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Markante Momente

1967 - Epische Shoot-Outs in New Hollywood

11.06.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Bonnie & Clye ist einer der ersten New Hollywood-Filme
© Warner Bros. / moviepilot
Bonnie & Clye ist einer der ersten New Hollywood-Filme
Klassisches Kino ist gut und schön, aber irgendwann ist es dann doch an der Zeit für etwas Neues. 1967 war es in den Vereinigten Staaten soweit: New Hollywood revolutioniert das amerikanische Kino.

Wir tragen sie allesamt in uns oder empfinden zumindest eine gewisse Faszination für sie: die dunkle Seite. Nein, hier soll es nicht um Star Wars gehen, sondern eher um eine sehr irdische Form der dunklen Seite. Und das gleich im Doppelpack. 1967 entstand mit Bonnie und Clyde ein Film, der das Böse oder, um es nicht ganz so drastisch auszudrücken, immerhin das kriminelle Potential in uns Menschen in nie dagewesener Intensität auf Filmstreifen bannte.

Triumphzug der Kleinkriminellen
Bonnie Parker (Faye Dunaway) und Clyde Barrow (Warren Beatty) sind kaputte Charaktere. Sie können nicht mit- und nicht ohneeinander, das wird bereits in den ersten Minuten ihrer improvisierten Bekanntschaft klar. Trotzdem entwickeln sie sich schnell zu einem Gangsterpärchen mit legendärem Image, verbreiten Angst und Schrecken in den Banken von ganz Texas und werden zu Antihelden des Außenseitertums.

Der große François Truffaut sollte das Skript nach wahren Begebenheiten umsetzen, schließlich war es in Thematik und Stil stark von der Nouvelle Vague inspiriert. Die Arbeit an dem Projekt Fahrenheit 451 war dem Franzosen aber wichtiger, und so wanderte das Manuskript durch diverse Hände bevor es schließlich bei Warren Beatty ankam. Der gewann zwar Arthur Penn als Regisseur, doch vor dem Dreh mussten noch einige Änderungen her. Bisexualität auf der großen Leinwand? Das war vielleicht doch ein wenig too much – und aus Clyde wurde ein impotenter Hetero.

Die Dekonstruktion des American Dream
Bonnie und Clyde entstand zwar im klassischen Studiosystem, genau wie der gleichzeitig veröffentlichte Streifen Die Reifeprüfung mit dem jungen Dustin Hoffman aber unter unkonventionellen Produktionsbedingungen und ritt somit das etablierte Hollywood noch tiefer hinein in die Krise. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten und einer aufwendigen Werbekampagne kam der Film sogar beim Publikum an – offenbar hatte es die immer gleich konstruierten Geschichten mit klebrig-süßem Happy End, die elaborierten Figuren der Oberschicht und die noch immer vorherrschende Prüderie gründlich satt.

Ein neuer Stil war geboren. Plötzlich durften die Helden der Filme Arbeiter sein – und sie wurden sogar arbeitend gezeigt. Ihre Probleme waren alltäglicher Natur, ihre Charaktere verschroben, Einzelgänger und Individualisten eroberten die Leinwände, Gewalt wurde mit blutigem Realismus gezeigt. Auch die Stars und Stripes des gelobten Landes büßten ihren überirdischen Glanz ein: Amerika war plötzlich kein Versprechen mehr – sondern ein Land, in dem die Menschen verloren umherirrten. Auf der Suche nach… ja, wonach eigentlich?

Von Bikern, Pianisten und Mafiosi
Nach New Orleans wollten die Biker im Kultfilm Easy Rider von Dennis Hopper, und verloren sich dabei im Drogenrausch. In Ein Mann sucht sich selbst versuchte der ehemalige Pianist Jack Nicholson die Beziehung zu seinem Vater zu retten und im Western The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz ließ Sam Peckinpah seine Outlaws ausgiebig zerschießen. Woody Allen machte die Figur des neurotischen Großstadtbewohners populär und George A. Romero etablierte mit Die Nacht der lebenden Toten den modernen Horrorfilm.

Die Regisseure bekamen nun mehr künstlerische Freiheiten und so entstanden Werke, die uns noch heute als unangefochtene Meisterwerke gelten: Stanley Kubrick drehte den Science-Fiction-Klassiker schlechthin 2001: Odyssee im Weltraum, Martin Scorsese zeigte in Filmen wie Hexenkessel den Alltag Kleinkrimineller in Little Italy und Francis Ford Coppola sorgte mit seiner Der Pate –Trilogie für das perfekte Musterbild des sizilianischen Mafiaclans.

Das Ende einer Ära
Aber fast alles hat bekanntlich ein Ende – und so auch New Hollywood. Die Freiheit nahm zu guter Letzt doch etwas überhand und so stürzte zum Beispiel Michael Cimino mit Heaven’s Gate – Das Tor zum Himmel United Artists in den Ruin. Vorerst besiegelte dieser gigantische Flop das Ende der künstlerisch relevanten Phase des amerikanischen Kinos. Geblieben sind Filme wie Ikonen. Aber selbst Ikonen müssen sich Kritik gefallen lassen.

Robert Altman, selbst New Hollywood-Regisseur nahm jedenfalls gehörig Anstoß an der naiven Verklärung von Bonnie und Clyde. In McCabe & Mrs. Miller ließ er als Gegenschlag Warren Beatty und Julie Christie im großen Stil ein Bordell eröffnen – und daran tragisch in der schlammigen Gebirgsstadt Presbyterian Church zugrunde gehen. Nichts mit langwieriger Durchlöcherung der legendären Hauptfiguren in epischer Slow Motion. Aber welcher Film hat die Jahrzehnte unvergessen überdauert? McCabe & Mrs. Miller oder Bonnie und Clyde?

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1967 bewegte:

Drei Filmleute, die geboren sind
20. Juni 1967 – Nicole Kidman, untreue Ehefrau aus Eyes Wide Shut
23. Juli 1967 – Philip Seymour Hoffman, Dickies Freund aus Der talentierte Mr. Ripley
28. Oktober 1967 – Julia Roberts, modernes Aschenputtel aus Pretty Woman

Drei Filmleute, die gestorben sind
29. Mai 1967 – Georg Wilhelm Pabst, Regisseur von Die Büchse der Pandora
26. Juni 1967 – Françoise Dorléac, die ehemalige Prostituierte aus Wenn Katelbach kommt
07. Juli 1967 – Vivien Leigh, Scarlett O’Hara aus Vom Winde verweht

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Ein Mann zu jeder Jahreszeit von Fred Zinnemann (Bester Film, Regisseur, Hauptdarsteller)
Goldene Palme – BlowUp – Ekstaze ’67 von Michelangelo Antonioni
Goldener Löwe – Belle de jour – Schöne des Tages von Luis Buñuel

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Die Reifeprüfung von Mike Nichols
Das Dschungelbuch von Wolfgang Reitherman
Rat mal, wer zum Essen kommt von Stanley Kramer

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
02. Juni 1967 – Benno Ohnesorg wird während einer Demonstration von einem Polizisten erschossen
05. Juni bis 10. Juni 1967 – Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn
09. Oktober 1967 – Ernesto ‘Che’ Guevara wird von der bolivianischen Armee erschossen

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