Warum es so schwer ist, einen MCU-Film zu drehen: Die Black Widow-Regisseurin bei uns im Interview

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Black Widow
07.07.2021 - 17:05 UhrVor 5 Monaten aktualisiert
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Das Marvel Cinematic Universe meldet sich nach zwei Jahren Pause endlich wieder auf der großen Leinwand zurück. Zum Kinostart von Black Widow habe ich mit Regisseurin Cate Shortland gesprochen.

Auf Black Widow warten wir nicht erst sein der Corona-Pandemie. Schon lange zuvor träumten Fans des Marvel Cinematic Universe von seinem Solofilm, der sich ganz Scarlett Johanssons Superheldin verschreibt. Jetzt ist es endlich so weit und der Black Widow-Film startet in den Kinos. Ab Freitag ist er ebenfalls auf Disney+ zu sehen.

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Aus diesem Anlass habe ich mich mit Regisseurin Cate Shortland zu einem Interview via Zoom zusammengesetzt. Von all den regieführenden Personen im MCU ist sie eine der spannendsten und ungewöhnlichsten. Bisher war Shortland nämlich vor allem mit Filmen wie Lore und Berlin Syndrom auf Filmfestivals unterwegs.

Mit Black Widow wagt sie sich erstmals ins Blockbuster-Territorium vor und ist gleichzeitig die erste Frau, die bei einem MCU-Film allein auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Anna Boden und Ryan Fleck teilten sich zuvor die Regie bei Captain Marvel. Der lange Weg zum Film, die erste Marvel-Regisseurin und die Veröffentlichung im Angesicht von Corona verwandeln Black Widow in einen historischen MCU-Eintrag.

Moviepilot: Mit deinen bisherigen Filmen hast du dich weit abseits des Blockbuster-Kinos bewegt. Wie war es für dich, einen Superheldenfilm von Marvel zu übernehmen?

Cate Shortland: Am Anfang war es unglaublich angsteinflößend und einschüchternd. Aber sobald ich angefangen habe, hat sich das geändert. Das Schöne am Filmemachen ist der kollaborative Prozess – wenn ich mit Menschen über meine Ideen und deren Ideen rede. Wir haben überlegt, wie wir diesen Film umsetzen und meine Angst vergessen können. Zudem gibt es einige Themen in dem Film, die mich sehr interessiert haben, etwa Kontrolle, Macht und Überleben. Das war wirklich großartig.

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Bist du damals auf Marvel zugegangen oder kam das Studio auf dich zu?

Scarlett Johansson hatte einen Film von mir gesehen, Lore. Sie mochte ihn sehr. Daraufhin haben wir uns zu einem Gespräch über Zoom verabredet und über unsere Leben gesprochen. Dabei ging es auch um Natasha Romanoff. Wir haben ein paar Mal miteinander geredet und uns gegenseitig Listen von Liedern geschickt, die wir mochten, und Filmen, die uns beeinflusst haben. Dadurch ist unsere Beziehung entstanden. Und dann bin ich nach Los Angeles geflogen, um mich mit Marvel zu treffen.

Über welche Lieder und Filme habt ihr geredet?

Ich glaube, es ging um Filme wie Taxi Driver, Badlands und Hexenkessel. Es waren wirklich sehr, sehr viele.

Als du dann an Bord kamst: War das Drehbuch schon fertig? Oder konntest du mitentscheiden, in welche Richtung die Geschichte geht?

Weder Scarlett noch ich hatten zuvor das Drehbuch gelesen. Als ich engagiert wurde, haben wir es uns angeschaut und sind zu dem Entschluss gekommen, dass es noch roher und intimer werden muss. Also haben wir uns mit [den Drehbuchautor:innen] Jac Schaeffer und Eric Pearson zusammengesetzt und dann mit [Drehbuchdoktorin] Nicole Holofcener gearbeitet. Das Drehbuch war mit Abstand der schwerste Teil der Produktion.

Warum war es so schwer?

Diese Drehbücher müssen so viele Dinge gleichzeitig gleichzeitig erfüllen. Da wäre das wunderschöne, große Spektakel, die Actionsequenzen und das Drama. Dazu kommen die Szenen, in denen man sich den Figuren annähert und Szenen voller Humor. Einiges muss ineinander verwoben werden. Es wirkt trügerisch einfach, aber das ist es nicht. Das hat neulich auch [WandaVision-Schöpferin] Jac Schaeffer gesagt – und sie ist eine großartige Autorin.

Bei all den bereits existierenden Marvel-Filmen und -Comics: Wie hast du deinen Weg in das Marvel-Universum und zu Black Widow gefunden?

Ich habe mir zuerst ihre Origin-Story angeschaut. Danach habe ich mit einem russischen Historiker zusammengearbeitet. Wir sind ungefähr 32, 33 Jahre zurück in die sowjetische Vergangenheit gegangen und haben uns das Leben angeschaut, das Natasha Romanoff gehabt hätte, wenn sie vor der Aufnahme in der Spionageprogramm in einem Kinderheim gelebt hätte. Wir haben also wahre Hintergründe mit dem MCU verbunden.

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Du bist die erste Regisseurin, die alleine einen Marvel-Film stemmt – und dann ist es so ein besonderer Film, auf den Fans seit Jahren warten. Hat dich das während der Produktion unter Druck gesetzt?

Der größte Druck resultierte aus den Actionszenen. In die habe ich sehr viel Arbeit gesteckt. Zur Recherche habe ich andere Actionfilme geschaut, aus denen ich wiederum Kampfszenen geschnitten habe, um davon zu lernen. Dieser Druck hat mich in eine bessere Filmemacherin verwandelt. Tief in meinem Herzen war es mir außerdem wichtig, einen Film für meine 13-jährige Tochter zu drehen – und natürlich für die ganze Welt.

Die Regisseurin Lucrecia Martel hat Marvel eine Absage für Black Widow erteilt hat, weil ihr gesagt wurde, dass sie sich um die Action keine Gedanken zu machen braucht. Das würden andere für sie erledigen. Wie viel Kontrolle hattest du in diesem Feld?

Ich habe mit den Produzent:innen darüber gesprochen, was ich für Kämpfe in dem Film haben will. Ich wollte etwas Raues und Viszerales. Ich konnte mir die Choreograph:innen aussuchen und den Second Unit-Regisseur. Ab dem Punkt haben wir sehr eng zusammengearbeitet. Ich wollte den Film so stimmig wie möglich gestalten – wie aus einem Guss. Also war ich vier Tage am Set, dann übernahm [Second Unit-Regisseur] Darrin [Prescott] für zwei Tage. Danach war ich für zwei Tage dran und Darrin übernahm die nächsten vier. Es war, als würden wir Fangen spielen.

Als ich den Film gesehen habe, musste ich oft an Agentenfilme wie James Bond und Jason Bourne denken. Gab es da für dich bestimmte Einflüsse aus der Filmgeschichte bei Black Widow?

Ich habe mir Jodie Foster in Das Schweigen der Lämmer angeschaut, tatsächlich sogar mehrere Male. Dann waren da noch die Alien-Filme mit Sigourney Weaver und Sicario mit Emily Blunt. Und No Country for Old Men. Der Film lebt von einer atemberaubenden Spannung. Die Inszenierung der Coen-Brüder ist einfach makellos.

Wir haben bereits sehr viel von Natasha Romanoff im MCU gesehen, sogar das Ende ihrer Geschichte. Was fügt Black Widow dem noch hinzu?

Zu Beginn des Films fühlt sie sich unwürdig. Sie ist voller Scham aufgrund der Dinge, die sie getan hat. Mich faszinierte, dass wir sie sowohl als Täterin als auch als Heldin kennenlernen. Sie ist eine sehr ambivalente Figur. Das erlaubt dem Publikum, sich noch mehr in ihr einzufinden. Sie ist nicht perfekt. Sie hat schreckliche Dinge getan und erlebt. Jetzt muss sie ihrer Familie vergeben und das bringt sie weiter. Auch ihre Eltern sind Täter, wenn wir uns anschauen, was sie Natasha und ihrer Schwester Yelena angetan haben. Das wurde bisher noch nicht erforscht und macht die Figur komplex.

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Wie hast du die komplexen Themen mit dem Marvel-Bombast vereint?

Wir haben es alles mit jeder Menge Humor zusammengeklebt. Das ist sehr wichtig. Wir wollten, dass der Film Spaß macht. Wir wollten all diese ungemütlichen Themen behandeln, aber wir wollten das Publikum nicht belehren. Alle sollen sich auf die Reise von Natasha und ihrer Schwester einlassen können.

Was war dein Lieblingsmoment auf dieser Reise?

Ich liebe den Moment, wenn Natasha aus dem Helikopter hängt und über das Gefängnis fliegt, während sich im Hintergrund eine Schneelawine ankündigt. Ich liebe die Szene in dem Diner zwischen Florence [Pugh] und Scarlett, in der sich die beiden darüber unterhalten, wie ihre Leben aussehen würden, wenn sie keine Black Widows geworden wären. Ich liebe auch ihren Kampf in dem Apartment. Und ich liebe die Umarmung am Ende.

Und wie war es dabei, mit Scarlett Johansson und Florence Pugh zu arbeiten?

Sie sind beide sehr witzig und haben eine unglaubliche Arbeitsmoral. Sie recherchieren für ihre Rollen. Sie sind einfach unprätentiös und am Boden geblieben. In ihrer Gegenwart fühlt man sich sehr entspannt. Und Scarlett ist so zerbrechlich. Nach außen hin wirkt sie stark, aber in ihrem Inneren ist sie zerbrechlich. Man fühlt sich von ihr gesehen, weil auch sie nicht perfekt ist.

Black Widow startet morgen, am 8. Juli 2021, in den deutschen Kinos. Einen Tag später ist der Film mit VIP-Zugang bei Disney+ als Stream verfügbar.

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Werdet ihr euch Black Widow anschauen?

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