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Maria Schneider und der fortwährende Missbrauch im Filmgeschäft

Maria Schneider und Marlon Brando in Der letzte Tango in Paris
© 20th Century Fox
Maria Schneider und Marlon Brando in Der letzte Tango in Paris
13.12.2016 - 09:20 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Jahrelang sprach die Schauspielerin Maria Schneider über ihre Misshandlung während der Dreharbeiten zu Bernardo Bertoluccis Klassiker Der letzte Tango in Paris. Aber niemand hörte ihr zu. Nachdem ein Video "wiederentdeckt" wurde, in dem Bertolucci selbst zugibt, was Schneider Jahrzehnte anprangerte, sind alle empört. Was für eine Farce und nur ein tragisches Beispiel für fortwährenden Missbrauch in der Filmindustrie und Gesellschaft.

In ihrer Kritik  zu Der letzte Tango in Paris schrieb Pauline Kael im Jahr 1972, dass dieser Film auch Jahrzehnte nach seiner Aufführung für viele Kontroversen sorgen wird. Sie sollte Recht behalten. Vor Kurzem tauchte auf Youtube ein Video aus dem Jahr 2013 auf, in dem Regisseur Bernardo Bertolucci über die berühmte "Butterszene" mit Marlon Brando und der damals 19-jährigen Maria Schneider sprach:

Nachdem wir den Film zusammen gemacht hatten, sahen wir uns nicht wieder, denn sie hasste mich. Die Butterszene ist eine Idee, die ich zusammen mit Marlon [Brando] am Morgen vor dem Dreh hatte. Es war eine Szene, in der er sie sozusagen vergewaltigen sollte. Und wir hatten mit Marlon Frühstück auf dem Boden des Apartments. Es gab ein Baguette und Butter und wir schauten einander an und ohne es auszusprechen wussten wir, was wir wollten. Aber irgendwie war ich gemein zu Maria [Schneider], denn ich sagte ihr nicht, was passieren würde, denn ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin.

Bertolucci führte über den Vorfall weiter aus:

Ich wollte ihre Reaktion und sie fühlte sich gedemütigt, man hört, wie sie 'nein, nein, nein' ruft. Und ich glaube, sie hasste mich und auch Marlon, denn wir sagten ihr nicht, dass es dieses Detail, die Butter, die als Gleitgel benutzt wurde, geben würde. Ich fühle mich schuldig deswegen, aber bereue es nicht. Manchmal muss man, um das zu kriegen, was man will, sich komplett lösen ... Ich wollte nicht, dass Maria ihre Demütigung und ihre Rage schauspielert. Ich wollte, dass Maria die Demütigung und die Rage fühlt. Sie hat mich für den Rest ihres Lebens gehasst.


Bernardo Bertolucci und Marlon Brando entschieden also gemeinsam für Maria Schneider, dass sie an dieser Stelle nicht schauspielern darf, kein "Method Acting" anwenden darf, so wie zum Beispiel Brando in diesem Film und fast allen seinen anderen. Nein, Schneider sollte sich wirklich angegriffen, gedemütigt etc. fühlen. Damit es "echter" wirke. Weil es eben echt war. Und das sei im Sinne der Kunst völlig in Ordnung. Entschied Bertolucci für Schneider, ohne dass sie jemals mitreden konnte.

Für diejenigen von euch, die diese Szene nicht kennen: Brandos Figur Paul wirft Schneiders Figur Jeanne auf den Boden, schmiert ihren Analbereich mit Butter ein und zwingt sie dann zum Analverkehr, während er von Familie spricht. (Ihr könnt den Clip bei Youtube  sehen, ich habe keine Lust, den hier einzubetten).

Bernardo Bertolucci korrigierte seine Aussagen von 2013 Anfang Dezember noch einmal und meinte, Schneider hätte schon gewusst, dass es sich um eine Vergewaltigungsszene handele (Quelle: Variety ). Maria Schneider selbst sagte zu dieser Szene in einem Interview mit der Daily Mail  im Jahr 2007 aber etwas anderes:

Die Szene war nicht im Drehbuch. Es war Marlons Idee. [Brando & Bertolucci] sagten mit erst ganz kurz bevor wir die Szene drehten, worum es ging, und ich war so wütend. [...] Marlon sagte zu mir 'Maria, keine Sorge, es ist doch nur ein Film', aber während des Drehs, auch wenn das, was Marlon tat, nicht echt war, weinte ich echte Tränen.

Maria Schneider wusste also nach eigenen Angaben bis direkt vorher nicht, dass es eine Vergewaltigungsszene sein würde, und vom Detail mit der Butter, die ihr zwischen die Beine geschmiert wurde, wurde sie gar nicht in Kenntnis gesetzt. Der Rest des Aktes war zwar nur gespielt, doch diese Szene an sich war in keiner Weise einvernehmlich, abgesprochen. Schneider konnte gar nicht einwilligen, sie wurde überrumpelt und gedemütigt vor einem ganzen Filmteam und nun, immer wieder replizierbar, im Film selbst. Noch dazu ruft sie im Film tatsächlich mehrmals "Nein!" und versucht sich zu wehren.

Ich fühlte mich gedemütigt und ehrlich gesagt, ein wenig vergewaltigt von Brando und Bertolucci. Nach der Szene hat mich Marlon nicht getröstet oder sich entschuldigt. Gott sei Dank war es nur ein Take.

Im Übrigen: Es bedarf keiner Penetration, um jemanden sexuell zu nötigen und diesem Menschen nicht nur das Vertrauen zu nehmen, sondern auch massiven psychischen Schaden zu verursachen.

Nach diesem Film sollte Maria Schneider nie wieder eine Nacktszene drehen und hatte Zeit ihres Lebens, bis zu ihrem Tod im Jahr 2011, psychische Probleme, denen sie teilweise mit Alkohol und Drogen begegnete. Der Schauspieler und ihr enger Freund Joe Dallesandro schrieb auf Facebook  dazu, dass ihre Probleme eindeutig mit der "Butterszene" zu tun haben:

Als erstes möchte ich sagen, dass ich diese Informationen schon seit Jahrzehnten kenne, da Maria und ihre Freundin sehr enge Freunde von mir waren und ich sehr versucht habe, ihr zu helfen, mit dieser Tragödie klarzukommen. Ich habe viereinhalb Jahre nach diesem Vorfall mit ihr gearbeitet und es hat viel von der Person, die sie vor Last Tango war, ruiniert. Wie viele von uns es tun, wenn wir von anderen missbraucht worden sind, hat sie Drogen und Alkohol benutzt, um mit dem Schmerz, den dieser Film in ihr ausgelöst hat, klarzukommen. [...]

Es gab viel Empörung über diesen Zwischenfall in den letzten Tagen. Manche hatten Bernardo Bertoluccis Aussagen missverstanden und dachten, er spreche von einer tatsächlichen Vergewaltigung. Aber auch die, die seine Aussagen korrekt verstanden, waren, meiner Meinung nach absolut zu Recht, empört.

Für Maria Schneider kommt die Diskussion längst zu spät. Sie hatte jahrelang darüber gesprochen, doch niemand nahm sie ernst. Es ist schon bedenklich und abscheulich, dass erst jetzt, wo Bertolucci darüber Auskunft gibt, dem Vorfall Glauben geschenkt wird. Aber das ist ja nichts Neues.

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Bei Bill Cosby mussten es erst über 50(!) Frauen werden, bis ihnen geglaubt wurde. Und auch heutzutage gibt es noch viele, die Roman Polanski und Woody Allen entschuldigen. Und viele, die weiterhin, ohne auch nur einen Moment innezuhalten, mit ihnen arbeiten, ihre Filme sehen etc.

Maria Schneider ist kein Einzelfall. Es gibt viele horrende Geschichten über Männer in der Filmindustrie, die ihre Positionen ausnutzen, die Grenzen überschreiten. Diese Storys sind so alt wie Hollywood selbst. Erst vor ein paar Wochen hat Tippi Hedren in ihrer Autobiographie  beschrieben, wie Alfred Hitchcock sie sexuell belästigte und ihr nachstellte, wenn er sie nicht gerade vor der Kamera quälte (was in seinen Ausmaßen nicht annähernd an die arme Shelley Duvall herankommt, die von Stanley Kubricks Aktionen in The Shining massive psychische Beeinträchtigungen zurückbehielt). Oder die Kinderstars Corey Haim und Corey Feldman, die als Kinder missbraucht wurden. Während Haim an seiner Drogensucht zugrunde ging, traut sich Feldman bis heute nicht, Namen zu nennen, da die vermeintlichen Täter noch immer viel Einfluss hätten. Zu diesem Thema gibt es die interessante Doku An Open Secret von Amy Berg.

Man erinnere sich auch an die Geschichte von Linda Lovelace, die Zeit ihres Lebens behauptete, dass ihr sadistischer Ehemann sie durch Schläge, psychische Gewalt und manchmal mit einer geladenen Waffe dazu zwang, in Pornofilmen mitzuspielen. Für ihre "Paraderolle" in Deep Throat bekam Lovelace übrigens 1.250 US-Dollar, die ihr Mann einstrich. Der Film spielte über 600 Millionen Dollar ein. Lovelace sah davon keinen Cent, musste sich dann aber viele Jahre gegen diverse Ko-Stars und Produzenten etc. wehren, die ihr absprachen, dass sie gezwungen wurde. Beim Geld fügt sich übrigens auch Schneider wieder ein. Sie bekam für ihre Rolle 2.500 Pfund. Brando und Bertolucci verdienten sich an diesem Kassenschlager eine goldene Nase.

Aber auch jetzt hat sich an diesem Ungleichgewicht nichts geändert. Schauspielerinnen wie Thandie Newton berichten von Übergriffen  bei Castings; Rose McGowan twitterte die bitteren Umstände ihrer Vergewaltigung durch einen Produzenten, um darauf aufmerksam zu machen, warum Frauen diese Übergriffe oft nicht melden:

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Ich könnte hier noch eine ganze Reihe weiterer Beispiele angeben, aber lassen wir das. Nur eines noch in Sachen Quantität: Statistisch gesehen  wird weltweit jede dritte Frau in ihrem Leben ein- oder mehrmals Opfer sexueller Gewalt.

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Wenn ihr in Not seid, die Hotline des Weißen Rings ist: 01803 - 34 34 34. Für Männer, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind, gibt es übrigens einen eigenen Verein , der euch weiterhilft. Für Frauen ebenfalls .

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