Cannes 2015

Adieu, Cannes - Und wo bleiben die Meisterwerke?

Dope - Red Band Trailer (English) HD
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Dope ist dope.
24.05.2015 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Bevor heute die Goldene Palme verliehen wird, gilt es Bilanz zu ziehen über die 68. Filmfestspiele in Cannes.

Eine Locke von Catherine Deneuve und drei Haarspitzen von Michael Fassbender, das gehört zur meiner Star-Ausbeute beim diesjährigen Festival de Cannes . Das Schöne an Cannes ist, das hier jeder den Star findet, den er verdient. Du schleichst nichtsahnend durch den Filmmarkt und plötzlich kreuzt ihre königliche Hoheit Ubolratana Rajakanya Sirivadhana Barnavadi von Thailand deinen Weg. Assistenten und Fotografen umringen die Prinzessin, sie halten einen royalen Abstand zu ihr, bewegen sich aber in perfekter Synchronisation, wenn sie abrupt vor einem Stand innehält, um das Poster für I Fine..Thank You..Love You (a grammatically incorrect love story) zu begutachten. Oder du siehst Wesley Morris zwei Reihen vor dir im Kino und willst am liebsten vor seinen Füßen darniederknien, um ihm in einem 10-minütigen Monolog für seinen Artikel über Fruitvale Station  deine ewige Dankbarkeit zu gestehen.

Cannes kann wahnsinnig machen, wenn das falsche Badge vor der Brust baumelt. Die Klassengesellschaft hat ihre eigenen Stars, die dank ihrer Akkreditierungsfarbe in der Schlange so unerreichbar sind wie Isabelle Huppert auf dem Roten Teppich. Doch nach dem ersten zweistündigen Warte-Einsatz, der trotzdem nicht zum Filmgenuss führt, macht die Überwältigungserfahrung Cannes einer gewissen Gelassenheit Platz. So dünn ist das Programm gesät, dass der Spaziergang durch den Filmmarkt oder die Begutachtung der riesigen Blockbuster-Werbetafeln im Plan vorgesehen scheint. Das unterscheidet die Croisette von der Berlinale, deren Durchschnittstemperatur, Entfernungen und Espresso-Auswahl das Verweilen verleiden. In den letzten Tagen gleicht das Festival-Palais den übernächtigten Party-Gängern, die einem jeden Morgen auf dem Weg zum Kino begegnen. Müde sehen sie aus, aber eine tiefe Zufriedenheit trägt sie durch die verwaisten Straßen. Und der Restalkohol.

Nun liegt es an den Coen-Brüdern und ihrer Jury, das Programm der vergangenen Tage offiziell für gut zu befinden und einen Schlussstrich unter den Koffein- und Blitzlichtexzess zu ziehen. Hinter ihnen liegt das "Jahr der Frauen", das von einer starken Präsenz weiblicher Regisseure ebenso gekennzeichnet war wie dem Aufruhr um die Absatzpflicht auf dem Roten Teppich. Das "Jahr der Liebe" wäre auch eine taugliche Umschreibung dank so unterschiedlicher Filme wie The Lobster, Irrational Man und Carol. Das "Jahr des Tanzes" bleibt der treffendste Alternativtitel. Es begann im Eröffnungsfilm La tête haute, in dem sich der junge, verhaltensauffällige Malony in einer Dorfdisco die Seele aus dem Leib springt und schlägt, führte über einen grotesk konfektionierten Tanzabend in The Lobster, die unerwartete Kinderzimmerchoreografie des verschlossenen Conrad in Louder Than Bombs bis zum Wohnzimmer-Rock'n'Roll, der für ein paar Sekunden Freiheit im niederschmetternden The Measure of a Man sorgt. Es scheint, als wäre die pure Ekstase aus den Kellern der Croisette ins Programm geschwappt, um die vielen Geschichten über Abschied und Tod aufzuweichen.

Manche Beobachter bemängelten beim diesjährigen Festival die geringe Meisterwerk-Dichte, was vielleicht am besten daran abgelesen werden kann, wie wenig im Wettbewerb gebuht wurde. Entsprechend wurde auch der letzte Film der Konkurrenz, Macbeth von Justin Kurzel, von verhaltenem Applaus und einem einzigen, penetranten Buh-Mann kommentiert, der sich vielleicht am übersteigerten Ernst der Shakespeare-Adaption gestört hat. Oder an ihrem vernuschelten Englisch. Als sperrig lässt sich der Wettbewerb auf jeden Fall beschreiben. Ein nahezu perfekter Film wie The Measure of a Man ist leider viel zu unauffällig, als dass ihm der Jubel der Kritiker entgegenbranden würde. Vermeintlich sichere Wetten auf oberflächlich ambitionierte Beiträge wie Ewige Jugend (ehemals Youth) oder The Tale of Tales wurden hingegen zum Verlustgeschäft. Selbst der großartige The Assassin von Hou Hsiao-hsien, mit Abstand der beste, schönste, aufregendste Film im Wettbewerb, wird eher von einer vokalen Minderheit verteidigt. Leidenschaftliche Liebe oder Hass, eben der Status als Film, über den die Gelben, Blauen und Rosanen gleichermaßen streiten, blieben ihm im Kritiker-Mainstream verwehrt.

Deswegen fanden sich viele, die vom Wettbewerb und Un Certain Regard enttäuscht wurden, außerhalb des Festivals in der Schlange wieder, nämlich in der Reihe Quinzaine des Réalisateurs (Director's Fortnight). Dort fand der wegen seiner Länge aus dem Wettbewerb verbannte Arabian Nights seine Anhänger, aber auch Arnaud Desplechin, dessen verspielter Coming of Age-Film Trois souvenirs de ma jeunesse ohne Weiteres in die Königsklasse gepasst hätte. Jimmy P. wurde ihm offenbar noch immer nicht verziehen. Im Gegensatz zum Festival zeigt die Quinzaine auch Beiträge, die ihre Premiere schon hinter sich haben. Deswegen wurde Dope von Rick Famuyiwa zum idealen Abschluss eines starken Jahrgangs. Es ist die Geschichte um einen Highschool-Geek aus Inglewood, der sich über den Umweg eines zufälligen Drogendeals mit seiner Identität und den mit ihr assoziierten Klischees auseinandersetzen muss. Der filmische Traum aller 90er-Jahre-Hip-Hop-Fans ist neben Dear White People und Selma ein weiterer starker Vertreter eines Kinos, das die Opferrolle ablehnt und aus einer selbstbewussten Position heraus die amerikanische Gesellschaft maßregelt, sich endlich dem alltäglichen Rassismus im Land zu widersetzen.

Das Meckern über den Wettbewerb von Cannes nimmt glücklicherweise noch nicht die neurotischen Züge so manches Berlinale-Kritikers an. Trotz des offenbar gefühlten Meisterwerk-Mangels war es ein guter Jahrgang, eben weil er vielfach sperrig ausfiel. Vielleicht werden die Coen-Brüder heute also einen Konsens-Film wie Mia madre belohnen oder sich mit Son of Saul dem Diktat der alten Meister widersetzen. Cate Blanchett könnte für Carol den Darstellerpreis entgegennehmen, während Vincent Lindon diesen auf jeden Fall verdient hätte. Wer auch immer die Preise heute Abend in sein Handgepäck stopfen wird, fest steh: Das Warten hat sich beim diesjährigen Filmfestival in Cannes gelohnt.

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