Westworld - 1. Staffel, 1. Folge im Recap

Evan Rachel Wood in WestworldAbspielen
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Evan Rachel Wood in Westworld
04.10.2016 - 16:17 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Die Science-Fiction-Serie Westworld geht in ihrem Piloten das Wagnis ein, den Bogen erzählerisch zu überspannen. In der ersten Episode wird viel erzählt und noch mehr angedeutet. Westworld jedoch ist die Einlösung seiner Verheißungen zuzutrauen.

Dass HBO und Jonathan Nolan aus Michael Crichtons Buch und Film Westworld kein bekömmliches Science Fiction-Thriller-Allerlei gebaut haben, haut uns nicht vom Hocker. Nein, der grüblerische Pay-TV-Sender gedenkt, seine spätestens seit Vinyl offensichtlichen Probleme mit einem schweren, verkopften Science-Fiction-Denkstück zu lösen. Das ist wagemutig und höchst erfreulich. Westworld stellt, was sonst, die große Seins- und Sinnfrage und wählte zu ihrer Lösung das Genre, in dem sich diese zuletzt am anschaulichsten darstellen und problematisieren ließ. Aber eben darum, da in nicht allzu weit zurückliegender Vergangenheit die Populärkultur in Moon, A.I. - Künstliche Intelligenz, Her und Real Humans - Echte Menschen Seinsphilosphie und künstliche Intelligenz zur Frage nach dem Sinn des Lebens und allem verknüpfte, steht Westworld zunächst in der Bringschuld. Sein Thema ist, ja reizvoll, aber auch durchgekaut. Westworld müsste brillant sein, um jene Diskurs-Relevanz zu erlangen, die HBO ihm beimisst. Der Pilot stimmt optimistisch.

Lee Sizemore, eine Art Showrunner des interaktiven Themenparks Westworld, steht vor dessen dynamischer Miniatur-Version. Er fädelt Verstrickungen ein, verknüpft Storylines, formt Handlungsbögen und lässt Szenarien über die in der Westworld agierenden Charaktere hereinbrechen. Er behält den Überblick über das Geschehen und steuert es, und er ist gleichzeitig einer der unwichtigsten Charaktere des Piloten. Dennoch deuten sich gerade in der Figur des Lee Sizemore, aufbrausend und blasiert gespielt von Simon Quarterman, die Vielschichtigkeit der Serie und die unerschöpflichen Erzähl-Ressourcen für viele viele Staffeln an. In einer Szene vor dem letzten Akt der ersten Folge wird er von der Geschäftsführerin Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen) zurechtgestutzt. Sizemore wisse, dass es ein größeres Bild gebe, sei jedoch nicht dazu in der Lage, es zu sehen. "This place is one thing to the guests, another thing to the shareholders, and something completely different to management", raunt sie.

Was in Westworld vor sich geht, das weiß so recht keiner, schon gar nicht der, der es eigentlich am besten wissen müsste, der Narrative Director, und am ehesten noch Das Management, was hier eher klingt wie ein teuflisches Tribunal des Kapitalismus, oder so. Die Kontrolle über das System des Themenparks entgleitet den Verantwortlichen allmählich. Ein Virus in der Gestalt eines schwarz gekleideten Mannes (Ed Harris) schleicht herum; ein Glitch, ein Foto aus der echten Welt, stiftet Verwirrung unter den Spielfiguren; ein vermeintlicher Code-Fehler, eingebrockt durch das letzte System-Update, lässt die Figuren querschießen. Daran ist wohl Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) schuld. Der macht sich verdächtig mit einem nihilistisch niedergeschlagenen Blick und Äußerungen wie "Evolution forged the entirety of sentient life on this planet using only one tool... The mistake." Und: "Do you know what that means? It means that we're done. That this is as good as we're going to get." Ford könnte den High-End-Roboter erschaffen haben, der eine exakte Nachbildung des menschlichen Wesens wäre.


Eine dieser bereits unheimlich glaubhaften Roboter-Figuren ist Dolores (Evan Rachel Wood). Ihr Story-Arc ist der einer klassischen Texas-Rose. Unschuldig, wunderschön, ihrem Land, ihrem Vater, ihrer Welt treu ergeben und sich nach der verloren geglaubten Liebe eines Mannes sehnend. Morgens begrüßt sie einen neuen Tag von der Veranda eines Holzhauses, auf dem ihr ins Weite der Prärie blickende Vater seine Zeitung liest. Sie fährt in die Stadt, wo sie ihrer verloren geglaubten Liebe Teddy Flood (James Marsden) unverhofft in die Arme läuft. So vergeht ein jeder Tag des Hosts Dolores. Aber es gibt Variablen, ein codiertes Schicksal quasi. Spieler können eingreifen, Teddy abfangen, ihn als Führer nutzen, ihn töten, sich mit Dolores unterhalten oder sie vergewaltigen. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Am Ende des Tages und der Storyline wird ihr Körper, wenn nötig, repariert und ihre Erinnerungen, ja, die gibt es, überschrieben. Was auch passiert sein mag, am nächsten Tag ist Dolores wie neu. "Tell us what you think of your world", wird Dolores zu Beginn des Piloten von einer Stimme aus dem Off gefragt. Sie sagt: "Some people choose to see the ugliness in this world. [...] I choose to see the beauty." Die wichtigste Frage lautet jedoch: "Have you ever questioned the nature of your reality?" und

Do you ever feel inconsistencies in your world? Or repetitions?

Das tut sie natürlich nicht. Nicht, solange ihr der Zugriff auf ihre überschriebenen Erinnerungen verwehrt ist. Aber 10 Prozent der mechanischen Westworld-Bevölkerung hat Ford bereits mit einem "fehlerhaften" Update ausgestattet. Die Roboter hatten schon zuvor Gefühle. Nun entwickeln sie zusätzlich Erinnerungen, ein Bewusstsein, Identität. Werden die Roboter etwa aufbegehren, ihrer Hölle entsteigen? Ein Fegefeuer der Unbenutzten, ein Roboter-Friedhof irgendwo unter dem Westworld-Komplex, wo untaugliche Modelle ausgelagert werden, nährt verheerende Vermutungen. Die menschlichen Entwickler bleiben erstaunlich ruhig ob der alarmierenden Anzeichen sich erhebender künstlicher Intelligenz um sie herum. Die Spielfiguren können ihren menschlichen Widersachern qua Programmierung ja nichts anhaben.

Ohnehin umgibt eine für den mit den gängigen Science-Fiction-Problemstellungen vertrauten Zuschauer zunächst befremdliche Naivität die Figuren in der ersten Episode Westworld. Er, der Zuschauer, scheint den Westworld-Entwicklern einen erheblichen Wissensvorsprung voraus zu sein: Die haben wohl nie 2001: Odyssee im Weltraum gesehen oder Blade Runner. Ein Drittel des Piloten ist vergangen, da sitzen die zwei Entwickler Bernard Lowe (Jeffrey Wright) und Elsie King (Shannon Woodward) in einer trüben Roboterwerkstatt der sinnlich konstruierten, vollständig nackten Prostituierten Clementine Pennyfeather gegenüber und entzücken sich über ein Gesten-Update. Die Prostituierte streicht sich in einem Ausdruck unterbewussten Verlangens mit dem kleinen Finger über die Unterlippe. Zwar würden die Erinnerungen eines Roboters im Vergnügungspark stets überschrieben, erklärt Bernard. Westworld-Entwickler Ford habe im Zuge eines Updates jedoch einen schmalen Zugang zu den Daten geschaffen, die im Roboterrechner verrotten: eine Art Unterbewusstsein. Fallen die Begriffe Roboter in Zusammenhang mit Unterbewusstsein, schrillen beim popkulturell auch nur rudimentär geschulten Zuschauer die Alarmglocken. Aber die Beschäftigung Westworlds mit künstlicher Intelligenz wird hier nur ihren Anfang genommen haben. Jonathan Nolan, der sich schon in Memento an der Sinn- und Identitätsstifung von Erinnerungen abarbeitete, ist hier viel zuzutrauen. Und erzählen kann er auch.


Die Mechanik dieses Themenparks ist komplex, er funktioniert als Mikrowelt, als Open World-Spiel, das sich jeden Tag rebootet. Wo den Autoren des Themenparks die Kontrolle über ihr Spiel verlustig geht, bewahren die Autoren der Serie Westworld ihr fragiles erzählerisches Konstrukt. Jonathan Nolan vermag es in Westworld, eine mit Story-Fragmenten vollgestopfte Nussschale zu bändigen. Seine Handlungsstränge fasern (zunächst) nicht aus, sie umschlingen das Gebilde, das komplex, aber nicht kompliziert daherkommt.

Am Ende der ersten Episode The Original wird Dolores von einem Programmierer therapiert. Ihr Vater, der von einem Foto aus der wirklichen Welt da draußen erleuchtet wurde, hat ihr seinen Floh ins Ohr gesetzt. Er ist jetzt unten in der Roboter-Rumpelkammer. Der neue Tag beginnt mit einem neuen Daddy, der tut, was er immer tut, alles ist wie immer, Dolores sieht das Schöne in der Welt. Nur eine Fliege, die sich auf ihrem Gesicht niedergelassen hat, tötet sie jetzt. Ein entschlossenes anklingendes "I know things will work out the way they're meant to", schiebt sie aus dem Off hinterher.

Irgendwo stapft außerdem noch der Man in Black durch die Prärie mit einem Skalp in der Hand, der ihm womöglich den Weg zum Kern der Wahrheit weisen könnte. Wenn jemand Kontrolle hat über sich und die Welt, in der er lebt, dann der Man in Black. Und im Hintergrund, da spielen sich ja sowieso so viele Dinge ab, die wir noch nicht verstehen. Glauben wir das Westworld doch einfach mal. Glauben wir an das Schöne in der Welt.

Westworld wird seit Sonntag bei HBO in den USA ausgestrahlt und ist in Deutschland bei Sky Go und Sky Ticket verfügbar. Wir begleiten die 10 Episoden mit wöchentlichen Recaps.

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