Öder Zaubertrick: Tenet ist ein Rückschritt für Christopher Nolan

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Tenet mit John David Washington
31.08.2020 - 17:00 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Tenet ist Überwältigungskino in nolan'scher Tradition: kompliziert, aber nicht komplex. Nach Dunkirk wirft der Film seinen Star-Regisseur gleich mehrere Schritte zurück.

Es gibt zurzeit vielleicht noch 2-3 Regisseure auf der Welt, die einfach niemanden kalt lassen. Christopher Nolan zählt sicher dazu. Ich zum Beispiel würde keineswegs von mir behaupten, ein Fan zu sein, und dennoch: Am Tag des Starts von Tenet sitze ich zuverlässig wie ein Uhrwerk im Kino, nachdem ich mich trotz Pandemie in überfüllte Bussen und Bahnen gequetscht habe.

Tatsächlich habe ich während den zweieinhalb Stunden Laufzeit kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, während die Zeit vorne auf der Leinwand Kopf stand. Das passiert mir zugegeben selten. Trotzdem halte ich Tenet für einen der schwächsten Nolan-Filme, mit dem der Brite in frustrierende Gewohnheiten zurückfällt. Der Blockbuster reiht sich direkt neben Inception ein und verblasst bei allem Spektakel am Ende doch wie ein zweitklassiger Zaubertrick.

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Hinter den Kulissen

Christopher Nolan und Tenet: Verloren in der Zeit

Nolan liebt das Spiel mit Dimensionen der Wahrnehmung und dem Konzept der Zeit. In Tenet verbietet sich lineares Erzählen für ihn beinahe schon, experimentell fühlt sich der Film aber trotzdem nur selten an. Erschreckend viele Kritiker monieren, Tenet sei humorlos - eine Enthüllung so spektakulär wie nasses Wasser, sofern man auch nur ein Werk des Regisseurs gesehen hat.

Auch die Rückkehr das Erklärbärs, wenn uns gleich in den ersten Minuten hochtrabend die wörtliche Bedeutung des Titels Tenet "offenbart" wird, als würde sonst nicht einmal Google sie kennen: geschenkt.

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Tenet hat ein ganz anderes Problem. Er pusht sich von kleinen zu großen Twists, die eigentlich schon in den 90er Jahren abgestanden waren. Brachiales Sound-Design, spektakuläre Rückwärts-Sequenzen sowie das schiere Tempo des Films lenken phasenweise ein wenig davon weg und lassen in anderen Momenten von einem Drehbuch träumen, das diesem Bombast gerecht wird.

Einem Drehbuch, das zu mehr verleitet als einem flüchtigen "Aha!", wenn wir zusammen mit John David Washington erst im zweiten Anlauf erkennen, dass er gerade gegen sich selbst kämpft.

Was Christopher Nolan zur Regie-Legende fehlt

Das Kino von Christopher Nolan ist an großen Bildern und Gedankenkonstrukten interessiert, nicht aber an Menschen. Zwar ist das auch nichts bahnbrechend Neues, aber seine jüngeren Filme vor Tenet haben immerhin Anstalten gemacht, eine Lösung für dieses Defizit zu finden.

Nehmen wir Dunkirk als Beispiel. Darin wird die weitgehende Anonymität britischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg zum Prinzip erhoben, denn es geht von vorneherein nicht um die Etablierung individueller Protagonisten und Antagonisten. Die deutschen Gegner bleiben sogar gesichtslos. Stattdessen macht Nolan hier konsequent einen Zustand mit den Mitteln des Genrefilms fühlbar - und einen Wettlauf gegen die Zeit.

In Tenet auf der anderen Seite trägt John David Washingtons Figur nicht einmal einen richtigen Namen, aber er ist trotzdem ein Charakter, mit dem alles steht und fällt. Die Zukunft wie die Gegenwart. Sein moralischer Kompass funktioniert einwandfrei. Eher würde er Gift schlucken als seine Mitstreiter verraten. Das allerdings war dann auch schon alles an Fleisch, mit dem die Figur bestückt wird. Für zweieinhalb Stunden etwas dünn.

Tenet mit Kenneth Branagh

Kenneth Branagh als comichafter Schurke (inklusive russischem Akzent) ist daneben ein besonderer Klotz am Bein von Tenet. Zaghaft deutet der Film an, dass die Menschheit für ihr Versagen beim Aufbäumen gegen den Klimawandel bestraft werden soll, doch aufs Wesentliche heruntergebrochen lautet die "Motivation" des todkranken Sator: Wenn ich die Welt (und meine Frau) nicht haben kann, soll sie auch sonst niemand haben. Dass Nolan mit solchen One-Linern Narrenfreiheit genießt, zeigt, wie groß er in Hollywood wirklich ist.

Tenet und der Wille, Christopher Nolan zu mögen

Der Regie-Star kann keine Figuren aus Fleisch und Blut auf der Leinwand zum Leben erwecken. Je stärker er es versucht, desto schlechter sind seine Filme. Wenn Nolan mit Dunkirk zwei Schritte nach vorn gemacht hat, geht er jetzt mit Tenet drei zurück.

Für mich ist das sehr ärgerlich, denn bei aller Kritik gönne ich dem Briten, dass er gute Filme dreht. Er steht wie kaum ein Zweiter für das Kino ein und liefert handgemachte Action, egal wie aufwändig sie ist. Laut eigenen Angaben hat Tenet weniger CGI als eine Rom-Com und damit brüstet er sich zurecht. Allein die Erkennbarkeit einer klaren Autoren-Vision lässt den Film immer noch Meilen über einem durchschnittlichen Franchise-Spektakel à la Marvel stehen.

Nolans Liebe für das Medium ist echt und vermutlich auch der Grund, warum ich unerbittlich jeden seiner Filme am ersten Tag im Kino sehe. Ich weiß aber auch, dass er mehr kann als Inception und Inception auf Speed. In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal, Herr Nolan!

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