Anjelica Huston - Zum 65. Geburtstag der Schauspielerin

Anjelica Huston in Hexen hexen
© Warner
Anjelica Huston in Hexen hexen
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Meint es gut mit den Menschen.

Hexen hexen – was für eine Angst mir dieser Film in jungen Jahren machte, und wie unheimlich ich seine Oberschurkin mit dem wunderbaren Namen Eva Ernst fand. Sie, unverstellt sardonisch und gerade deshalb verführerisch gespielt von Anjelica Huston, wollte alle Kinder dieser Welt in Mäuse verwandeln. Das angewiderte Rümpfen der Nase, sobald ein nach übler Unschuld riechender Junge ihren Weg kreuzte, hatte es mir besonders angetan: Kein Entkommen stellte der Film in Aussicht, wenn die Hexen uns Kinder selbst noch aus sicheren Verstecken heraus zu erschnüffeln wussten. Ich fragte mich, wie die monströse Nase dieser Anführerin überhaupt unter ihre menschliche Tarnung passte. Bei einer späteren Sichtung, der Rückkehr zum Kindheitstrauma also, erkannte ich dann, dass genau darin einer der Witze dieses eigentlich hochhumorvollen Films lag. Huston gab ihr faszinierendes Gesicht als Maske aus, die die schlimmste aller Hexenfratzen verbarg – und ihrerseits freilich ein Makeup war, das ebenjenes Gesicht überlagerte. Der Film muss ihr großen Spaß gemacht haben.

Die Addams Family – ein anderes Relikt der Kindheit, ungleich weniger verstörend. Als dunkle Mätresse liegt Anjelica Huston in ihrer ersten Szene auf dem Bett, "wunschlos unglücklich" trotz der schrecklich freundlich aufgehenden Morgensonne. Ihre Augen hebt dieser Film noch im unwahrscheinlichsten Moment hervor, macht sie zu einer Schönheit, die erst ins rechte Licht gesetzt hinreißende Finsternis zum Vorschein bringt. Morticia Addams, das ist in Hustons Interpretation der Figur eine Frau, die jede Regung abwärts der Augen als Zumutung begreift. Komödie bedeutet für sie nicht Hysterie, Exaltiertheit, Drüberagieren, sondern amüsante Effekte auszusitzen – ein Schauspiel kleinster Regungen, das über den Dingen steht. Wenn Anjelica Huston immer eine Anti-Meryl-Streep war, ist ihre Rosen köpfende Morticia Addams dafür eines der besten Beispiele. Auch dieser Film muss ihr ein großes Vergnügen gewesen sein, wie die Mitwirkung an der noch besseren Fortsetzung, Die Addams Family in verrückter Tradition, nahe legt.

Die Ehre der Prizzis – Kinoplakat und auch Frontmotiv der vor einigen Jahren veröffentlichen DVD zeigen die Stars Jack Nicholson und Kathleen Turner, doch der Film gehört allein Anjelica Huston. Spät gelang ihr der Durchbruch mit knapp 35 – und dass es ein Film unter der Regie ihres Vaters John Huston war, für den sie ihren bislang einzigen Oscar gewann, hatte etwas Rührendes. Huston, der "angebetete Nichtanwesende", schien sich diese vorletzte Regiearbeit locker aus den Ärmeln zu schütteln. Sie wirkt, als habe ein großer Filmemacher am Ende seines Lebens einen gar nicht großen, sondern intimen Film über den Moloch Familie drehen wollen, und als hätte er gewusst, dass die eigene Tochter darin allen die Show stehlen würde. Anjelica Huston brauchte dafür keinen Tobsuchtsanfall und keinen Tränenausbruch spielen, um der Oscarverleihung 1986 einen passenden Show-Off-Ausschnitt zu garantieren. Als innerlich zerrissene und tief unglückliche Mafiatochter Maerose Prizzi spielt sie ihre Kollegen stattdessen leise, vielleicht sogar ungewollt an die Wand.

Die Royal Tenenbaums – der erste von bisher drei Filmen, die Anjelica Huston mit Regisseur Wes Anderson drehte. Dessen stets sehr Jungs- und Männer-zentrierten Geschichten verleiht sie ein Gegengewicht, das skurriles maskulines Gebaren dort auffängt, wo es die Schwelle der Unerträglichkeit zu erreichen droht. Als stabiles Oberhaupt einer (wieder mal) allzu kaputten Familie gelingt Etheline Tenenbaum, was ihrem Mann nicht gelang: Die Neurosen ihrer Liebsten zusammenhalten. Huston spielt das mit einer unaufgeregten Souveränität, deren Gelassenheit Stars wie Gene Hackman überhaupt erst zum Strahlen bringt. Ich habe mich oft gefragt, worauf sich die in der Bezeichnung "Supporting Actor" implizierte Funktion eines Schauspielers genau bezieht. Geht es darum, den Film zu "unterstützen", ihn auch in zweiter und dritter Reihe zu tragen, oder vielmehr um die nicht sehr dankbare Aufgabe, "Actors in a Leading Role" gut und besser aussehen zu lassen? Die vielen supporting roles in Hustons Karriere könnten darauf eine Antwort geben.

Transparent, Staffel 2 – spät und kurz erscheint Anjelica Huston in der von Amazon produzierten Serie, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Wie alle großen Schauspielerinnen, die Hollywood (oder das Publikum) nicht mehr für Kinohaupt- oder wenigstens Nebenrollen geeignet hält, hat es zuletzt auch Huston ins Fernsehen verschlagen. Vielleicht ist ihre von Brustkrebs gezeichnete Figur namens Vicky als Kommentar auf ebendiese Gender-Politik lesbar: Mit Pocahontas-Zöpfen, Cowboy-Hut und Holzfällerhemd tritt sie ins Leben der von Jeffrey Tambor gespielten Trans*Frau Maura, und es ist eine erotische Begegnung außerhalb jener normativen Zwänge, die Menschen wie sie daran hindern, sie selbst zu sein. Ihr Gastauftritt in Transparent zeigt, dass Anjelica Huston noch immer Darstellungen bevorzugt, in der Figuren nuanciert statt vordergründig methodisch erarbeitet werden. Wenige Schauspielerinnen von ihrem Rang hätten dieser unbequemen Rolle zugestimmt. Und noch weniger hätten es fürs Fernsehen getan, wo sich nicht einmal Oscars gewinnen lassen.

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