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1955 - Die schönste Sozialkritik à la Douglas Sirk

26.11.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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1955 - Die schönste Sozialkritik à la Douglas Sirk
© Universal
1955 - Die schönste Sozialkritik à la Douglas Sirk
Ob ihr Happy Endings oder tragische Schlussszenen bevorzugt – die Melodramen des Regisseurs Douglas Sirk sind in jedem Fall einen Blick wert. Vor allem, wenn ihr eure tägliche Dosis Gefühlsduselei gern mit ein wenig subtiler Gesellschaftskritik würzt.

Mit Happy Endings kann ich persönlich nicht so viel anfangen. Ich weiß ja nicht, wie es euch da geht, aber meines Erachtens gibt es im Großen und Ganzen nur eine ewig wiederholte Variante des glücklichen Filmendes, das von US-amerikanischen RomComs und deutschen Komödien à la Til Schweiger und Matthias Schweighöfer schon tausende Male durchgekaut wurde. Mal ganz kurz zusammengefasst: A liebt B, B liebt A nicht, A strengt sich richtig an, B wird auf A aufmerksam, C bringt eine Katastrophe zum Ausbruch, in letzter Minute kann A die Sache klären, es folgt eine herzzerreißende Versöhnung im Regen.

Nagut, das war vielleicht etwas unzulässig verkürzt, aber so oder so ähnlich sieht das Vorurteil nun einmal aus, das an RomComs und Melodramen klebt wie eine Fliege an der Deckenlampe. Oft ist dieses Vorurteil leider gar nicht mal so unberechtigt. Aber bei all dem bösen Zynismus kann es schon mal passieren, dass der ein oder andere Film durchrutscht, der tatsächlich etwas mehr wohlwollende Aufmerksamkeit verdient hätte.

Die schönste Melancholie seit es Filme gibt
Genau das passierte in den Fünfziger Jahren den Melodramen des gebürtigen Hamburgers Hans Detlev Sierck, besser bekannt als Douglas Sirk. Nach einigen Jahren als Intendant in Leipzig und Regisseur bei der deutschen Ufa war der ambitionierte Regisseur nach Hollywood gewechselt, wo er sich nach ersten Erfolgen wie Summer Storm 1944 auf die Produktion von Melodramen festlegte.

Für den Film Die wunderbare Macht brachte er 1954 endlich Jane Wyman und Rock Hudson vor der Kamera zusammen, die in den Rollen eines geläuterten Lebemanns und einer vom Schicksal schwer gebeutelten Witwe zu Tränen rührten. Vor allem die Oscarpreisträgerin mit dem melancholischen Blick hatte es Douglas Sirk für die Darstellung seiner einsamen Frauenfiguren angetan, und so dauerte es nur ein Jahr, bis sich das Dreiergespann wieder in den Universal-Studios einfand. Diesmal stand Was der Himmel erlaubt auf dem Drehplan.

Guter Kitsch oder einfach nur Kitsch?
Rock Hudson spielte nun den naturverbundenen Gärtner, der die junge Witwe Jane Wyman von ihrem Schmerz ablenkte. Es hätte alles so schön sein können – wäre da nur die hämische Nachbarschaft nicht. Ein Mann von derartigem finanziellen und sozialen Stand kam für die Mitglieder des Country-Clubs in den typisch amerikanischen Suburbs nicht in Frage, und selbst die erwachsenen Kinder sahen ihre Mutter lieber allein zuhause vor dem Fernseher als in den Armen eines ordinären Gärtners.

In wunderschönen Bildern fing der Regisseur die Gefühle seiner Protagonisten ein, verwendete das Technicolor-Verfahren und wunderschön komponierte Einstellungen. Allein das leuchtende Herbstlaub der Bäume zu Beginn des Filmes zieht den Zuschauer sofort in den Bann, und mitten hinein in das scheinbare Vorstadtidyll der Fünfziger. Bei Publikum und Kritik kam der Film gut an. Er galt als gelungener Schmachtfetzen mit hohem Gewinnpotential – aber als mehr eben auch nicht.

Besser später Ruhm als gar kein Ruhm
Es dauerte zwei Jahrzehnte, bis sein Werk von jungen Cineasten wiederentdeckt wurde. Ganz besonders ein junger aufstrebender Regisseur sorgte dafür, dass den Werken von Douglas Sirk auch im deutschsprachigen Raum die Aufmerksamkeit zu Teil wurde, die sie verdient hatten. Rainer Werner Fassbinder hatte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München einige Kurse bei dem Altmeister besucht und legte sein Werk Angst essen Seele auf als Hommage an die ästhetischen Melodramen Sirks an.

Es folgten Filmpreise für sein Lebenswerk, und zeitgenössische Regisseure wie Pedro Almodóvar geben Douglas Sirk unumwunden als Inspirationsquelle an. Unschwer lassen sich die altbekannten lebendigen Farben und kämpferischen Individuen in Werken wie Volver – Zurückkehren wiederfinden. Auch Dem Himmel so fern von Todd Haynes gilt als gelungene Hommage an Was der Himmel erlaubt.

Ein gelungenes (un)happy ending
Tatsächlich waren die Filme von Douglas Sirk so viel mehr als bloße Unterhaltungsstreifen mit einem Extradruck auf die Tränendrüse inklusive. Der einfühlsame Beobachter deckte die reaktionären Konventionen der verklemmten Spießergesellschaft der Fünfziger auf, kommentierte die Verhaltenskodexe der typisch amerikanischen Vorstädte, und brach selbst seine Happy Endings so subtil ironisch, dass stets ein schaler Nachgeschmack blieb.

Ob Jane Wyman in Was der Himmel erlaubt aus den Gitterfenstern ihres Hauses schaut wie aus einem Gefängnis, oder ob in der letzten Szene ein Hirsch scheu hereinlugte – Blicke verrieten viel über das Innenleben der stets suchenden Figuren, und auch darüber, dass es sich lohnt, sich den Filmen von Douglas Sirk ohne die vorhin beschriebenen Vorurteile zu nähern.

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1955 bewegte:

Drei Filmleute, die geboren sind
09. Januar 1955 – J.K. Simmons, frisch gebackener Opa in Juno
18. Januar 1955 – Kevin Costner, Heroischer Bote in Der Postmann
13. November 1955 – Whoopi Goldberg, singende Nonne in Sister Act – Eine himmlische Karriere

Drei Filmleute, die gestorben sind
11. März 1955 – Shemp Howard, einer der drei Stooges
30. September 1955 – James Dean, Rebell aus … denn sie wissen nicht, was sie tun
26. Dezember 1955 – Hans Mierendorff, Sir Arthur Wolton aus Der fremde Vogel

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Die Faust im Nacken von Elia Kazan (Bester Film, Hauptdarsteller, Regisseur, …)
Goldene Palme – Marty von Delbert Mann
British Film Academy Award – Lohn der Angst von Henri-Georges Clouzot

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Susi & Strolch von Clyde Geronimi, Wilfred Jackson und Hamilton Luske
Keine Zeit für Heldentum von John Ford
Schwere Jungs – leichte Mädchen von Joseph L. Mankiewicz

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
14. Mai 1955 – der Warschauer Pakt wird gegründet
07. Oktober 1955 – die letzten Kriegsgefangenen kommen aus der Sowjetunion zurück
01. Dezember 1955 – mit der Verhaftung von Rosa Parks wird die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA ausgelöst

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