Cannes 2016

The Neon Demon ist der ultimative Nicolas Winding Refn-Film

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The Neon Demon
20.05.2016 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Nach Drive und Only God Forgives hat Nicolas Winding Refn beim Festival Cannes seinen neuen Film The Neon Demon vorgestellt und wurde prompt ausgebuht.

The Neon Demon ist ein flaches, einfältiges Konglomerat aus Plattitüden über den Jugendwahn unserer Zeit und zusammengeklaubten Genre-Motiven aus besseren Filmen. Obwohl der filmische Gebrauchtwarenladen weder Medium noch Genre irgendeine originelle Idee hinzufügt, hätte kein anderer Filmemacher als Nicolas Winding Refn The Neon Demon drehen können. Beim Festival Cannes erntete der Däne dafür nach dem komatös-libidinösen Gangsterschmarrn Only God Forgives mit Ryan Gosling erneut Buh- und Schmährufe. Ein paar Zuschauer sollen sogar vorzeitig den Saal verlassen haben, was ich nicht bezeugen kann, da ich bei The Neon Demon keine Sekunde den Blick abwenden wollte.

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Es gibt wenig Unangenehmeres im aktuellen Filmbetrieb als mitzuerleben, wie Nicolas Winding Refn in einem Kinofilm etwas - irgendwas - aussagen will. Über Gewalt und Unterhaltung in Bronson zum Beispiel oder die Natur der Rache in Only God Fogives. Das ist einer der Gründe, warum ich nach der Erstsichtung von Drive trotz mehrfacher Anläufe nicht über die 10-Minuten-Marke hinausgekommen bin. Drive beginnt mit einer der besten Eröffnungssequenzen der letzten Jahre, wenn Ryan Goslings Stuntfahrer beim methodischen Ablauf seines Nebenjobs beobachtet wird und sich seine regelrecht fetischistische Kontrolle über sein Fahrzeug in der Inszenierung wiederfindet. Danach fühlt sich Refn allerdings genötigt, einen Keil zwischen Maschine und Fahrer zu treiben, indem letzterer vermenschlicht wird. Als würde sich der Regisseur für Menschen interessieren. Vielleicht tut er das. Vielleicht wurde ihm die Wichtigkeit menschlicher Geschichten von einem besseren Film eines besseren Regisseurs in den Kopf gesetzt. Kann passieren. Er sollte jedoch bei seinen Stärken bleiben und ein filmischer Humanismus findet sich hier definitiv nicht auf der Haben-Seite.

Refns Menschen in seiner Karriere-Erneuerung nach Fear X - Im Angesicht der Angst sind zuallererst Körper, die sich durch seinen Raum bewegen, gern in Zeitlupe, gern mit dem Ziel der Zerstörung anderer Körper. Der zuweilen als Kubrick-Hommage verschleierte Kontrollzwang, der seiner Inszenierung zugrunde liegt, steht sich immer dann selbst im Weg, wenn er Emotionen kanalisieren soll. Deren Unberechenbarkeit zähmt Refn mit einem pathologischen Hang zur Imitation. Deswegen kann der Regisseur seinem bodenständigen Professional aus Drive keine bodenständige Beziehung angedeihen lassen, so wie es mit Neil McCauley (Robert De Niro) in Heat oder Frank (James Caan) in Thief - Der Einzelgänger geschieht. Statt eine unspektakuläre Erwachsenengeschichte zu erzählen, wird in Drive die Ikonografie zartkitschiger Romanzen aufgewärmt. Nun mögen Psychologen ausklamüsern, was es bedeutet, wenn ein Regisseur nach dem unerfüllten Versprechen einer US-Karriere eine an die Sterilität grenzende Kontrolle über seine Bilder forciert. The Neon Demon entpuppt sich in diesem Kontext jedenfalls als der ultimative Nicolas Winding Refn-Film, eine Art Selbstporträt des Künstlers, gedreht nachdem ihm bei Only God Forgives neuerlich die Anerkennung verwehrt blieb.

The Neon Demon

The Neon Demon beginnt auf einer Bühne und verlässt diese nicht mehr. Blut- und glitterüberströmt liegt Jesse (Elle Fanning) leblos auf einem edlen Sofa. Gelegentlich fällt ein Fotoblitz auf sie nieder. Der Raum öffnet sich zu einem dunklen Loft und Karl Glusman setzt seinen besten Alex DeLarge auf, während er hypnotisiert auf sein Model starrt. Glusman, der sich letztes Jahr durch Love von Refn-Liebling Gaspar Noé kopulierte, wird als Wolf eingeführt und als Lämmchen durch den Film getrieben. Seinem Dean verdankt Jesse ihre ersten professionellen Fotos. Als sie einen Vertrag bei einer Model-Agentur in Los Angeles bekommt und tiefer in die Szene abtaucht, bleibt Dean auf der Strecke. Im Kollegenkreis lernt die 16-Jährige, die sich als 19-Jährige ausgibt (18 ist zu offensichtlich!), Makeup-Assistentin Ruby (Jena Malone) und die beiden Models Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee) kennen, die in dem jungen Laufsteg-Neuling eine Bedrohung ihrer zukünftigen Buchungen ausmachen. In Jesses schäbigem Motel gehen Wildkatzen und ein struppiger Keanu Reeves um, die Designer und Fotografen behandeln die Models wie den letzten Dreck, aber Jesse hat Blut geleckt. Sie ist angekommen.

Schleicht sich zu Beginn noch eine sonnige Romantisierung von Los Angeles ins Bild, wie es ein 16-jähriges Mädchen vom Lande zum ersten Mal wahrnimmt, verwandelt sich The Neon Demon im zweiten Drittel in ein Spiegelkabinett, das die zerbrechlichen Züge von Elle Fanning so lange zurückwirft, auffängt, zurückwirft, bis ihnen jede Mehrdimensionalität abhanden kommt. Als Kritik der Mode-Industrie wühlt sich The Neon Demon durch die Klischeekiste. Da witzelt das Drehbuch von Refn, Mary Laws und Polly Stenham über die Essgewohnheiten der Models und deren Verfallsdatum, werden die Designer als prätentiöse Künstler belächelt und nähren sich die Agenturen am Frischfleisch, egal wie jung. Zur Annäherung an die Modeszene übernimmt Refn die Ästhetik von Hochglanzkatalogen, ja gewissermaßen den Alex DeLarge-Blick des Fotografen. Jedes Casting, jedes Foto-Shooting, jeder Gang, jedes Lächeln, jeder Wimpernschlag dehnt sich aus, bis seine Bedeutung zerbirst und als Glitter in der Luft zerstäubt. Deswegen erscheint The Neon Demon für einen Horrorfilm frustrierend statisch, für eine Satire zu verliebt in die Inszenierungsmechanismen, die es bloßzulegen gilt.

Trotzdem gehört Nicolas Winding Refn in diese Welt, genau wie die nach und nach von ihrem eigenen Narzismus korrumpierte Jesse in dieses Los Angeles aus Plastik und Seide gehört, in dem alle die Musik aufdrehen und nie jemand tanzt. Ihre erste Fashion Show inszeniert Refn als Neon-Epiphanie, bei der das Publikum gegen ein leuchtend abstraktes Symbol weiblicher Dreifaltigkeit ausgetauscht wird. Die feministische Ermächtigungsfantasie bleibt in The Neon Demon ein nicht zu Ende gedachter Vorwand, um Suspiria in die Mode-Industrie zu verpflanzen. Überhaupt verkümmert in The Neon Demon jeder Ansatz von Reflexion, jede Denkbewegung, die einen von den Bildern entfernen könnte. Und darüber kann man eigentlich nur froh sein. Denn auf der glasklaren Oberfläche des Thrillers, die selbst vom Sex mit einer Leiche und Kannibalismus nicht getrübt wird, spiegelt sich vor allem der Künstler selbst, der Fotograf im Schatten, das Lamm, das sich als Wolf wähnt.

Romy Schneider in Die Hölle

In seinem Film-Fragment Die Hölle wollte der französische Regisseur Henri-Georges Clouzot in den 60er-Jahren eine neue Sprache erfinden, indem er die Eifersuchtsgeschichte rund um Romy Schneider mit Hilfe kinetischer Lichtinstallationen und Soundeffekte zu inszenieren versuchte. Clouzot ging es um die Wiedergabe von Gefühlen, die über Dialoge hinweg in eine surreale Bildsprache überging. Nicolas Winding Refns Reise ins finstere Herz der Mode-Industrie gibt sich mit Alltäglichkeiten wie Gefühlen, menschlichen Regungen also, glücklicherweise nicht ab. In The Neon Demon ist alles Körper, alles Fläche, in Form gestampft von Cliff Martinez' Score. Treffenderweise wird der entscheidende Stimmungsumschwung des Films, wenn also die Exploitation endlich von den Gesichtern zu den Innereien übergeht, dadurch gekennzeichnet, dass ein fetter toter Smiley auf einem Spiegel erscheint. Der künstlerischen Vielseitigkeit der Modewelt wird NWR, wie der Regisseur sein Werk in den Credits signiert, durch diese Eindimensionalität sicher nicht gerecht. Seine eigenen Ambitionen aber sind für alle Welt sichtbar.


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