Sensationssieg: Parasite hat die Oscar-Katastrophe verhindert

Die Oscar-Verleihung 2020
© Koch Films
Die Oscar-Verleihung 2020
11.02.2020 - 13:10 UhrVor 9 Monaten aktualisiert
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Parasite schreibt Oscar-Geschichte und siegt beim Besten Film über 1917, Joker und Once Upon a Time in Hollywood. Wir dürfen an das Gute in den Academy Awards glauben.

Für die absolute Sensation hat nur ein verwechselter Briefumschlag gefehlt. Vergangene Nacht hat Parasite den Oscar für den Besten Film gewonnen. Als erster nicht-englischsprachiger Film wurde der südkoreanische Thriller mit diesem Academy Award ausgezeichnet.

Es kann gar nicht überschätzt werden, wie sehr die 8.733 wahlberechtigten Mitglieder diesen Film mögen mussten, damit er sowohl beim Internationalen Film als auch in der Hauptkategorie siegen konnte. Parasite ist das gelungen, was Roma letztes Jahr versagt blieb. Und er hat eine katastrophal langweilige Verleihung vor dem Sturz ins Wachkoma bewahrt. Wir können an das Gute in den Oscars glauben.

3 Gedanken zur Oscar-Verleihung 2020

  • Die Verleihung hatte kaum Humor zu bieten, dafür viel zu viele Songs.
  • Die Angst vorm Anecken dominierte auch diese Oscars und das wird sich sobald nicht ändern.
  • Es ist ein Glück, dass Parasite über den vermeintlichen Favoriten 1917 triumphiert hat.
  • Übersicht: Alle Gewinner beim Oscar 2020 als Liste

Oscar-Verleihung 2020: Wenn die Lebenszeit verrinnt

Katastrophen sind natürlich relativ, wenn es um eine Entertainment-Preisverleihung geht, aber in einer übermüdeten Oscar-Nacht spürt man die Lebenszeit schneller verrinnen als irgendwo sonst im Geschäft der Filmberichterstattung. Erst recht, wenn sich die Produzenten dazu entscheiden, die Show mit lieblosen Montagen und Musiknummern vollzustopfen. Das war der Fall bei den 92. Academy Awards, die in der Nacht von Sonntag auf Montag in Los Angeles zum zweiten Mal hintereinander ohne Moderator bestritten wurden.

1917

Nach dem Eklat um Beinahe-Moderator Kevin Hart letztes Jahr brüstet sich der wichtigste Filmpreis in Hollywood mit Unangreifbarkeit, zumindest außerhalb der Nominierungen. Möglichst viel Musik, möglichst wenige Witze, die online anbrennen könnten, lautete wieder das Rezept. Besserung ist nicht in Sicht. Heraus kam jedenfalls eine kürzere Grammy-Verleihung, die sich oft so anfühlte, als wäre der Zeigefinger bei Spotify auf der "zufälligen Wiedergabe" eingeschlafen.

Wie sonst mag man ein nettes Medley über die nominierten Filme von Janelle Monáe und Billy Porter mit einem Auftritt von Eminem verbinden? Also abgesehen davon, dass er ein Album in den Charts hat, gerade edgy genug für Werbetreibende ist und vor 18 Jahren einen Oscar gewonnen hat. Vor 18 Jahren!

Oscar: Parasite hat die 1917-Katastrophe verhindert

Wenn einen die Verleihung im Stich lässt, dann müssen die Gewinner ans Werk. Das war schon letztes Jahr so, als der Sieg von Green Book das transatlantische Online-Feuilleton in Rage versetzte. Entzückend war die Aufregung über die harmlose Tragikomödie anzusehen. Diesmal wurde der so gut wie sichere Sieger 1917 auf die (technischen) Plätze verwiesen. Eine katastrophale Verleihung wäre es gewesen, hätte Sam Mendes' zu Tode choreografiertes Granaten-Ballett den Hauptpreis des Abends gewonnen. Oder die Beste Regie.

Was hätte es übers Kino des anbrechenden Jahrzehnts ausgedrückt, wenn eine künstlerische Fehlkalkulation wie 1917 zu diesen Ehren gekommen wäre? Dann doch lieber Streaming forever. Ein reaktionärer Action-Reißer, der auf der vorgeblichen Suche nach Humanität im Grauen nur willige Marionetten vorführt, denen alle dreißig Minuten Star-Gesichter angeklebt werden.

Es braucht schon eine absurden Grad der Selbstüberschätzung gemischt mit einem befremdlichen Brit-Patriotismus, um ausgerechnet im Massensterben des Ersten Weltkriegs einen Schmelztiegel angelsächsischer Charakterbildung anzuheizen.

Joker

Andererseits: Jojo Rabbit. Taika Waititi erhielt den Oscar für das Beste adaptierte Drehbuch für - leider nicht meine Schöpfung - Moonreich Kingdom. Dem Neuseeländer Waititi kam die sonderbare Ehre zu, bei diesen Oscars sowohl süßliche Ticks des amerikanischen Independent-Films als auch eine sentimentale (!?) Holocaust-Story ins Rennen zu schicken. Im selben Film! Me, Earl and the Hidden Girl blieb glücklicherweise ein schnell vergessener Seitenweg dieses Oscar-Lebens 2020.

The Irishman wird übergangen, aber Parasite siegt

Stattdessen setzte die Oscar-Verleihung den Trend der Vielfalt fort - also der Vielfalt der prämierten Filme, nicht der Filmschaffenden. Die große Dominanz fehlte, stattdessen wurden die Preise gleichmäßig unter Once Upon a Time ... in Hollywood, Joker, Le Mans 66 - Gegen jede Chance, Little Women, Marriage Story und anderen verteilt.

Nur Martin Scorseses großartiges Drama The Irishman ging komplett leer aus. Das war angesichts der Länge und Rezeption zu erwarten gewesen. Dass Scorsese ausgerechnet beim Streaming-Dienst Netflix modernste Hollywood-Technologie künstlerisch aufregend und mehrdeutig zur Charakterzeichnung einsetzt, hätte trotzdem mehr Aufmerksamkeit verdient - vielleicht auch von Sam Mendes.

Parasite

Am Ende gewann ein Beitrag den Hauptpreis, in dem sich zahlreiche Facetten des Filmjahres bündeln. Da ist der Horror und die Gesellschaftssatire aus Wir, der explodierende Volkszorn aus Joker und Die Wütenden - Les Misérables, die unglaublich flauschigen Wollpullover aus Knives Out und Little Women und das Versteckspiel aus Jojo Rabbit. Aber treiben wir das nicht zu weit.

Parasite ist einer der besten Filme des letztes Jahres und unabhängig davon, wie kapitalismuskritisch er nun tatsächlich in den Nerv der Zeit bohrt, ist er schlicht wahnsinnig spannend, unterhaltsam und clever. Die technische Perfektion lässt den Menschen Luft zum Atmen (und Schnuppern).

Parasite verkörpert viel von dem, was dem Hollywood-Kino mal zu seinem Nimbus verholfen hatte. Das war nämlich selten nur der pure Eskapismus, sondern handwerkliches Können und ein doppelbödiges Verständnis von Unterhaltung. Früher dachte man da an jemanden wie Alfred Hitchcock. Heute denkt man an jemanden wie Bong Joon-ho. Und während Hitch ohne Regie-Oscar blieb, hat es nun immerhin Bong geschafft. Was für eine Traumfabrik.

Was sagt ihr zum Sieg von Parasite beim Oscar?

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