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blog me if you can #7: Watching You

Big Brother Is Watching You

01.08.2015 - 13:08 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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"Eye in the Sky" (2007)
© Constantin Film
"Eye in the Sky" (2007)
In einer Welt wie der heutigen, wo Daten und Informationen über und für bestimmte Personen beziehungsweise Firmen bares Geld bedeuten, sind Filme zum Thema Überwachung relevanter als je zuvor. Zumeist wird in dystopischen Filmen diese Problematik äußerst kritisch betrachtet. Oder der persönliche Zweifel der Beobachter selbst wird herausgearbeitet. Aber es gibt auch Vertreter, die sich eher arglos damit beschäftigen und spannende Geschichten zu erzählen wissen. Ausnahmsweise soll dieser Artikel einem solcher Filme gewidmet sein.

Ob wir es wahr haben wollen oder nicht: Wir leben in überwachten Zeiten. Die Enthüllungen der letzten Jahre zu den Tätigkeiten der diversen Geheimdienste, egal ob NSA, BND, FSB oder des chinesische Ministerium für Staatssicherheit, zeigen deutlich, wie umfangreich persönliche Daten zumindest theoretisch (konkret lässt sich so etwas natürlich nicht belegen) von staatlicher Seite gesammelt und genutzt werden können. Erst kürzlich erklärte Berlins Justizsenator Heilmann , dass er eine Ausweitung der Strafttatsbestände für sinnvoll hält, bei denen die Polizei zu Ermittlungszwecken Daten von Telekommunikationsunternehmen abfragen dürfen. Bisher betraf dies Mord, Raub, Totschlag, Brandstiftung und Drogenkriminalität, soll aber nach Ansicht des Senators beispielsweise auch auf Wohnungseinbrüche ausgedehnt werden. Im Jahre 2014 wurde in Berlin beispielsweise bereits in etwa 500 Fällen richterlich erlaubt, die Daten von sogenannten Funkzellen anzufordern. Dass bei dieser Funkzellenabfrage jedoch zunächst auch Informationen zum Bewegungsverhalten von Tausenden von Unbeteiligten mitgesammelt und erfasst werden, ist dabei leider unumgänglich. Und dass sich der Ermittlungserfolg beileibe nicht bei 100 Prozent dieser Fälle einstellte, sollte auch nicht verschwiegen werden. Trotzdem nimmt unsere Gesellschaft dies irgendwie einfach hin. Vielleicht wird sich hier und da mal empört, aber von größerem Widerstand ist nichts zu spüren. Schließlich akzeptieren wir es ja auch, dass all die (größtenteils amerikanischen) Internetriesen unsere Aktivitäten im World Wide Web verfolgen und für ihre Gunsten verwenden. Schon etwas merkwürdig, oder? Und von der quasi ungeschützten Nutzung unserer Handydaten will ich gar nicht erst anfangen. Übrigens ein Thema, das sogar der neueste Terminator-Teil aufgreift. Natürlich sind wir noch lange nicht in einem Überwachungsstaat angekommen. Zumindest nicht in der realen Welt. Unsere Regierung hat sicherlich kein Interesse daran. Was facebook, google und Konsorten betrifft, wäre ich mir da jedoch nicht so sicher ... Wenn man einmal ausschließlich die Menge an Daten betrachtet, war die Sammelwut der Staatsicherheit der DDR ein Witz dagegen. Natürlich darf man bei diesem Vergleich nicht vergessen, dass die Taten der Stasi diktatorische Verbrechen waren und die Datenspeicherung heute wohl (noch?) ausschließlich gewinnorientierte Gründe haben dürfte. Das macht es jedoch auch nicht besser...

Ein Thema für's Kino

Trotzallem übt die Idee der kompletten Überwachung und all ihrer Ausprägungen oder Möglichkeiten auch in der Literatur oder im Kino eine ungemeine Faszination aus. Sowohl in düsteren Gesellschaftskritiken als auch in actiongeladenen Unterhaltungsformen. Wohl sicherlich jeder kennt George Orwells dystopischen Roman "1984" oder wenigstens eine der Verfilmungen. Zunächst wurden in den 50ern basierend auf Orwells Roman übrigens Fernsehfilme produziert – sowohl in den USA als auch in Großbritannien. 1956 gab es dann eine erste Kinoadaption  unter der Regie von Michael Anderson mit Edmond O'Brien in der Hauptrolle. Die sicherlich bekannteste dürfte jedoch die 1984-Verfilmung  von Michael Radford sein, die 1984 in die Kinos kam und mit Stars wie John Hurt, Richard Burton (der hier seinen letzten Kinoauftritt hatte) oder Cyril Cusack besetzt wurde. Aus Orwells Roman stammt bekanntlich auch der berühmte Satz "Big Brother Is Watching You" – bis heute ist dieser Ausspruch das Synonym für Überwachung.

Unglaublich viele Filme beschäftigten sich mit dieser Thematik. Ursprünglich wollte ich für diesen Artikel eine Liste meiner Lieblingsfilme, die sich auf die ein oder andere Weise mit Überwachung beschäftigen, präsentieren. Meine Top 5 würde dann vielleicht Filme wie Der Dialog von Francis Ford Coppola, 1984 von Michael Radford, Brazil von Terry Gilliam, Das Leben der Anderen von Florian Henckel von Donnersmarck oder THX 1138 von George Lucas enthalten. Selbstverständlich gibt es sehr viele weitere gute Filme, z.B. Die Truman Show, V wie Vendetta, Minority Report, Am Ende der Gewalt, Der Staatsfeind Nr. 1, Gattaca, Equilibrium, EDtv und in gewisserweise auch Filme wie BlowUp, Caché und so weiter... Für meinen Artikel habe ich mich jedoch für einen vielleicht etwas weniger bekannten Vertreter entschieden, der mir persönlich ziemlich gut gefallen hat. Dabei handelt es sich um einen kleinen, aber feinen Thriller aus Hong Kong.

Eye in the Sky (2007)

Unter der Regie von Nai-Hoi Yau entstand im Jahre 2007 ein Film über eine Polizeispezialeinheit von Überwachungsagenten, die sich auf die Jagd nach einer Bande von professionellen Räubern mit Hilfe moderner Überwachungstechnologien machen. Yau lieferte mit Gun chung - Eye in the Sky sein Regiedebüt ab, nachdem er zuvor hauptsächlich als Drehbuchautor für Johnnie To arbeitete (z.B. Election oder PTU). Der Film ist absolut starbesetzt. Als Chef der Spezialeinheit ist Simon Yam (Ip Man, Vengeance oder Election) zu sehen, der speziell für diese Rolle etwas zugenommen hatte. Dessen Gegenpart wird von Tony Leung Ka Fai (Der Liebhaber, Ashes of Time oder Election) verkörpert. Dazu noch eine Reihe weiterer bekannter Gesichter, wenn man sich mit den Filmen von Johnny To beschäftigt: Suet Lam, Maggie Siu oder Siu-Fai Cheung. Außerdem ist mit Neuling Kate Tsui, die zuvor als Miss Hong Kong auf sich aufmerksam machte, auch eine sehr sympathische weibliche Hauptfigur vertreten.

Die Handlung

Eine Bande gut vorbereiteter Räuber überfällt seit einiger Zeit Juweliergeschäfte in Hong Kong. Da die Polizei machtlos ist, soll die geheime Polizeispezialeinheit 'Surveillance Unit' versuchen, den Dieben auf die Spur zu kommen. Diese Einheit wird von Sergeant Wong Man Chin (Yam) geleitet, einem genialen aber auch knallharten Cop. Neu in seiner Truppe ist die noch junge Rekrutin Ho Ka-Po (Tsui). Durch Data-Mining und der Auswertung moderner Überwachungsbilder gelingt es der Surveillance Unit ein Mitglied der Räuberbände zu identifizieren: 'Fatman' (Lam). Somit kommt man den Räubern sehr nah. Beim Versuch, die Bande während ihres nächstes Überfalls auf frischer Tat zu stellen, läuft aufgrund der Aufmerksamkeit des cleveren Bandesbosses Chan Chong Shan (Leung) einiges schief und die Mehrheit der Gangster kann entkommen. Doch damit beginnt das Katz-und-Maus-Spiel erst..

Simon Yam (vorne) und Tony Leung Ka Fai (hinten) in "Eye in the Sky"


Eye in the Sky geht eher unkritisch mit der Thematik der vollkommenen Überwachung um. Sie wird in diesem Thriller vielmehr als praktisches Mittel zur Verbrechensbekämpfung dargestellt. Dies tut der Film jedoch auf nachvollziehbare und (größtenteils) realistische Weise. Erstaunlicherweise geht Jungregisseur Nai-Hoi Yau relativ geerdet an die Sache heran. Seine Nähe zu Johnny To hätte durchaus einen knallharten Actionstreifen erwarten lassen. Yau konzentriert sich jedoch lieber auf klare Charaktere sowie auf eine verständliche Handlung. Natürlich kommt es jedoch teils auch zu dramatischen Momenten. Da wären zum Beispiel die Raub- und Verfolgungsszenen in Hong Kongs Großstadtdschungel. Hauptziel des Filmes ist geradlinige Kriminal-Action mit genretypischen Mitteln.

Insgesamt ist die Geschichte sicherlich recht simpel gehalten und mit 90 Minuten Laufzeit wird der Zuschauer auch nicht gerade auf die Zerreißprobe gestellt, aber dafür kann Eye in the Sky mit einer spannenden Geschichte, solidem Schauspiel und sowohl mit schönen als auch schmuddeligen Hong-Kong-Bildern aufwarten. Die Großstadt an Chinas Ostküste hat neben modernen Hochhausschluchten und unüberschaubarem Autobahnengewirr nämlich auch wunderbar dreckige Ecken zu bieten, wie beispielsweise die heruntergekommenen Wohnquartiere und Hinterhöfe. Und genau diese Mischung aus High-Tech-Überwachung und glanzloser Realität macht den Reiz des Filmes aus. Aber in erster Linie lässt uns Eye in the Sky an einer durchaus faszinierenden Form von Verbrechensbekämpfung teilhaben, die alle technischen Möglichkeiten auszuschöpft gewillt ist. Dies ist wohl ganz im Sinne des Berliner Justizsenators.

Auszeichnungen und Remake

Bei den 27ten Hong Kong Film Awards konnte Eye in the Sky zwei Preise einsammeln (Best New Actress: Kate Tsui, Best New Director) und war in sechs Hauptkategorien nominiert (Best Picture, Best Director, Best Screenplay, Best Actor: Simon Yam, Best Supporting Actress: Maggie Siu, Best Film Editing). Der Erfolg von Eye in the Sky blieb auch im Ausland nicht unentdeckt und so wurde 2013 ein südkoreanisches Remake unter dem Titel Cold Eyes  mit Kyung-gu Sol und Woo-sung Jung in den Hauptrollen produziert. Witzigerweise hat Simon Yam in dem Remake eine kleine Nebenrolle. Diese Blockbuster-Neuauflage ist allerdings mehr auf Hochglanz poliert und weniger dreckig.

Der Begriff "Eye in the Sky " stammt übrigens ursprünglich aus dem Casinogewerbe. In Casinos gibt es dieses Überwachungssystem mit dem sämtliche Tische inklusive der Groupiers komplett videoüberwacht werden, um Betrug ausschließen zu können.


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Auch ihr, liebe Leser, könnt bei dem Projekt "Blog Me If You Can" mitmachen und etwas zu dem nächsten Monatsthema schreiben. Wie das funktioniert, erfahrt ihr in den FAQs. Das Thema für den 1. September lautet "Es war einmal...". Wenn ihr Interesse habt, meldet euch einfach bei chita91 oder Grimalkin!

Alle weiteren Texte zum Thema "Watching You" findet ihr hier:

Chita91: Prestige und die Frage: Are you watching closely? 

Grimalkin: Rotoskopische Realitäten in A Scanner Darkly 

alex023: Beobachtet euch mal selbst 

Laudania: Unwirkliche Realitäten - Die Matrix hat dich 

Absurda.: Want to be like me or want to be me?

Martin Canine: Eine kritische Analyse des heterosexuellen männlichen Voyeurismus in Filmen am Beispiel von Daisy Duke oder: Schwenk die Kurven, Jessica Simpson

*frenzy_punk♥: Big Brother Is Watching You

SmooliEntertainment: Der Geist des Gewissens, die Hand der Schuld

Und hier gibt es eine Übersicht sämtlicher bisherigen "blog me if you can" Artikel.

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