Tote Mädchen lügen nicht: Staffel 4 ist eine planlose Katastrophe

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Tote Mädchen lügen nicht Staffel 4
20.06.2020 - 09:00 UhrVor 3 Monaten aktualisiert
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Tote Mädchen lügen nicht hat nach den ersten dreizehn Folgen keine überzeugende Storyline mehr gefunden. In der 4. und finalen Staffel wollte man damit nun scheinbar gar nicht erst wieder anfangen.

Achtung, Spoiler zu Tote Mädchen lügen nicht: Die 4. und letzte Staffel der erfolgreichen wie kontroversen Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht bringt einmal mehr viele Probleme mit sich. Anstatt einen Heilungsprozess einzuleiten, setzen die Autoren auf die unreflektierte Darstellung von Mental-Health-Problemen.

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Da wäre zum Beispiel der sexuell missbrauchte Tyler (Devin Druid), der am Ende der 2. Staffel so verzweifelt und einsam war, dass er seine ganze Schule niederschießen wollte. Der wird jetzt im Freundeskreis umhergereicht wie ein Welpe, den sie allein nicht stubenrein bekommen, damit er bloß nicht versehentlich doch noch den Jahrgang niederballert.

Tote Mädchen lügen nicht lässt seine Figuren im Stich

Während Clay (Dylan Minnette) sich in einer der ersten Szenen der letzten Staffel von Tote Mädchen lügen nicht genüsslich eine Glasscherbe in den Daumen bohrt, versuchen wir uns zurück zu erinnern, welche Figuren im Wahnsinn der vorangegangenen Storyline eigentlich noch relevant waren.

Schaut den Trailer zur 4. Staffel von Tote Mädchen lügen nicht:

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Hier stolpern wir zwangsweise wieder über Ani (Grace Saif), der personifizierten Kontrollsucht, die es aus irgendeinem Grund auch in diese neuen Folgen geschafft hat und ... immer noch mit allen befreundet ist, obwohl sie mit Bryce Walker (Justin Prentice) geschlafen hat. Dabei ist Bryce Walker mit all seiner Bösartigkeit für einen Großteil der erschütternden Ereignisse in diesem Elend an Serie verantwortlich. Nun gut.

Außerdem stellen wir schnell fest, dass kein einziger der traumatisierten Teens seit den Geschehnissen der letzten drei (?) Jahre in Therapie war. Die von Bryce vergewaltigte Jessica (Alisha Boe), dessen Tod sie auch noch persönlich miterleben durfte? Sie verdrängt das Erlebte mit einem Rebound mit ihrem drogenabhängigen Ex-Freund Justin (Brandon Flynn) und malt eifrig Plakate im Schulkeller.

Und dann wäre da natürlich Clay, dessen Quasi-Freundin sich immer noch das Leben genommen hat und danach alle seine Freunde beschuldigt hat, daran eine Mitschuld zu tragen. Jetzt sieht er mehr tote Menschen als je zuvor.

Aber hey, die Jugendlichen haben ja sich, und Freundschaft heilt bekanntlich alle Wunden, oder?

Tote Mädchen lügen nicht

Ein Lichtblick ist Justin, der als Einstiegsgeschenk in die Jensen-Familie einen exklusiven Aufenthalt in einer Entzugsklinik spendiert bekommen hat. Yay. Neben diesem fröhlichen Alltag darf man nicht vergessen zu erwähnen: Der Teenager von heute hat Visionen. Werden die erklärt? Nein! Aber machen sie dafür im Finale endlich Sinn? Auch nein.

Wenn Clay am Ende der ersten Folge sagt "Ich bin so nicht okay" kann ich mir nur denken, wir alle nicht, Clay, wir alle nicht.

Wenn du glaubst es geht nicht mehr ...

... fahre mit 30 Teenagern in den Wald und nimm ihnen die Handys weg. Endlich wird enthüllt, um was es in diesen finalen Folgen von Tote Mädchen lügen nicht wirklich geht: Jemand ist kein Fan vom Club-Motto der 3. Staffel "Lass die Toten die Toten beerdigen" und will die Liberty-High-Bande auffliegen lassen. Blöd.

Zur großen Überraschung von niemandem bekommt Clay zum gleichen Zeitpunkt Erinnerungslücken und verliert bei seinen Blackouts immer wieder mehrere Stunden. Nachdem im Wald jeder einmal entführt wurde und alle sich gegenseitig beschuldigt haben (hat irgendjemand Clay gesehen? Nein? Komisch.) entschließt man sich auch am Ende dieser Folge, die Erwachsenen aus allem rauszuhalten. Was gäbe es schon groß zu erzählen?

Tote Mädchen lügen nicht

Die Football-Mannschaft hat das letzte Training eindeutig in Riverdale absolviert. Verschlungene Intrigen und perverse Mindfuck-Spielchen tragen uns durch die nächste Folge, bis jemand auf die großartige Idee kommt, mit allen Teenagern des Jahrgangs in den Wald zu fahren und ihnen die Handys wegzunehmen. Technik-Detox. Was sollte da schon schiefgehen?!

Übrigens erklärt sich dieses Verhalten bis zum Schluss nicht. Die Eltern von Evergreen sind in den meisten Situationen ernsthaft um ihre Kinder besorgt und versuchen, in Gesprächen einen Einblick in das Leben der Teenager zu bekommen. Ob Coming-out oder Drogenprobleme - wenn die Eltern eingeweiht werden, unterstützen sie ihre Kinder bestmöglich (oder installieren Tracking-Apps auf den Handys der Kids, aber wir weichen vom Thema ab).

Nun geht es in den nächsten Folgen rund. Von einer Find-your-own-drink-Party (that’s a thing?!), wo Clay verhindert, dass sich die Geschichte wiederholt (wir haben dir vertraut, Zach!), über einen Amokalarm an der Schule, eine Einweisung in die Psychiatrie und dem Geständnis von Ani, dass sie doch nur mit dem Schul-Vergewaltiger geschlafen hat, weil sie einsam war ... es wird kein Detail aus dem ganz normalen Teenie-Alltag ausgelassen.

Tote Mädchen lügen nicht: Die Unschuld stirbt auf dem Senior Prom

Doch endlich kommt der ausschlaggebende Punkt, an dem sich alle ihren dunkelsten Ängsten stellen müssen: das College-Anschreiben. Anstatt hier anzuknüpfen und den Figuren endlich eine Aussprache zu gönnen, kommt Cyber-Bryce und kämpft in einer düsteren Zukunft - gegen die Erwachsenen? Das sind die einzigen, die in dieser Serie eine einigermaßen weiße Weste haben! Nun ja.

Tote Mädchen lügen nicht

Ähnlich absurde Dinge passieren auch im echten Leben und es kommt endlich raus, dass Clay eine dissoziative Störung entwickelt hat und - wer hätte es gedacht? - er derjenige war, der das Geschehene ans Licht bringen wollte. So richtig scheint das aber niemanden zu stören. Alle vereinen nun ihre Kräfte, damit sie nicht gemeinsam in das nächste Trauma stolpern: die Absage ihres Senior Prom.

Endlich ist ein Thema wichtig genug, damit sich alle ihren Eltern gegenüber öffnen: Eins meiner Geheimnisse, gegen deine Zustimmung meinen Abschlussball stattfinden zu lassen (hier beliebiges Facepalm-GIF einsetzen).

Wenn ihr denkt, wir haben alles überstanden und können uns endlich pathetischen Abschlussreden und den Credits widmen, bekommt Justin AIDS auf dem Abschlussball und stirbt im Kreis seiner Lieben. Also ... seiner neuen Lieben, weil seine eigene Mutter kurz vorher auch gestorben ist und nun wissen alle, dass er Sex-Worker war und generell ist es wirklich, wirklich traurig und er hätte einfach nie das weiße Jackett zum Ball anziehen dürfen.

Staffel 4: Die Highschool ist etwas, das man überleben muss ...

... genau wie wir die finale Staffel von Tote Mädchen lügen nicht qualvoll überlebt haben. Übrigens: Wenn man einen Protagonisten sagen lassen muss, dass er nicht wirklich Geister sehen kann, sondern das nur sein Verarbeitungsprozess ist, dann gibt es vielleicht zu viele Gespräche mit Geistern in der letzten Folge. Aber irgendwie müssen die schlechten Drehbücher dieser Staffel ja kompensiert werden.

Immerhin dient eines dieser Gespräche dazu, Geister-Bryce die finale Absolution zu verweigern. Na endlich!

Tote Mädchen lügen nicht

Aber was ich der Serie zum Ende hin wirklich übel nehme, ist, dass sie die Teenager unserer Welt mit der pathetischen, wenig hoffnungsvollen Aussage alleinlässt, dass man die Highschool eben überleben muss. Denn auch wenn ihr nicht zu den Schülern gehört, die in der Schulzeit voll aufblühen, müsst ihr die Zeit nicht allein fristen und vor allem eventuelles Mobbing nicht alleine überstehen.

Ihr findet auch anderswo Freunde oder kann den Eltern beim Abendbrot ehrlich sein Leid klagen. Und wenn das nicht hilft, dann gibt es professionelle Hilfe, die dir hoffentlich vermitteln wird: Es gibt keinen einzigen Grund deinem eigenen Leben ein Ende zu setzen.

Telefonseelsorge: Wenn ihr euch von der Thematik betroffen fühlt, kontaktiert umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110-111 oder 0800-1110-222 erhaltet ihr Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus scheinbar aussichtslosen Situationen aufzeigen konnten.

Netflix-Podcast: Was bleibt von Tote Mädchen lügen nicht?

In dieser Podcast-Folge von Streamgestöber - auch bei Spotify  - tauchen Andrea, Matthias und Max tief in die Kontroverse ein, die Netflix' Teenie-Serie Tote Mädchen lügen nicht ausgelöst hat.

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Wir diskutieren die positive und negative Kritik an Staffel 1, wie Tote Mädchen lügen nicht in Staffel 2 sein eigenes Trauma (nicht genug) verarbeitet und was am Ende problematisch ist.

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