Netflix verliert fast alles: Die Gründe für die böse Oscar-Klatsche

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Roma soll für Netflix den Oscar holenAbspielen
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Roma soll für Netflix den Oscar holen
15.02.2020 - 15:00 UhrVor 9 Monaten aktualisiert
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Netflix muss bei den Oscars 2020 eine üble Schlappe einstecken. Das Prestige-Projekt The Irishman blieb gänzlich ohne Preis. Mag die Academy Netflix nicht?

Das ist schon bitter: Mit 24 Nominierungen ging Netflix bei der Oscar-Verleihung 2020 ins Rennen. Kein Studio wies mehr Gewinnchancen auf als der Streaming-Dienst. Anders als der Parasite-Regisseur Bong Joon-ho, der unter goldenen Statuetten wankte, gehen die Netflix-Teilnehmer aber mit insgesamt nur zwei Auszeichnungen nach Hause.

Die Quote wird schlechter. 2018 entsprang den 8 Nominierungen noch der Sieg für Ikarus. 2017 und 2016 war Netflix jeweils mit Dokumentarfilmen vertreten, The White Helmets gewann 2017 gar. Und letztes Jahr reichte es bei insgesamt 15 Nominierungen am Ende immerhin für 4 Preise. Roma, der 2019er Parasite, machte es möglich.

Wir erklären ...

  • ... warum die Oscar-Pleite wehtut.
  • ... die möglichen Gründe für die Unterlegenheit der Filme.

Die stolzen Gewinner für Netflix beim Oscar 2020

Mehr Gelegenheiten zu gewinnen hatte dieses Jahr kein anderes Studio. Ebendarum wirken die zwei Oscars jetzt etwas mickrig. Laura Dern, die für ihre Nebenrolle in Marriage Story erstmals einen Preis holte, wird das wenig kümmern. Ebenso die Macher von American Factory, der ausgezeichneten Dokumentation über eine Fabrik unter chinesischer Führung in den USA, mit der Netflix seinen Ruf als erste Anlaufstelle für Dokus zementierte.

Adam Driver in Marriage Story

Für den Content-Chef Ted Sarandos ist das aber insgesamt zu wenig - sofern wir von der vielfältigen Anwesenheit seines Unternehmens bei der glamourösen, weltweit beachteten Verleihung absehen. Wenn die Industrie sich bei dem wichtigsten Filmpreis selbst feiert, tanzt Netflix, der neureiche Emporkömmling, genauso wild mit wie die etablierte Studio-Konkurrenz von Warner und Sony. Die Menge der Nominierungen für Netflix-Produktionen verspricht ein in der Breite hochwertiges Angebot für potentielle Neukunden.

Netflix verpulverte Millionen für The Irishman

Aber dabei sein ist eben nicht alles beim Oscar, zum weltweiten Gesprächsthema werden nachher bloß die Sieger. Über Parasite schnackten am Montagmorgen die Moderatoren lokaler Radiosender. Filmredakteure überregionaler Portale weltweit schreiben jetzt über die Satire.

Der Unterschied zwischen Parasite und jedem Netflix-Film: Ein Gewinn in der Kategorie Bester Film bewirbt den Streaming-Dienst als ganzes. Weshalb dieser entsprechend in die Oscar-Kampagne investierte. Dass das Unternehmen bis zu 100 Millionen US-Dollar bezahlte, um seine nominierten Filme zum Gewinn in den wichtigen Kategorien zu pushen, bestreitet der Filmchef Scott Stuber im Wall Street Journal  zwar.

Aber schon letztes Jahr versuchte Netflix mit einer aufwendigen Roma-Kampagne möglichst viele Gewinne zu erzwingen. 25 Millionen Dollar kostete sie angeblich.

Warum es für The Irishman beim Oscar nicht reichte

Ein Sympathieträger wie Roma fehlte Netflix dieses Jahr. Vor allem mit prachtvollem Star-Kino ging man in die Offensive: Anthony Hopkins, Scarlett Johansson, Al Pacino, Joe Pesci, Adam Driver - das ist Hollywood-Establishment vom Feinsten. Parasite mit seiner vom globalen Starrummel unbeleckten, staunenden Crew spricht da ganz andere Gefühle an.

Ist The Irishman ein langweiliges Meisterwerk? Hört den Moviepilot-Podcast:

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Ein Großteil des Marketing-Budgets soll dieses Jahr in die Bewerbung von The Irishman geflossen sein. Eine echte Chance auf den Sieg hatte das Drama aber nie, schon vor der Verleihung galten andere Film als Favoriten, etwa 1917 oder auch Joker. Gewinner-Schwung hatten diese Filme auch nicht. Das Momentum lag bei Parasite, der wurde aber unterschätzt.

Die 10 Oscar-Nominierungen für The Irishman:

  • Bester Film
  • Bester Nebendarsteller: Al Pacino und Joe Pesci
  • Bestes Kostümdesign: Sandy Powell und Christopher Peterson
  • Beste Regie: Martin Scorsese
  • Bestes adaptiertes Drehbuch: Steven Zaillian
  • Beste Kameraführung: Rodrigo Prieto
  • Bester Schnitt: Thelma Schoonmaker
  • Bestes Produktionsdesign: Bob Shaw
  • Beste visuelle Effekte: Pablo Helman

Von den 9 Bester-Film-Kandidaten blieb einzig das Mafia-Eposohne Preis - und das obwohl der in der Academy beliebte Martin Scorsese Regie führte. Mögen die 8.733 wahlberechtigten Academy-Mitglieder Netflix nicht und konnten sie sich nur letztes Jahr für den herzerweichenden Roma zur Wahl durchringen? Wahrscheinlich war es am Ende einfach Pech (und die abschreckende Länge des Epos). Als Mitfavorit galt The Irishman lediglich in der Kategorie Visuelle Effekte.

Martin Scorsese passierte das auch nicht zum ersten Mal, schon Gangs of New York ging 2003 bei 10 Nominierungen leer aus. Thelma Schoonmaker, Sandy Powell und Steven Zaillian waren damals in denselben Kategorien betroffen.

Scarlett Johansson in Marriage Story

Die Oscar-Nominierungen für Mariage Story

  • Bester Film: Noah Baumbach
  • Beste Hauptdarstellerin: Scarlett Johansson
  • Bester Hauptdarsteller: Adam Driver
  • Beste Nebendarstellerin: Laura Dern
  • Bestes Orginaldrehbuch: Noah Baumbach
  • Bester Score: Randy Newman

Auch einige der anderen Netflix-Nieten lassen sich leicht erklären. Bei den Irishman-Nebendarstellern teilten sich die Stimmen für Pesci und Pacino auf. Die ebenfalls doppelt nominierte Scarlett Johansson musste gegen Renée Zellweger antreten, die ausgerechnet dieses Jahr ihr Comeback feierte und der Academy damit ein tolles Narrativ lieferte. Adam Driver ist noch zu jung für einen Oscar-Gewinn und Joaquin Phoenix war einfach mal dran. Die Zwei Päpste fehlte im Vorfeld jeglicher Buzz.

Bei den Animationsfilmen haben Pixar und Disney ein Oscar-Abo und Netflix war abermals doppelt vertreten mit Klaus und Ich habe meinen Körper verloren. In der Kategorie Beste Doku schlug sich Netflix übrigens selbst. The Edge of Democracy ging gegen American Factory leer aus.

Weitere Oscar-Nominierungen für Netflix

  • Bester Animationsfilm Ich habe meinen Körper verloren
  • Beste Animationsfilm Klaus
  • Beste Dokumentation: American Factory
  • Beste Dokumentation: The Edge of Democracy
  • Dokumentation - Kurzfilm: Life Overtakes Me

In den großen Kategorien Regie und Bester Film war Parasite wohl übermächtig. Hier wiegt die Netflix-Niederlage gleichzeitig am schwersten. In der Kategorie Bester Film konnte der Streaming-Dienst noch nie gewinnen. Aber Netflix produziert eben auch erst seit 4 Jahren ernsthaft Filme.

Update: In der ursprünglichen Version des Artikels hieß es, Robert DeNiro sei als Bester Hauptdarsteller nominiert gewesen. Das trifft nicht zu, der Fehler ist behoben.

Hättet ihr Netflix mehr Oscars gegönnt?

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