Cannes 2015

Tag 8 - Michael Caines Youth & der schönste Film in Cannes

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"Und welche Farbe hat ihr Presse-Badge?"
21.05.2015 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Michael Caine hadert in Paolo Sorrentinos Youth mit dem Alter und mit musikalischen Kühen. Den schönsten und bisher besten Film in Cannes hat aber Hou Hsiao-Hsien gedreht.

Kein Beitrag bei den 68. Filmfestspielen in Cannes  war bisher so atemberaubend schön wie The Assassin vom taiwanesischen Regisseur Hou Hsiao-hsien. Mit 68 Jahren hat Hou seinen ersten Martial Arts-Film gedreht, mit 14 Millionen Dollar seinen bis dato teuersten noch dazu. Ob es sein bester ist, müssen die Housianer da draußen klären. In jedem Fall straft er ein mit viel Gelächter belohntes Zitat aus Paolo Sorrentinos Wettbewerbsbeitrag Youth Lügen: "Wie deine Kollegen", meint eine liebevoll-garstige Jane Fonda zur ihrem Filmregisseur Harvey Keitel, "wirst du immer schlechter mit dem Alter."

Mit Youth hat Sorrentino nach La Grande Bellezza - Die große Schönheit einen Film gedreht, der wie geschaffen ist für die Croisette. Michael Caine verbringt als Komponist Fred seine verrenteten Tage in einem Spa in den Schweizer Bergen, mit ihm sein alter Freund Mick (Keitel), ein Regisseur, der mit einigen jungen Drehbuchautoren sein filmisches Testament plant. Gemeinsam sinnieren sie in Pools oder beim Dinner über die ihnen verbliebene Zeit, die verpassten Chancen der Vergangenheit und wie viel sie an diesem Tag gepinkelt haben (es sind nur ein paar Tropfen). Das klingt nach Cannes an den 343 Tagen des Jahres, an denen der rote Teppich im Schrank von Motten angeknabbert wird. Als ein Emissär der Queen bei Fred ein Konzert anfragt, sagt dieser ab. Er sei im Ruhestand und die gewünschte Komposition sei aus persönlichen Gründen unaufführbar. Seine Tochter und Assistentin (Rachel Weisz) sucht indes Trost, nachdem sie von ihrem Mann, Micks Sohn, für eine andere verlassen wurde ("Sie ist richtig gut im Bett.").

Jugend bildet in dem Wettbewerbsbeitrag vor allem Stoff für angerissene Erinnerungen und physische Dekoration. In seinen verschiedenen Stufen wird in Youth hingegen das Altern ergründet. Die späten Lebensjahre stehen natürlich im Mittelpunkt. In Gestalt von Mick, der sich in der Kunst am Leben erhält, und Fred, der sich einem Zustand gelassener Abstinenz wähnt. Leda (Weisz) vertritt die mittleren Jahre und spricht in einem meisterlich gespielten Monolog jene Vorwürfe an ihren Vater aus, welche vom selbstzufriedenen Nichtstun im Hotel übertüncht werden. Denn in Freds Fingern zuckt es, wenn er Bonbonpapier im Takt reibt oder auf einer Alm eine Herde Braunvieh zu einem der bizarreren musikalischen Momente des Festivals antreibt. Wie gewohnt erwarten den Zuschauer die vorzüglichen Bildkompositionen von Sorrentinos Stammkameramann Luca Bigazzi. Ältere Hotelgäste, scheinen im Stillstand gefangen und ihr Fegefeuer in einer Schweizer Sauna gefunden zu haben. Anderswo bolzt ein Maradona-Doppelgänger mit einem riesigen Karl Marx-Tattoo auf dem Rücken Tennisbälle in den Himmel, nachdem er mit einem Krückstock im Hotel angekommen war. Nicht nur dank der Prostata-Dialoge von Caine und Keitel ist Youth einer der witzigsten Filme des Festivals und mit seinem internationalen Cast wohl der erfolgsversprechendste Sorrentino. Manche Blogger reden bereits von Oscar-Chancen für Michael Caine, dem es neben Weisz obliegt, die opernhafte Überzogenheit von Sorrentinos Inszenierung in humanen Gesten zu verankern. La Grande Bellezza ist ein melancholischer Erinnerungsrausch mit ähnlich skurrilen Bewegtgemälden wie der Nachfolger Youth. Doch Sorrentino inszenierte in seinem letzten Film nicht nur diverse Opernfragmente hintereinander, er warf den Zuschauer in eine Oper, die nie zu Ende geht. Ihr Titel lautete "Rom". Youth dagegen ist nur so stark wie seine Einzelelemente, zu denen bewegende Reflexionen über verpasste Chancen zählen, aber auch sterile Arbeitsproben für Chanel No. 5-Werbespots.

So mancher Zaungast, der vor dem Palais in Cannes mit Schildern nach Love und Youth und Lobster (svp ) verlangt, würde in der Sauna oder auf dem Tennispatz des Alpenhotels eine gute Figur abgeben. Und vielleicht macht Youth noch mehr Spaß, wenn man sich die vielen Hintergrundgestalten als frühzeitig gealterte Kritiker vorstellt. Nach Festival-Ende werden sie in kryogenischen Särgen in die Schweiz transportiert, lassen sich mit Schoko-Packungen eincremen und hören abends Indie-Rock-Cover-Songs im Garten, bevor es in alter Frische an die Croisette geht.

Hou Hsiao-Hsien, wie geschrieben, hat dies nicht nötig. Sein hummerfreier Wuxia-Beitrag The Assassin ist sicher nicht der Film eines jungen Mannes, aber der eines wachen kreativen Geistes. Durch die Schatten treibt sich darin Shu Qi als Auftragsmörderin Nie Yinniang. Im schwarz-weißen Prolog springt sie aus dem flimmernden Dunkel eines Waldes hervor und schneidet ihrem berittenen Opfer flink die Kehle durch. Der Ton, als würde sie die Luft selbst zerschneiden, ist gellend und wird im weiteren Verlauf des Films noch von Pfeilen ergänzt, deren Aufprall wie Trommelschläge durchs idyllische Grün der Provinz Weibo hallt. In einem Film, in dem so gut wie kein Blut zu sehen ist, wird die Brutalität des Mordens auf der Tonspur weitergeführt. Nach Weibo wird Nie nach einem misslungenen Attentat geschickt, um Cousin und Jugendliebe Tian Ji'an (Chang Chen) zu töten, einen wichtigen Machthaber in der Gegend.

In der späten Tang-Dynastie, dem als "golden" verklärten Zeitalter der chinesischen Geschichte, bringt Hou also wieder zwei Hauptdarsteller zusammen, die sich in Three Times gleich auf drei Zeitebenen verliebt haben. Nur ist The Assassin keine Liebesgeschichte. Zu erotisch aufgeladenen Duellen wie in The Grandmaster lässt sich Hou nicht hinreißen. In langen Einstellugen berauschend ausgestatteter Innenwelten eines Hofes wird The Assassin aus den Rändern erzählt. Wie ein zwischenweltliches Wesen hängt Nie vor ihren Taten in Dachstühlen oder verborgen hinter Schleiern, um blitzschnell zuzuschlagen. Aus den ehrenhaften Wuxia-Helden der Ein Hauch von Zen-Tage ist ein Geist geworden, der sich die Ahnungslosen zum Opfer macht. Insofern spielt Shu Qi in The Assassin wie schon in Millennium Mambo eine Gefangene, nur wurden die Gefühle für einen ausbeutetenden Freund mit den Killer-Aufträgen einer Nonnen-Prinzessin ausgetauscht. Aber The Assassin ist nach einer Sichtung so einfach nicht zu fassen. Fakt ist, dass kein Film in Cannes mehr Schönheit zu bieten hat, als sie Hou in den Birkenwäldern und detailgenau arrangierten Tang-Interieurs findet. Fakt ist auch, dass Hous Art Filme zu machen, eine gewisse Offenheit erfordert. Auf leidenschaftliche Liebesgeschichten wie The Grandmaster oder Crouching Tiger, Hidden Dragon  zielt diese Auftragskillerin nicht ab. Hou Hsiao-hsiens Filme fordern auf, seine Räume zu durchdringen. Genau wie es der Schatten Nie Yinniang tut.

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