Phantastische Tierwesen 2 lässt aufleben, was wir an Harry Potter lieben

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen
© Warner Bros.
Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen
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"I am what I am and I do what I can."

Achtung, es folgen Spoiler zu Phantastische Tierwesen 2: Ich habe mich in diesem Kinojahr auf Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen so sehr gefreut wie auf keinen anderen Film. Alles, was mit Harry Potter zu tun hat, erfüllt mich mit einer Begeisterung, die ich seit meiner Kindheit und Jugend nicht abgelegt habe. Harry-Potter-Liebe ist gewissermaßen meine Werkseinstellung, weshalb ich jedes Erzeugnis von J.K. Rowling verschlinge und eher Nachsehen habe, anstelle laute Kritik zu üben.

Trotz dieser rosaroten Brille unterhalb meiner blitznarbenlosen Stirn kann ich die Kritik am Tierwesen-Sequel in großen Teilen durchaus nachvollziehen. Doch der Film hat meine Magie-Euphorie trotzdem wieder voll angeheizt und so vertrete ich die Meinung, dass Phantastische Tierwesen 2 ein Film ist, der vor allem bzw. vielleicht sogar ausschließlich von eingefleischten Harry Potter-Fans genossen werden kann. Das mag für den Erfolg eines Kinofilms nicht die beste Strategie sein, überzeugt mich persönlich aber trotzdem.

Phantastische Tierwesen 2 ist zu viel des Guten? - Von wegen: Ich will noch mehr!

Was viele dem Phantastische Tierwesen-Sequel ankreiden, ist seine Dichte: Es gibt zu viele Figuren, zu viele Nebenhandlungen, zu viele Andeutungen, zu viel Chaos, generell zu viel von allem. Ja, dieser Film erfordert Aufmerksamkeit. Ja, die meisten Charaktere bekommen nicht genug Screentime, um beim ersten Schauen eine emotionale Beziehung zu ihnen aufzubauen (ich empfehle hier einen zweiten Kinobesuch, was zumindest bei mir sehr geholfen hat).

Doch während manche Kritiker eine Figuren-Reduzierung zur Straffung des Films als Lösung sehen, würde ich lieber eine Erweiterung statt Kürzung der Geschichte sehen. Denn meiner Meinung nach ist es vor allem der gehetzt wirkende Schnitt, der den Film in seinen Übergängen so hart erscheinen lässt. Kaum zu glauben, dass Mark Day schon den flüssigen ersten Teil der Phantastische Tierwesen-Reihe geschnitten haben soll, wenn es sich jetzt so anfühlt, als würden wir von einer Szene zur nächsten apparieren, ohne dazwischen die nötigen Gedankensprünge mitzunehmen. Beispielsweise hätte ich gerne erfahren, wie Credence (Ezra Miller) zum Zirkus kam und dort Nagini (Claudia Kim) kennenlernte. Wie lief Newts (Eddie Redmayne) Buchveröffentlichung? Und welche Vorgeschichte hat Kopfgeldjäger Grimmson (Ingvar Eggert Sigurðsson), der auftaucht und dann spurlos wieder verschwindet?

Durch die auf 134 Minuten "gestraffte" Erzählung stellt uns Phantastische Tierwesen in vielen Punkten vor vollendete Tatsachen, sodass sich das Sequel häufig nicht richtig rund anfühlt. Doch eine noch kürzere Laufzeit würde keine Abhilfe schaffen. Im Gegenteil: Dann schaue ich doch eher einen 4-Stunden-Film, der seinen Figuren genug Raum gibt.

Was außerdem eindeutig ist: Phantastische Tierwesen legt als Film eine Grundlage für das Kommende. Eine solche Etablierung der Situation leistet normalerweise der erste Film (bzw. das erste Buch) einer Reihe. Während Phantastische Tierwesen 1 uns der neuen Handlungszeit und den Figuren nahe gebracht hat, wird aber jetzt erst im zweiten Film der eigentliche Grundkonflikts in all seinen auswuchernden Facetten vor uns ausgebreitet. Eine komplexe Geschichte braucht Zeit. Viele mag ein solcher überlanger Prolog frustrieren, doch mich erfüllt er eher mit Vorfreude auf die noch kommenden Filme.

Phantastische Tierwesen 2: Ein Fest für Harry Potter-Spurensucher

Ein großer Teil der freudigen Erwartung bezüglich Phantastische Tierwesen 3, Phantastische Tierwesen 4 und Phantastische Tierwesen 5 speist sich natürlich daraus, was es in Grindelwalds Verbrechen alles zu entdecken gibt. Ein aufmerksamer Zuschauer der alten und neuen Filme bzw. Leser der Bücher findet hier mehr Harry Potter-Easter Eggs als jeder Osterhase jemals verteilen könnte (es sei denn, er hat das Innere seines Körbchens magisch vergrößert). Schon allein deshalb könnte ich den Film immer wieder sehen.

Ich verstehe aber auch, dass all die Anspielungen auf Zauber, Charaktere und Vergangenes, was erst noch in der Zukunft passieren wird, den eher "unvorbereiteten" Zuschauer wahrscheinlich überfordert. Ein solcher Fan-Service setzt Wissen voraus, das nicht jeder mitbringt. Ein Kinogänger, der sich nur berieseln lassen will, kann davon leicht abgeschreckt werden, weil nicht alles sofort verständlich ist. Doch ich nenne das mutig. Die ganze Phantastische Tierwesen-Reihe ist schließlich nur wegen des enormen Interesses an Harry Potter entstanden (die in der finanziellen Verlängerung weiter Geld in die Kassen spülen soll). Es sollte also auch ein Film für Harry Potter-Fans bleiben. Da darf dann meinetwegen auch ein nicht wirklich zur Handlung beitragender Nicolas Flamel (Brontis Jodorowsky) vorbeischauen. Von all den Figuren, die noch auftauchen könnten, will ich gar nicht erst anfangen, weil sonst vermutlich mein Kopf in einem Funkenschauer heller als jedes Weasley-Feuerwerk explodiert.

Phantastische Logiklöcher? - Ich sage: abwarten und Butterbier trinken

Während mit den Geschichten in den Phantastischen Tierwesen-Filmen das Harry Potter-Universum weiter wächst, werden aber auch die Stimmen der Potterheads laut, die als Fans Fehler in der Geschichte anprangern. Beim ersten Anzeichen von Logiklöchern, Kanon-Brüchen und Kontinuitäts-Ungereimtheiten geht ein Aufschrei durch die Reihen der beleidigten Kenner, dass J.K. Rowling es wagt, ihre geliebte Zaubererwelt noch einmal anzufassen und zu erweitern. Doch ich sage: besser sie als Original-Autorin als irgendein anderer.

Außerdem ist das letzte Wort bei vielen "Fehlern" noch längst nicht gesprochen. Aurelius Dumbledores Existenz ins unglaubwürdig? McGonagall dürfte noch gar nicht am Leben sein? Der Lestrange-Stammbaum ist eine sinnlose falsche Fährte und Leta zu früh gestorben? Der Elderstab zeigt einen klarer Logik-Bruch? Liebe Muggel und Möchtegern-Zauberer: Wollen wir wirklich den Tag vor dem Abend verurteilen? Hier kann noch so einiges aus dem Hut gezaubert werden. Wer Geduld hatte, statt zu meckern, wurde in J.K. Rowlings Geschichten schon häufig belohnt. Sie kennt ihr Universum recht gut und ist bestimmt noch für so einige Überraschungen zu haben.

Für mich gehörte zu der Freude an Harry Potter immer auch die Lust am Spekulieren, wie es weitergehen könnte. Manchmal konnte ich die hakenschlagende Handlung voraussehen, dann wieder fiel ich bei einer neuen Offenbarung aus allen Wolken. Das Hinterfragen ist erwünscht, für einen weiteren Genuss der Zaubererwelt ist die Freude am Ungewissen dabei als Harry Potter-Fan aber Voraussetzung. Wir sprechen uns 2024 nochmal, wenn vielleicht alles, was wir jetzt zu Phantastische Tierwesen 2 zu wissen glauben, wiederlegt worden ist.

Was war bei eurem Kinobesuch von Phantastische Tierwesen 2 das vorherrschende Gefühl? Freude, Verwirrung oder Ärger?
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