Wir schauen Fargo - Staffel 2, Folge 1

15.10.2015 - 09:00 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Fargo ist zurück. In der 2. Staffel springt die Anthologieserie ins Jahr 1979, wo ein Dreifachmord in einem Waffel-Restaurant noch der gewöhnlichste Punkt auf dem Serienmenü ist.

Es soll Menschen geben, die Fargo nach der enttäuschenden 2. Staffel von True Detective für die Rettung des Anthologieserien-Konzepts halten. Und es soll Menschen geben, die True Detective nie mochten, Fargo seit dem Start im April 2014 als ungleich besseren Vertreter dieses leidlich innovativen Serien-Konzepts verteidigen und deswegen jetzt Recaps schreiben. Welches Lager einem auch Heimstatt bildet, Fargo, dieser vorzügliche Shake aus wohligem Vorstadt-Charme und kaltherzigem Blutvergießen, ist zurück. Ein Dreifachmord bringt die neue Geschichte im verschneiten Minnesota ins Rollen, die uns zu ominösen Geschehnissen in Sioux Falls, South Dakota führen soll. Wobei "neu" bei Fargo relativ ist: Irgendwie neu ist das Setting im Jahr 1979. Mit Lou Solverson (Patrick Wilson) sehen wir aber einen jungen alten Bekannten. Frisch fällt die Geschichte aus. Mit ihren Coen-Referenzen ruft sie jedoch in der ersten Folge wieder leichte Déjà-vu-Erscheinungen hervor. Fargo war bereits in Staffel 1 als Pastiche der Coen-Filmografie mindestens ebenso spannend wie als eigenständiges Werk über das Ringen von Gut und Böse. Waiting for Dutch setzt in dieses Wechselspiel nahtlos ein. Fast so, als hätten wir Fargo nie verlassen. Aber wer will das schon?

Okay then...
Bereits die erste "wahre Geschichte" von Fargo spielte in der Vergangenheit (2006). Mit dem Sprung in die Regierungszeit von US-Präsident Jimmy Carter eröffnet Serien-Autor Noah Hawley sich in Staffel 2 neue stilistische und erzählerische Perspektiven. Der überbordende Split-Screen-Einsatz verortet das Geschehen im Jahrzehnt von Schwestern des Bösen und Das Ultimatum. Mit ihren Kostümen könnten die Gerhardt-Brüder unbehelligt durch Scorseses Hexenkessel spazieren. Im Prolog sehen wir derweil neben Jimmy Carter den Peoples Temple-Führer Jim Jones, der mit seinen Anhängern 1978 einen Massenselbstmord durchführte. Nach alternativen Lebens- und Gesellschaftsentwürfen, die in Jonestown ein solch düsteres Ende nahmen, wird 1979 auch im piefigen Mittleren Westen der USA gesucht. Da erzählt Peggy Blomquist (Kirsten Dunst) ihrem Ehemann Ed (Jesse Plemons) von "Seminaren", die ihr Leben zum "Funktionieren" bringen sollen. Die Sache mit den Kindern schiebt sie vor sich her, denn die Vorstellung, den Rest ihres Lebens mit einem Fleischer im Schnee zu verbringen, ringt Peggy wohl nur widerwillig ein "okay then" ab. Im Gegensatz zu Pearl Nygaard aus der 1. Staffel fehlt Peggy der Mut, ihre Unzufriedenheit mitzuteilen. In diesem Trott feststeckend, fährt sie selbst weiter, als sich ein Männerkörper durch ihre Windschutzscheibe bohrt. Oder steckt hinter der Eiseskälte mehr als ein Schock? So "panisch", wie sie es Ed schildert, reagiert sie auf die vermeintliche Leiche im Keller schließlich nicht.

Peggy könnte sich in dieser 2. Staffel von Fargo ohne Weiteres in den neuen Lorne Malvo verwandeln oder in drei Folgen mit einem Hammer im Schädel enden. Der Zufall ruiniert in dieser Serie, wie auch bei den Coen-Brüdern, die besten Pläne und (Fan-)Theorien. In North Dakota faltet Dodd Gerhardt (Jeffrey Donovan) seinen kleinen Bruder Rye (Kieran Culkin) wegen geringer Einnahmen zusammen und in der Nacht darauf liegt eine Kellnerin in Luverne, Minnesota erschossen im Schnee. Der bekokste Rye wird wegen einer spielbergschen UFO-Erscheinung von Peggy überfahren und auf einmal stürmt eine gehörige Böe Frischluft durch das erstickende Kleinstadtleben der Blomquists. Die mörderische Domino-Kaskade im ersten Drittel der Episode beherbergt wie gewohnt prägnant gezeichnete Figurenminiaturen. Bis zu einem gewissen Grad könnte jeder der Anwesenden im Waffel-Restaurant  zum Lester, Molly oder Gus der 2. Staffel werden. Die No Nonsense-Richterin mit dem Insektenspray in der Handtasche ebenso wie die bewundernswert höfliche Kellnerin oder Henry Blanton, der High School-Football-Star mit dem Touchdown-Rekord. In ihrem kleinen Film, durch die Fenster des Diners festgehalten wie Frames auf einem 35mm-Streifen, sind sie Stars. Nicht allen Fargo-Figuren gelingt langfristig der Sprung aus den Grenzen der Karikatur. Bob Odenkirks traniger Chief in der ersten Staffel strapazierte beispielsweise als wandelndes Drehbuchbollwerk die Nerven. Doch wie sich Hawley den Nebenfiguren verschreibt, bleibt um ein vielfaches wichtiger fürs Eigenleben der Serie als clevere Coen-Verweise. Darin gleicht er seinen Vorbildern.

Familienunternehmen vs. Big Business
Lou Solverson verkörpert zwischen den Gangstern mit Diavorträgen, der garantiert nicht zu unterschätzenden Floyd Gerhardt (Jean Smart) sowie dem Ehepaar mit der Leiche im Keller unseren moralischen Halt. Vorerst. Mit einer kleinen Tochter und einer krebskranken Frau (Cristin "die Mutter" Milioti) bietet er sich als Hiob der Geschichte an. Ein ganz gewöhnlicher State Trooper, der von einem ganz gewöhnlichen Schicksalsschlag getroffen wurde und auf den ein ganz ungewöhnliches Unheil in Episodenschritten zukommt. Marge Gunderson in A Serious Man quasi. Patrick Wilson konnte aus erfindlichen Gründen nie in die A-List Hollywoods aufsteigen, vielleicht weil sein Leading Man-Charme  stets etwas Widersprüchliches zu verbergen scheint: den Wahnsinn in Insidious: Chapter 2 etwa oder die erschreckende Durchschnittlichkeit in Little Children. In Fargo blitzt es am Küchentisch durch die Fassade, wenn Lou sich unter der ihm auferlegten Last gleichsam windet. Da scheint ihm der Gedanke der Kapitulation durch Mark und Bein zu gehen.

Tomorrow has never been closer than it is right now.

Was uns und Fargo wieder zum Anfang des Staffeleinstiegs führt. Da hören wir Jimmy Carters Crisis of Confidence-Rede , die er vor dem Hintergrund der Ölkrise hielt. Viel kritisiert  wurde sie wegen ihres angeblichen Pessimismus. Vom Verlust einer einheitlichen Zweckbestimmung der amerikanischen Nation war darin zu hören, der "korrupten politischen Welt", des Konsumwahns und der Notwendigkeit, endlich wieder die "Kontrolle über unser gemeinsames Schicksal" zurückzugewinnen. Politische Gegner hielten Carter diese Offenheit vor und ein Jahr später gewann Ronald Reagan die Präsidentschaftswahl mit dem populistischen Optimismus des "Make America Great Again"-Slogans. Auf "Dutch", den Schauspieler und späteren Volksmotivator, wird in dieser Episode also gewartet und in Postern nimmt der allseits als analytischer Method Actor bekannte Bruce Campbell seine Ankunft vorweg. "Nobody move! Everybody is still dead", heißt es im Prolog am Set. Die Illusion muss - mit falschen Pfeilen und Sioux aus New Jersey - gewahrt werden. Reagan wird kommen. Aber Carter hat Recht behalten.

Aus der Reihe "Insider-Witze im Jahr 1979, die sich an Zuschauer 36 Jahre in der Zukunft wenden": "That's like Jupiter telling Pluto 'Hey, you're a planet too'."

Zitat der Folge: "We've been to war. Nothing complex about it." (Lou Solverson)

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