American Gods: In Staffel 2 zerstört sich die Serie selbst

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"I'd be lost without my blogger." Ich blogge zwar nicht für Sherlock, aber immer gerne für euch ;)

American Gods ist zurück. Auferstanden wie die biblische Figur, die wir im Finale der 1. Staffel in dutzendfacher Ausführung vor den metaphorischen Latz geknallt bekamen. Die 2. Staffel nach dem Ausstieg von Bryan Fuller und Michael Green und dem Absprung von Gillian Anderson startete gestern auf Amazon Prime. Blieb die Frage, wie viel sich geändert hatte.

Zunächst sah ja alles einmal überraschend gut aus. Jesse Alexander trat, unterstützt von American Gods-Schöpfer Neil Gaiman persönlich, als Showrunner in den Ring. Der Trailer sah verheißungsvoll aus. Uns wurde eine knallhart ehrliche, unverblümte 2. Staffel versprochen. Doch seien wir direkt: American Gods ist kein Phönix, der aus der eigenen Asche aufsteigt. Es ist ein Adler mit gestutzten Flügeln.

Der Anfang der 2. Staffel American Gods war eigentlich ein Ende - und es fällt auf

"House on the Rock", wie der Auftakt zur 2. Staffel heißt, hätte eigentlich das Finale der 1. Staffel sein sollen. Das macht sich bemerkbar. Die Handlung hätte eine tolle letzte Episode abgegeben. Mr. World sammelt seine Kräfte, Technical Boy muss Media suchen gehen, Odin rekrutiert noch mehr Götter, es gibt ein Attentat und eine Entführung. Doch irgendwie musste aus einem Finale ein Anfang werden.

Und da beginnt bereits der Konflikt, der sich durch die gesamte Episode zieht: American Gods versucht, sich an seinen Romanwurzeln zu orientieren und trotzdem das eigensinnige Biest zu sein, was Staffel 1 in mutiger Kreativarbeit daraus gemacht hat. Alte und neue Impulse ziehen in entgegengesetzte Richtungen. American Gods befindet sich im Krieg - mit sich selbst.

Kampf 1: Visuelle Ergüsse versus entschlackte Erzählweise

Die gute Intention: Der rasante Einstieg fühlt sich an wie der hoffnungsvolle Versuch, endlich handfeste Meilensteine aus dem Buch zu manifestieren, von denen bislang lediglich das Damespiel mit Czernobog seinen Weg in die Serie gefunden hat. Eine unvergessliche Karussellfahrt lässt Fanherzen höher schlagen. Endlich wird die Handlung vorangetrieben und American Gods erwacht aus seinem Dornröschenschlaf.

Das Problem: Leider fiel Jesse Alexander beim Voranstürmen wohl siedend heiß ein: Wir haben einen Stil, den es einzuhalten gilt. Denn ein Werk, das so hart an der Grenze zu "Style over Substance" entlang tänzelte wie Bryan Fullers 1. Staffel, kann niemand mit einem Schlag entrümpeln. Staffel 2 muss auch visuell liefern. Fuller-Style ohne Fuller.

Das Resultat: Das Extravagante, das immer wieder aufblitzt, ergibt in seinen Bildern einen gehirnverbiegenden Drogentrip. Doch ganz richtig fühlt sich der Hybrid aus nüchternen und abgefahrenen Bildern nicht an. Das hübsche Bühnenbild lenkt von der Identitätskrise nur so lange ab, bis Ian McShane (Odin) und Orlando Jones (Mr. Nancy) herzhaft hineinbeißen und anfangen, in aufgesetzt exzentrischen Mono- und Dialogen darauf herumzukauen.

Kampf 2: Laura versus Shadow oder: schief gelaufenes Fore-Shadow-ing

Die gute Intention: Ricky Whittle alias Shadow bekommt ordentlich was zu tun. Er hält eine große Ansprache, die den Verlauf des Krieges beeinflussen könnte. Auch eine Prophezeiung erhält der Gute, und die untermauert seine Bedeutung für die Handlung, verstärkt das Mysterium Shadow Moon und ist auch für andere Hauptfiguren von Belang.

Das Problem: Ganz wie im Buch hält auch die Serie weiter an Shadow als zentraler Figur fest, in seiner Verwirrung und Verwunderung ein Anker für den Zuschauer. Doch Shadow hat in den bisherigen acht Folgen noch keine Persönlichkeit entwickelt. Stattdessen wurde Ehefrau Laura (Emily Browning) ins Rampenlicht gezerrt. Ihr wurde in Staffel 1 gemeinsam mit Mad Sweeney und anderen sehr viel mehr Zeit und Mühe gewidmet als Shadow.

Das Resultat: Kein Blickwinkel erhält genug Aufmerksamkeit. Unabhängig voneinander aufgebaute Charaktere müssen plötzlich auf Biegen und Brechen zusammen funktionieren und eine viel zu unübersichtliche Kerntruppe bilden. Laura und die anderen stehen zwischen Shadow und seinem Schicksal als zentrale Figur. Die eigentlich bewegenden Worte in Shadows großer Rede verklingen hohl und fühlen sich unverdient an.

Kampf 3: Mr. World versus die Schattenhaftigkeit

Die gute Intention: Crispin Glover darf seine Aura der Macht und Düsternis voll entfalten. Hier herrscht schließlich offiziell Krieg, und unser Antagonist soll Raum zum Atmen haben. Mr. World macht seinen Untergebenen im vielleicht besten Monolog der 1. Episode klar, mit wem sie es zu tun haben. Buchleser dürften aufhorchen, reine Seriengucker erhalten wichtige, clever verpackte Informationen. Wieder ist ein Sprung nach vorn spürbar.

Das Problem: Mr. World hat eigentlich das Potential, völlig unerwartet aus dem Nichts zuzuschlagen. Seine Allgegenwärtigkeit und die in Staffel 1 recht gut gehandhabte Schattenhaftigkeit machen ihn zu einem so guten Bösewicht.

Das Resultat: Detaillierte Planungssequenzen treiben zwar die Handlung voran, würgen aber jede Überraschung ab. Je mehr Screentime, desto weniger Geheimnisse. Ein Phänomen, das übrigens auch einigen anderen Göttern die Faszination rauben könnte, wenn sie wie angekündigt in Staffel 2 immer weiter aus den Schatten treten.

Nach der Schlacht: American Gods braucht einen Sieg oder die völlige Kapitulation

Die oberen Punkte sind eigentlich nur ein paar Beispiele für das allgegenwärtige Gefühl des Zwiespalts, das über der 1. Episode der 2. Staffel American Gods liegt. Eher früher als später wird eine Entscheidung fallen müssen: Räumen wir endgültig mit dem Fuller-Vermächtnis auf oder unterwerfen wir uns ihm?

Der hier versuchte Befreiungsschlag hätte mit stärkerer Beteiligung Neil Gaimans vielleicht sofort geklappt. Aus einem Interview mit Deadline ging aber deutlich hervor, dass Neil Gaiman aufgrund seiner Verpflichtungen bei Good Omens nicht die Zeit hatte, um wirklich als Co-Showrunner für American Gods zu fungieren. Ein gutes Omen für die kommende Prime-Adaption, ein schlechtes für die amerikanischen Götter.

Noch stehen wir am Anfang. Eine einzelne Folge vermag nicht, das Schicksal einer ganzen Staffel zu besiegeln. Doch vielleicht sollten wir anfangen, zu neuen und alten Göttern zu beten - auf dass sich American Gods nicht selbst zerfleischt.

Göttliches und Gottloses am Rande:

  • Mr. Wednesday ist jetzt offiziell ein "Rabbit-Racist". Vielen Dank für diese Wortschöpfung, Mr. Nancy.
  • Mad Sweeney überlebt durch sein ständiges Unglück einen Scharfschützenanschlag. Ist das dann Glück im Unglück? Und müsste das Universum jetzt implodieren?
  • Die finale Szene könnte zugleich die beste und dümmste Verwendung eines Johnny Cash-Songs in diesem Kontext sein.

Der Auftakt der 2. Staffel von American Gods ist seit dem 11.03.2019 bei Amazon Prime Video verfügbar. Jede Woche erscheint eine neue Folge.

Habt ihr die erste Folge der 2. Staffel American Gods schon geschaut?

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