Geburtstag

Wir gratulieren der Horror-Ikone Wes Craven zum 70.

© Montage: moviepilot.de

Lieber Wes Craven

Da Sie studierter Psychologe sind, lassen Sie uns doch akademisch einsteigen: Die deutsche Wikipedia behauptet, Sie zeigten “Gewalt und Folter als hässlichste Form der menschlichen Seele ohne jegliche Stilisierung”, und das ist – sind wir doch mal ehrlich – natürlich ganz großer Schwachsinn. Wer sowas behauptet, hält vermutlich auch Funny Games U.S. (1997) von Michael Haneke für einen moralisch integren Film. Als ob es möglich wäre, Gewalt filmisch darzustellen ohne sie zu stilisieren.

Wenn jemand sich da auskennt, dann Sie. Ihr Regiedebut Das letzte Haus links (1972) war so krank und brutal, dass mancher Kritiker die Bezeichnung “Horrorfilm” zu milde fand und erst der Begriff “Terrorfilm” eingeführt werden musste, bevor es möglich war, angemessen darüber zu sprechen und zu schreiben.

Nachdem Sie also im Vorbeigehen mal eben ein Subgenre begründet hatten, drehten Sie mit Hügel der blutigen Augen (1977) einen weiteren Klassiker, der zusammen mit Blutgericht in Texas (Tobe Hooper, 1974) die bis heute gültige Schablone des “Backwoods Horror” entwickelte: Ein paar arme Schweine kommen in der Wildnis vom Weg ab und werden von mutierten Inzestmonstern hingeschlachtet. Wenn das nächste Mal jemand angesichts des heutigen sogenannten “Torture Porn” den Untergang des Abendlandes nahen sieht, sollten wir uns bei einer Tasse Fencheltee erinnern, wie Sie und Ihre Kollegen damals die Traumata des Vietnamkrieges aus dem kollektiven Unterbewustsein der US-Gesellschaft zu Tage zerrten, dann einen Blick auf die jetzige politische Realität werfen und das Thema zu den Akten legen.

Wer weiterhin ernsthaft behaupten will, Sie, Wes Craven, hätten Gewalt nie stilisiert, muss spätestens 1984 aufgehört haben, Ihre Filme zu gucken. Gab es in Ihrem Frühwerk noch eine gewisse zynische Bodenständigkeit in der Brutalität, war Nightmare – Mörderische Träume, den ich im wahrsten Wortsinn Ihr Meisterwerk nennen möchte, ein surrealer Bilderrausch, wie ihn der Teenie-Slasher zuvor nicht gesehen hatte.

John Carpenter mochte mit Halloween – Die Nacht des Grauens (1979) das Genre begründet und Sean S. Cunningham mit Freitag der 13. (1980) das funktionale Grundprinzip perfektioniert haben – Sie waren es, der es mit dem visuellen Einfallsreichtum eines Roman Polanski (Ekel, 1965) oder William Friedkin (Der Exorzist, 1973) auf ein neues ästhetisches Level hob und im Übrigen eines der genialsten Filmmonster aller Zeiten kreierte. Michael Myers und Muttersöhnchen Jason Vorhees mochten in die behütete Realität einer Kleinstadt oder eines Sommercamps eindringen – Freddy Krueger war im Kopf seiner Opfer, kontrollierte ihre Träume und appelierte an die Ur-Angst vor der Wehrlosigkeit im Schlaf. Nicht nur, dass sie dafür verantwortlich waren, dass ich wie viele andere mit 15 Jahren zwei Monate bei Licht schlief, Freddys unbedingte Bedrohlichkeit als moderner Nachtalp und das grenzenlos kreative Potenzial des Traumreiches garantierten zugleich, dass jedes Nightmare-Sequel – und sei es handwerklich noch so mies – am Ende irgendwie unterhaltsam und anschaubar blieb. Das lässt sich von keinem anderen Horror-Franchise sagen.

Seit einigen Jahren ist Hollywood ja im Remake-Wahn. Weil das den Leuten da irgendwann peinlich wurde, nennen sie es inzwischen “Reboot”, und auch Ihre Filme, Mr. Craven, werden fleißig rebootet. An The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen (2006) waren Sie als Produzent beteiligt. Alexandre Aja legte auch einen ordentlichen modernen Terrorfilm hin, der für heutige Sehgewohnheiten vielleicht sogar besser funktioniert als Ihr Original. Aber ganz ehrlich: Gebraucht hätte den niemand. Kulturpessimisten und Gorehounds älterer Generation behaupten gerne, der moderne Horrorfilm lege mehr Wert auf schnelle Schockeffekte als auf die Erzählung und habe, anders als die Klassiker, kein Interesse mehr an seinen Hauptfiguren, nehme insbesondere die Killer nicht wirklich als Charaktere ernst. Ich finde, das stimmt nicht immer. Auf The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen trifft es leider zu. Und wenn ich mir den Trailer zu The Last House on the Left (2009) so ansehe, ahne ich auch da nichts Gutes, auch wenn Sie in diversen Interviews die Fähigkeiten des jungen Regisseurs Dennis Iliadis loben. Die meisten Hoffnungen setze ich ja in den einzigen Reboot Ihres Werkes, mit dem Sie – verständlicherweise – nichts, aber auch gar nichts zu tun haben wollen: A Nightmare on Elm Street (2010). Das Smells-Like-Teen-Spirit-Video des Regisseurs Samuel Bayer ist legendär, mit Jackie Earle Haley hat er einen adäquaten Nachfolger für den Freddy-Darsteller Robert Englund gefunden, und die ersten Bilder sehen ganz gut aus.

Aber lassen wir diese Spekulationen sein. Viel interessanter ist doch, wer eigentlich diese nun seit über zehn Jahren andauernde Horrorwelle losgetreten hat, die uns ja nicht nur Schrott sondern auch ein paar moderne Perlen bescherte. Das waren – oh Wunder – Sie, Mr. Craven. Gerade zwei Jahre nachdem Sie dem Nightmare Franchise mit Freddy’s New Nightmare (1994) einen (zumindest vorerst) halbwegs würdigen Abschluss verpasst hatten, drehten Sie Scream – Schrei! (1996) nach einem Drehbuch von Kevin Williamson – einem offensichtlichen Fan Ihrer frühen Arbeiten – und machten damit quasi nahtlos den Teenie-Slasher fit fürs nächste Jahrtausend, beziehungsweise, um im anfangs angeschlagenen Akademikerton zu bleiben: für die Post-Postmoderne.

Schon damals hieß es, Sie seien den Horror müde und es wurde gemunkelt, Sie hätten die beiden Scream-Sequels nur zugesagt, um die Romanze Music of the Heart (1999) finanziert zu kriegen. Ich gönne Ihnen diesen Film von ganzen Herzen und Meryl Streep die Oscar-Nominierung; nur leider sahen Scream 2 (1997) und Scream 3 (2000) auch genau so aus: wie routiniert aber pflichtschuldig heruntergekurbelte Dutzendware, besser freilich als so manches andere Slasher-Vehikel, aber eben auch nichts Herausragendes.

Dass Sie früher schon neben all den Klassikern und Geheimtips wie Die Schlange im Regenbogen (1988) auch recht seltsame Sachen gedreht haben – geschenkt. Ob nun untote Psychopathen durchs Stromnetz geisterten (Shocker, 1989) oder sentimentale Fischmonster zwischen halbgaren Actionszenen durch die Gegend philosophierten (Das Ding aus dem Sumpf, 1982), das hatte immer irgendwo seinen Charme und wirkte nie so lustlos und blutleer wie die Scream-Sequels oder die bestürzend lahmarschige Werwolfklamotte Verflucht (2005), an der außer Christina Ricci nun so gar nichts Sehenswertes war. Ich habe gelesen, dass Sie mit massiven Einschränkungen vom Studio zu kämpfen hatten und will das gerne glauben. Dennoch ist es bedrückend, von Wes Craven, dem Mann, der dreimal hintereinander das halbe Genre neu definiert hat, so lauwarme Fertigkost vorgesetzt zu bekommen. Auch dass Sie Ihren guten Namen für Mittelmaß wie Wes Craven präsentiert Dracula hergeben, schmerzt bisweilen.

Doch genug davon. Heute ist ein Tag der Freude. Sie werden 70, Mr. Craven und dazu will ich Ihnen hiermit ganz herzlich gratulieren und im Namen aller Gorehounds und Horrorfreaks danken für ein Lebenswerk, das uns fast immer großartig unterhielt, ein paar mal zu Tode erschreckte und in den Werken moderner Horrorfilmer wiederhallt wie kaum ein anderes.

Im Übrigen soll ihr letzter Thriller Red Eye (2005) ja wieder sehr gut gewesen sein. Ich muss gestehen, dass ich ihn bisher nicht gesehen habe und verspreche hiermit feierlich, das in Kürze nachzuholen. Bei einem Glas Scotch auf Ihr Wohl.

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