moviepilot quetscht aus

7 Fragen an Dergestalt

07.06.2015 - 07:00 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
23
17
What's the word that's burning in your heart?
© moviepilot
What's the word that's burning in your heart?
Ihr glaub, ihr habt alles gesehen, und kennt euch aus? Ha! Wenn ihr mal etwas tatsächlich anderes auf der Leinwand sehen und wissen wollt, wo ihr die echten Mindfucks her bekommt - hier sind die Antworten!

Es ist nicht nur ein gutes Jahr fürs Kino, es ist bisher auch ein verdammt gutes Jahr für die 7 Fragen  gewesen, findet ihr nicht? Und es geht noch weiter, so wie heute mit den Antworten von Dergestalt . Ich könnte euch jetzt darauf einstimmen, dass mindestens ein großer Held des aktuellen Filmschaffens entzaubert wird, es noch nie so viele Geheimtipps gegeben hat, oder hier ein wahrhaft weiser König unseren Thron besteigt - aber all das wäre nur Zierrat, der nur von den Antworten ablenken würde. Nur soviel: Schreibt: "Ich will!"  - und macht mit beim Fragebogen!

Was ist deine erste Erinnerung an Film, Kino oder Fernsehen? Womit fing alles an?

Der König der Löwen in einem kleinen Dorfkino, zusammen mit meiner Mutter. Wie später nur der erste Herr der Ringe, ist dieser Film tief in mein Kinderherz eingebrochen, hat es verletzt und wieder heile gemacht. Es war so viel in diesen unendlichen 90 Minuten: Eine unglaublich epische Vorstellung der Savanne, Glück und Kraft, dann aber die Zerstörung der Familie durch den eigenen Onkel, existenzielle Einsamkeit vor dem toten Vater, seelische Verbindungen in den Sternenhimmel, die Wiederkehr des Alten in neuer Gestalt. Ein Mammut von Film. In einem famosen 3D-Rewatch vor drei Jahren habe ich beinahe genauso gebebt. Definitiv ein überdauernder Lieblingsfilm.

Neben gefühlten tausenden Fernsehserien, die ich als mittelständisch-verwöhntes Kind ständig konsumiert habe, bleibt mir die Erinnerung an die Krankheitstage. Immer wenn ich nicht in die Schule ging, weil irgendetwas in meinem Körper nicht konnte, musste ich zum Fernseher. Dieses Gefühl zu einer unmöglich frühen Zeit am Morgen Filme zu gucken war berauschend toll. Entsprechend mussten es auch epische und berauschende Saurierfilme sein. Jurassic Park und In einem Land vor unserer Zeit habe ich einige Male gesehen, entgegen jedem Kopfschmerz, den ich vor meiner Mutter natürlich stets geleugnet habe. Ansonsten wären mir diese frühen, fiebrig-schönen Erlebnisse natürlich verwehrt worden.

You are all weirdos! Der Erfolg welches Schauspielers oder Regisseurs ist Dir unerklärlich? Welches Talent wurde hingegen von der Welt sträflich vernachlässigt?

„Unerklärlich“ ist vielleicht zu weit gegriffen, weil ich relativ gutmütig bin und selbst im elendigsten Filmbrei noch Talent oder gute Ansätze erkennen kann. Wenn es allerdings um dogmatisch diktierte, „unbestreitbare“ Hypes geht, kann ich durchaus böse werden. Unter den etlichen Großleinwandproduktionen, die enorm viel Geld und Coolness einspielen, selten allerdings Eigenständigkeit und Mut besitzen, hat mich vor allem Hancock unglaublich verärgert. Damals waren alle ganz wild auf diesen coolen Typen, dem Understatement unter den Superhelden, also bin ich aus Gruppenzwang mal reingegangen. Leider stimmte damals, als ich sogar Keinohrhasen noch prima fand, gar nichts an diesem Film. Weder der unglaublich gewollte Witz, noch die weitaus schrecklichere over-the-top Dramakomponente gegen Ende, in der Zusammenhalt und Loyalität durch kräftige Superheldenposen eingefordert wurden. Ich hätte den Kinosaal zerlegen können, so abartig mies fand ich den Film, der mich in seinen kumpelhaften Annäherungen nur weiter provoziert hatte: „Komm lach doch, Kollege!“

Für definitiv überwertet halte ich auch Christopher Nolan, den ich als Unterhaltungsfilmer für solide bis ordentlich, als gehypten mindfuck-intellectuallyoverwhelming-Filmemacher allerdings für haarsträubend halte. Der Mann kann funktionierende Actionthriller inszenieren, aber immer dann, wenn er sich explizit tieferen Fragestellungen zu Identität und Wirklichkeit zuwendet, wird sein technisch-logisches Modell des Mindfucks sowas von unzureichend. Ihn genau für diese Mindfucks zu loben und hervorzuheben, halte ich zumindest für streitbar. Oder um es genauer zu sagen, zitiere ich mal frei aus einer leider verschollenen Quelle im Netz: "Wer zur Darstellung der Reise ins Unbewusste einen Aufzug verwendet, hat irgendetwas nicht verstanden." Bei Nolan bleibt der Mut irgendwo in einer gesunden Mitte stecken, ohne große Erwartungen geht er aber klar.

Von Vernachlässigung kann man auf moviepilot eigentlich selten sprechen, da jeder talentierte Undergrounddog hier sein gerechtes Lob erfährt (Shûji Terayama, Giorgos Lanthimos, Shane Carruth), die Filmwelt selbst bietet allerdings viele Ungerechtigkeiten. Alle drei Regisseure beispielweise sind in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu unbekannt. Wenn es um Kunstfilme geht, denkt man generell eher an David Lynch, David Cronenberg und vielleicht noch Alejandro Jodorowsky, darüber hinaus wirds aber schnell zu artsy. Dabei sind die meisten tollen Kunstfilme auch sehr unterhaltsam: Holy Motors, Hausu - House, Symbol - alles Filme, die sehr lebendig und keineswegs anstrengend oder langatmig sind. Da kenne ich allseits abgefeierte Meisterstücke wie Spiel mir das Lied vom Tod, die weitaus mehr Geduld beanspruchen und mit weniger Überraschungen aufwarten. Nur sind meine Beispiele eben ziemlich abgedreht, aber was spricht denn dagegen, sofern sie Spaß bereiten? Wer Überraschungen mag, dürfte die Filme zumindest stellenweise ziemlich lecker finden. Lektion für heute: Mindfucks gibt es ab heute nicht mehr bei Nolan, sondern bei Carax.

Für den ganz besonderen, auch hier sträflich vernachlässigten (3 Bewertungen), Geheimtipp gebe ich dem Leser abschließend noch Rapture bzw. Arrebato von Iván Zulueta mit. Ein herrlich schräg-düsterer Spaß mit schönen Gedanken. Und für alle, die es gerne locker, aber trotzdem kreativ haben: Hedwig and the Angry Inch. Kaum beachtet auf moviepilot (7 Kommentare [Anmerkung des Rüsseltiers: Zur Zeit der Niederschrift]), dafür ein Kulthit in den Staaten. Und hier ist der Kult wirklich verdient, denn der Film ist mit enorm viel Liebe gemacht.

Welcher Film drückt jedes Mal auf deine Tränendrüse, ob du willst oder nicht? Und welcher Film schafft es jedes Mal, alle Wolken weg zu schieben?

Zunächst einmal ist Garden State mein bester Freund unter den Filmen. Ein Film, der mich abholt, mitnimmt und mit einem besseren und wärmeren Gefühl für die Welt wieder absetzt. An dieses Gefühl reicht erst einmal kein anderer Film. Als schicker Kumpel zeigt sich dannLaurence Anyways, mit seinen überstilisierten Bildern und musikalischen Bombast. Der bringt mich innerlich schon auf die nächste Party, definitiv auch ein Cloudbuster. Abschließend noch La Grande Bellezza - Die große Schönheit, der seinem Namen alle Ehre macht und eine so sonnendurchflutete Romstimmung beschert, dass ich nur noch Urlaub und Kunst haben möchte.

Bei der Tränendrüse hat sich neben König der Löwen vor allem Pocahontas bewährt. Ohne zu spoilern bleibt zu sagen, dass der Schluss dieses unterschätzten Disneydramas so intensiv ist, dass selbst das bloße Hören des Soundtracks schon ausreicht, um mich zum Heulen zu bringen. Ansonsten ist auch Der Herr der Ringe teils unendlich traurig, sicher dürften dem Leser, gerade, was Der Herr der Ringe: Die Gefährten betrifft, einige traurige Szenen einfallen. Bei jeder davon dürfte ich vor den Tränen gestanden haben. Abschließend noch Léon - Der Profi. Auch hier wieder der Schluss, der so ziemlich alles an Tränenreizen aktiviert und zusammen mit Stings Shape Of My Heart unglaublich tief geht.

Herr Verteidiger, Sie haben das Wort: Welcher Film, welche Serie hat, deiner Meinung nach, eine viel zu schlechte Bewertung auf moviepilot?

Definitiv das Künsterbiopic Renoir (6.0), das zudem noch viel zu unbekannt ist. Viele beurteilen den Film in meinen Augen nach den falschen Maßstäben bzw. setzen an den falschen Punkten an. Wer den Film nach Handlung, äußerem Spektakel oder großen Figurenkonflikten abtastet, mag angesichts von dessen fast stoischer Ruhe gelangweilt sein. Wer allerdings diese fantastische südfranzösische Atmosphäre, die feinen Anspielungen und Symbole auf sich wirken lässt, erkennt die Tragweite und emotionale Gewalt des Films erst, der ein wirkliches Meisterwerk ist. Ansonsten sind die Moviepiloten gerechte Leute.

Bibbedi-bobbedi-buh: Du bist jetzt König von Hollywood! Was würdest du als erstes ändern?

Zunächst einmal muss das Mainstreaming aller Filme auf eine bestimmte Botschaft und bestimmte unhinterfragte Werte weg. Klar, mit David Fincher oder Sean Penn gibt es auch rebellische Regisseure in Hollywood, aber auf breiter Ebene wird viel zu wenig Reflexionsraum für die Zuschauer geschaffen. Irgendwo steht wohl immer noch geschrieben, dass nur Eindeutigkeit mitreißend, weil mitnehmend ist. Tatsächlich ist sie der Grund, warum viele ursprünglich große Hits eine sehr geringe Halbwertszeit haben. Es ist eine absolute Vorhersehbarkeit, die den Zuschauer bloß noch mit fertigen Strukturen konfrontiert. Oder man wird experimentell à la Nolan und versetzt einfach ein paar Bausteine im Hollywoodpuzzle und lässt den Zuschauer etwas knobeln. Wo aber bleibt schließlich die Herausforderung des Zuschauers als ganzen Menschen mit allen Emotionen, aber auch kognitiven Ansprüchen? Gerade das Genre des Horrorfilms leidet hierbei übelste Qualen. An sich sehr komplizierte Gattungsmechanismen werden immer auf die gleichen Oberflächenreize abgeklopft. Ähnliche Schockmomente kann mir auch meine Katze bescheren und das ohne Budget! Von demher braucht mein Vorhaben vor allem Umdenken und kein weiteres Geld.

Welchen großen, hochgelobten Klassiker oder Kultfilm magst du insgeheim überhaupt nicht? Welche Lücke in deinem Filmwissen hast du bisher geheim gehalten? Wir verraten es auch keinem...

Och, geheim halte ich meine Abneigungen nicht. Tatsächlich habe ich gegen keinen der großen Klassiker oder Kulthits irgendwelche großen Abneigungen. In den meisten Fällen erkenne ich trotz kleiner oder großer Langeweile durchaus die Qualitäten (Spiel mir das Lied vom Tod, Die Verachtung, Blade Runner). Richtig schlecht bzw. nervig fand ich nur den Modern Classic The Tree of Life, den scheinbar cleveren, aber tatsächlich ziemlich flachen Match Point, den pseudotiefgehenden Borgman und die müde Stildiashow Kill Bill: Volume 2.

Wenn du drei Filme für eine einsame Insel wählen müsstest (auf der es unerklärlicherweise ein Home-Entertainment-System gibt), welche wären es?

Definitiv Garden State für den gemütlichen Seelenfrieden, dann Holy Motors für die Gehirnwindungen und mein merkwürdiges Bedürfnis nach chaotischen und aufregenden Filmen, und schließlich La Grande Bellezza, weil der so wunderschön ist, dass ich ihn einfach ab und an brauche. Wobei ich dann Sehnsucht nach Italien bekomme und mich wiederum nur durch Garden State vor einem qualvollen Seelentod bewahrt werden kann.

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News