine da. Immer mehr Filmemacher kehren dem Kino den Rücken und probieren sich im seriellen Erzählen aus. Doch woher kommt dieser Trend? Wer gehört zu den bekannten Namen dieser Bewegung? Und handelt es sich dabei wirklich um eine neue Bewegung oder nur den ganz normalen Fluss der Dinge, der durch die steigende Prominenz von Serien im Allgemeinen an Aufmerksamkeit gewinnt?

Wenn wir uns die Berichterstattung über neue Serienproduktionen anschauen, könnte der Eindruck entstehen, als hätten Kino-Regisseure über Nacht gemerkt, dass sie ihre Ideen und Visionen auch ein episodischer Form umsetzen können, obgleich zwischen beiden Wirkungswelten soeben noch ein unüberwindbarer Graben existierte. Es ist ein unglückliches, aber hartnäckiges Gerücht, dass zwischen Filmen und Serien von Natur aus ein gewaltiges Qualitätsgefälle existiert und daher der Wechsel von Film zu Serie lediglich den nächsten Schritt auf einer sich dem Ende neigenden Karriere markiert. Das ist natürlich Quatsch, denn es gibt genauso viele gute Serien, wie es schlechte Filme gibt - und ebenso umgekehrt. Bereits Regielegende Alfred Hitchcock hat das Potential des von Woche zu Woche erzählten Formats erkannt und zwischen 1955 und 1965 mit Alfred Hitchcock präsentiert kurze Geschichte im Fernsehen erzählt, die es nicht ins Kino geschafft haben, einige sogar von ihm selbst inszeniert.

Der junge Papst

Wenn nun also ein namhafter Regisseur die Fronten wechselt, ist das überhaupt nichts Neues - besonders, wenn Regisseure wie David Lynch, Rainer Werner Fassbinder und Lars von Trier bereits vor mehreren Dekaden genau die Art von Serien umgesetzt haben, die gerade wieder en vogue sind: Ein Auteur aus dem Kino realisiert eine Serie, die vor allem von seinen stilistischen Merkmalen zehrt und dadurch aus den ganzen Procedurals und Sitcoms heraussticht, wie sie das klassische Network-Fernsehen überlaufen. Kino-Regisseure haben nie exklusiv für die große Leinwand gedreht, sondern in der Vergangenheit regelmäßig Abstecher in andere Gewässer unternommen, sei es nur für einzelne Episoden, die trotzdem die unverwechselbare Handschrift des jeweiligen Regisseurs trugen, wie es zum Beispiel Quentin Tarantinos Ausflüge in die Welten von CSI: Den Tätern auf der Spur und Emergency Room - Die Notaufnahme beweisen.

Dennoch scheint es momentan so, als sei die Zahl der Kino-Regisseure, die ins Fernsehen wandern, enorm gestiegen. Dieser Umstand ist allerdings auch eng mit der Tatsache verbunden, dass aktuell so viele Serien produziert werden wie noch nie zuvor, von der grundlegenden Veränderung der Serienlandschaft durch VoD-Anbieter wie Netflix und Amazon ganz zu schweigen. Herrschte früher zwischen Pilot- und Serienbestellung noch eine große (Planungs-)Unsicherheit, so ist es heute keine Seltenheit mehr, dass ein Sender gleich eine komplette Staffel, wenn nicht sogar den Plural bestellt. Das goldene Serienzeitaler ist in seiner Übersichtlichkeit längst Geschichte. Wie eingangs erwähnt leben wir im Zeitalter des Peak TV und sind geradezu mit den aus allen Ecken sprießenden Formaten überfordert. Doch dieser rasante Serien-Boom führt eben auch dazu, dass sich im Fernsehen eine Nachfrage für die Werke populärer Kino-Regisseure entwickelt.

Der US-amerikanische Pay-TV-Sender HBO dürfte in dieser Entwicklung keine unbedeutende Rolle gespielt haben - immerhin etablierte er nicht nur mit attraktiven Serien wie Die Sopranos, The Wire und Six Feet Under - Gestorben wird immer den Begriff des Quality TV, sondern fungierte unter anderem als Spielwiese für Martin Scorsese, der schließlich mit Boardwalk Empire und Vinyl die Möglichkeiten des Fernsehens ausprobierte. Auch Michael Mann ergriff sehr früh diese Chance und schloss sich mit Deadwood-Schöpfer David Milch zusammen, um mit Luck eine Geschichte zu erzählen, die es so vermutlich nie im Kino zu sehen gegeben hätte. Ähnlich erging es Steven Soderbergh, als er auf der verzweifelten Suche nach einem Verleiher für Liberace bei HBO fündig wurde und kurz darauf bei der HBO-Tochter Cinemax mit The Knick eine der aufregendsten und stilbewusstesten Serien der letzten Jahre inszenierte.

Die Flucht aus dem Kino findet folglich unter verschiedenen Voraussetzungen statt. Auf der einen Seite kann es sein, dass die kreativen Freiheiten, mit denen Netflix, Amazon und Co. werben, als verlockendes Element fungieren. Auf der anderen Seite geht es - wie überall - schlicht um finanzielle Aspekte (Budget, Bezahlung), die Regisseure trotz ihres etablierten Status vom Kino ins Fernsehen treiben. Dazu kommt, dass Regie-Auteurs in Serie mittlerweile besser atmen können als auf der großen Leinwand, wo der Platz für eigene Impulse von den omnipräsenten Franchises maßgeblich eingedämmt wird. Marvel und Disney lassen nur noch maßgeschneiderte Ware im eigens konzipierten, etablierten und vom Publikum angenommen House Style zu. Was ansonsten nicht Teil einer bekannten Marke ist, hat kaum eine Chance. Millionenschwere Blockbuster verdrängen das Mid-Budget-Kino - es würde kaum verwundern, wenn David Cronenberg bald für Amazon eine Serie dreht.

The Get Down

Gerade junge, dynamische Sender und Streming-Dienste schnappen dem Kino förmlich die Regie-Stars weg, die sich nun nach Herzenslust in Serie austoben können. Baz Luhrmann durfte etwa mit The Get Down eine der bisher teuersten Eigenproduktionen des VoD-Anbieters stemmen, während die Wachowski-Schwestern ihr Schaffen dank Sense8 um einen weiteren, ungeahnten Höhepunkt erweiterten. Cameron Crowe erhielt die Chance, seinen Almost Famous-Traum mit Roadies für ein paar Episoden weiterzuleben und Cary Fukunaga verwirklichte sich einen Traum mit der 1. Staffel von True Detective. Serien bieten Regisseuren eine spannende Plattform, um ihre Ideen und Visionen noch intensiver umzusetzen - je nach Serie im Guten wie im Schlechten. Denn wo kreative Quellen hemmungslos sprudeln, geht womöglich die Disziplin verloren und der rohe Auteur tritt in Erscheinung, der unter Umständen gar nicht unseren Erwartungen entspricht.

Genau deswegen ist es aber so spannend, wenn sich ein Regisseur in einer neuen Form ausprobiert und dabei - im besten Fall - noch mehr Eigenverantwortung über sein Schaffen hat. Klar, Woody Allens Zusammenarbeit mit Amazon, namentlich Crisis in Six Scenes, mag näher an der im Titel verstecken Krise als als einer vergnüglich eloquenten Dramedy sein, wie wir sie von dem New Yorker Regie-Urgestein gewohnt sind. Wenn nun aber in Bälde Nicolas Winding Refn, Giorgos Lanthimos, Barry Jenkins, David O. Russell, Shion Sono, Spike Lee und die Coen-Brüder ihre erste eigene Serie auf die Beine stellen, sollten wir uns auf keinen Fall pessimistisch zeigen, sondern gespannt erwarten, wie sie den Serien-Begriff in ihren eigenen Werken auslegen werden. Dann geht es nicht mehr darum, ob Serien Mist oder die Zukunft sind, sondern wie sie verstanden und wie mit ihnen gearbeitet wird. Die Rückkehr zum Kino ist schließlich nicht ausgeschlossen. Und wer weiß, vielleicht findet irgendwann ein fließender Übergang zwischen den Fronten statt.

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