Artemis Fowl: Bei Disney+ wird der coole Antiheld zur Qual

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Artemis Fowl
15.08.2020 - 09:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Der Fantasyfilm Artemis Fowl läuft jetzt bei Disney+. Die Buchfigur wurde von Kenneth Brannagh bis zur Unkenntlichkeit verändert. Daran scheitert der Film leider.

Manchmal hänge ich ja noch dem naiven Glauben an, dass Bücher zu Filmen adaptiert werden, weil ein Regisseur oder Produzent selbst Fan der Geschichte ist.

Doch warum werden geliebten Figuren dann immer wieder durch die Mangel gedreht, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen sind? Warum wird die grandiose Vorlage zu einem Neuwerk zusammengesetzt, dem jeder Charme der Vorlage fehlt? Ja, ich rede von dir, Artemis Fowl.

Bei Disney+ heißt es: Leb wohl, Artemis Fowl, du Antiheld meiner Jugend

Der junge Ire Artemis Fowl entdeckt die technisch fortgeschrittene Unterwelt der Feen und beschließt, diese mit einer entführten Elfe um ihr Gold zu erpressen. Diesen ungewöhnlichen Fantasy-Stoff vergessen Leser der Buchvorlage von Eoin Colfer * nicht so schnell.

Schaut den Artemis Fowl Trailer zum Disney+-Film

Artemis Fowl - Trailer (Deutsch) HD
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Als Fan der Reihe gab es bezüglich der angekündigten Adaption für mich also zahlreiche Gründe, sich auf Artemis Fowl als Film zu freuen. Doch dann kamen die ersten Trailer und die ersten Zweifel.

Spätestens mit dem unzählige Male verschobenen Kinostart, dem Wechsel zu Disney+ und den ersten schlechten Kritiken starb die Hoffnung, hier noch überrascht zu werden. Nun ist Artemis Fowl auch in Deutschland zwei Monate verspätet bei Disney+ angekommen.

Artemis Fowl

Angesehen habe ich die Umsetzung trotz niedriger Erwartungen natürlich trotzdem. Leider. Denn die Angst, dass Disney den Antihelden meiner Jugend zerstört, hat sich leider bewahrheitet. Was vor allem daran liegt, was der Film aus der Hauptfigur macht.

Nein, Disney+, das ist nicht mehr mein Artemis Fowl

Ich will jetzt gar nicht anfangen, lang und breit auszuführen, was die Verfilmung alles an der Vorlage verändert hat. Mir ist klar, dass so unterschiedliche Medien wie Buch und Film sich einer Story auf andere Weise nähern müssen.

Doch das ist keine Entschuldigung dafür, dass der Film Artemis Fowl es sich gezielt auf die Fahne geschrieben zu haben scheint, die Einzigartigkeit des Protagonisten auszumerzen. Aus einer ungewöhnlichen jungen Hauptfigur ist ein verzogener Kinderfilm-Bengel geworden.

Artemis Fowl

Der Reiz des steifen, humorlosen Jungen wird hier komplett wegrationalisiert. Dabei war das Buch damals neben allen Harry Potter-Vergleichen etwas ungewöhnlich anderes in der Kinder-Fantasy-Literatur: Ein über-intelligenter junger Krimineller mit Gefühlshemmungen, der körperliche Betätigungen verabscheute und darauf bestand, wie ein Erwachsener behandelt zu werden.

Im Disney-Film geht Artemis jetzt surfen, sorgt sich offen um seinen Vater (Colin Farrell) und spricht seinen Leibwächter freundschaftlich als "Dom" an, statt ihn förmlich beim Nachnamen "Butler" zu nennen. Anstelle des Markenzeichen-Anzugs bevorzugt er gelegentlich Freizeitkleidung.

Artemis Fowl: So künstlich wie seine Plastik-Waffen

Das mag seltsam klingen: Aber Artemis Fowl ist bei Disney+ zu sehr Kind. Und wenn wir bedenken, dass monatelang in Kinder-Castings ein passender Hauptdarsteller gesucht wurde, kann Ferdia Shaw leider auch nicht als außergewöhnliche Entdeckung glänzen.

Artemis Fowl als Kinderkram statt Herausforderung - traut dem Nachwuchs doch bitte mehr zu

Ja, Artemis Fowl ist ein Kinderfilm und ein Kinderbuch. Aber auch Kinder wollen nicht unterschätzt werden.

Die Artemis Fowl-Romane boten den cleveren Dreh, dass der anfangs 12-jährige Junge den Erwachsenen durch sein Alter etwas voraus hatte: Er war jung genug, um noch an Feen zu glauben und alt genug, sich das zu Nutzen zu machen. Seine Jugend verschaffte ihm einen Vorteil.

Artemis Fowl Senior & Junior

Im Film aber weiß Artemis' Vater (anders als in den Büchern) ebenfalls von den Fabelwesen und der Sohn tritt lediglich in seine Fußstapfen. So wird der neue Artemis in ein vorgefertigtes Schema gepresst: Der Sohn eifert dem Vater nach.

Doch haben Filmemacher wie Kenneth Branagh schon vergessen, wie es war, ein Kind zu sein? Statt den vorgezeichneten Spuren der Erwachsenen zu folgen, wollen Kinder sich auch mal eigenständig erwachsen fühlen.

Ich wurde damals als Jugendliche beim Lesen von Artemis Fowl als ungewöhnlichem Protagonisten herausgefordert und angeregt in neue Richtungen zu denken. Wenn der Roman damals nur ausgelutschte Kinderspionageträume bedient hätte, hätte ich ihn garantiert sofort wieder vergessen.

Artemis Fowl als Spionage-Genie

Auch die mit 84 Jahren noch junge Elfe Holly mit einem Mädchen (Lara McDonnell) mit eigenem Vater-Trauma zu besetzen, mag Disney als Gegengewicht zum Jungen Artemis wie eine gute Idee vorgekommen sein.

Aber eigentlich müsste auch sie als Figur optisch älter sein. Gerade dass Artemis Fowl sich als Kind in einer Welt von Erwachsenen behauptet, darin lag doch der Reiz der Vorlage.

Artemis Fowl zeigt, wie Angst bei Disney Andersartigkeit erstickt

Die Änderungen des nun weniger kantigen Charakters von Artemis Fowl verraten außerdem Disneys Furcht, die Zuschauer mit einem (anfangs) bewusst unsympatischen Antihelden zu verschrecken.

Stattdessen wird lieber nach Schema X ein nichtssagender Protagonist erschaffen, der 50% gut, 50% böse und 100% uninteressant ist.

Artemis Fowl: Weder gut noch böse

Einen Antihelden zu einem Helden umzuschreiben ist einfach keine gute Idee. Auch wenn Regisseur Kenneth Branagh dafür gegenüber Comic Book  eine Erklärung parat hatte:

Wir entschieden uns in gewisser Weise, die Buchvorlage umzukehren. Eoin Colfer stattete Artemis Fowl im Verlauf seiner Bücher langsam mit mehr Moral aus, nachdem er als 11-jähriger Bond-Bösewicht angefangen hatte. Ich glaube, für Nicht-Kenner der Romane wäre das ein schwierig zu akzeptierender Fakt.

Nachvollziehen kann ich nicht ganz, warum nicht auch einem Filmzuschauer herrlich unterkühlte Figuren langsam ans Herz wachsen können. Auch Kindern.

Kriminelle Energien: Butler, Holly, Mulch, Artemis Fowl

Braucht Artemis als seelenlose Kinderfilm-Marionette zugunsten Disneys moralischer Überlegenheit wirklich ein höheres Motiv als Goldgier? Kenneth Branagh glaubt ja:

Ich wollte die Menschlichkeit in Artemis' Charakter finden und ihn auf eine Reise schicken, [...] sodass er am Ende des Films bereits ist, auf die dunkle Seite überzulaufen.

Korrigiert mich: Aber ist diese umgekehrte Entwicklung nicht schon allein als Botschaft, die an ein junges Publikum gesendet wird, noch weit problematischer? Statt einem geläuterten Kriminellen sehen wir nun einem zur Kriminalität verführten Jungen zu?

Vergesst den Artemis Fowl-Film und greift lieber zum Buch

Was sich an der umgeschriebenen Figur des Artemis Fowl abzeichnet, gilt für den gesamten Film: Statt eines einzigen Buchs wurden hier unnötigerweise gleich die ersten zwei der Bände der Reihe verfilmt.

Die herausgepickten Versatzstücke setzen sich zu einer eigenen (schlechteren) Story zusammen: generisch, langweilig, uninspiriert. Vom "Stirb-Langsam-Szenario mit Feen", wie Autor Eoin Colfer das einst beschrieb, bleibt nicht viel übrig.

Artemis Fowl: Judi Dench als Commander Root

Meine einzige Hoffnung ist jetzt, dass Disneys Artemis Fowl zusammen mit zahlreichen anderen als Film gescheiterten Jugendbuch-Reihen still und heimlich untergehen und vergessen werden wird.

Denn dass diese grausige Verfilmung den Ruf der wirklich tollen Bücher trübt, hat Eoin Colfers Werk nicht verdient.

Ich fluche nicht häufig, aber für diese Artemis Fowl-Adaption und ihren weichgespülten Protagonisten habe ich nur ein gnomisches "D'Arvit!" übrig.

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Wie hat euch der Artemis Fowl-Film bei Disney+ gefallen? Kennt ihr die Vorlage?

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