The Batman: Die Welt braucht 15 Jahre Joker-Verbot

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The Batman
02.04.2022 - 09:00 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
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In The Batman tritt ein neuer Joker auf. Schon wieder. Muss das wirklich sein? Nein, wir sind bereit für eine (lange) Joker-Pause. Die wird dem DC-Schurken und uns guttun.

Es folgen Spoiler zum neuen DC-Blockbuster: In The Batman tritt der Joker erst am Ende und sehr kurz auf. Wir sehen ihn gar nicht richtig, aber das ist nicht schlimm. Uns sind die Umrisse seines Gesichts und seine vielen Verhaltens-Codes inzwischen so vertraut, dass wir sie selbst durch einen dicken, schattigen Dunst erkennen.

Regisseur Matt Reeves führt den Joker eher pflichtgemäß in sein entstehendes Gotham-Universum ein, die Szene im Arkham Asylum wird undankbar zwischen Showdown und Epilog platziert. Sie arbeitet routiniert alles ab, was eine Joker-Szene so braucht. Mundnarben? Check. Wilde Frisur? Check. Freudloses Lachen? Check. Joker in einem Batman-Film? Check.

Auch der neue Batman-Film hat einen Joker (Gähn)

Der Film kam bis dahin sehr gut ohne den ikonischen Schurken zurecht, was Matt Reeves wohl selber bemerkte: Eine 5 Minuten-Joker-Szene, die sich zur Mitte der Handlung abgespielt hätte, nahm er aus dem Film, letzte Woche wurde sie veröffentlicht.

The Batman - Deleted Arkham Scene (English) HD
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Dass der Clip oben so ein Geheimnis um den Joker macht, ist fast ein bisschen süß. Er tut so, als waberte ein großes Mysterium um diese Figur. Als könnte er uns etwas vorenthalten, nach dem wir uns verzehren. Als würde die Welt nach einem neuen Joker-Auftritt gieren. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Die Popkultur-Welt hat sich 14 Jahre lang am Joker sattgesehen. Da können die Narben im Gesicht noch so tief und spektakulär sein.

Wir hatten mehr als genug Joker in den letzten Jahren

Heath Ledger hat uns mit seiner Larger than Life-Performance in The Dark Knight einen Joker gegeben, der sich kaum übertreffen ließ. Das hätte eigentlich abschreckend wirken müssen. Stattdessen entwickelte der Clown Prince of Crime eine große Anziehungskraft auf Schauspieler, die sich sagen: Das kann ich auch und vielleicht sogar besser. Der Joker mit seinem morbiden Charisma wurde zum Mekka für ernstzunehmende Darsteller und Jared Leto.

Denn so ein Joker-Auftritt wird mit Aufmerksamkeit belohnt, die man sonst vielleicht noch annähernd mit der Verkörperung von Musik-Ikonen wie Freddy Mercury erhält. In den letzten 14 Jahren haben zwei Darsteller einen Oscar für ihre Joker-Interpretation gewonnen. Heath Ledger posthum für The Dark Knight (2008) und Joaquin Phoenix für seine gequälte Charakterstudie in Joker (2019). Dazu kommen Live-Action-Auftritte von Jared Leto in Suicide Squad (2016) und Cameron Monaghan in der Serie Gotham (ab 2015). Also vier Schauspieler in 14 Jahren. Barry Keoghan aus The Batman ist der fünfte.

Aber was soll uns Barry Keoghan jetzt noch geben?

Die Joker-Obsession führt den Reiz der Joker-Figur ad absurdum

Keine Comic-Figur wurde seit der Jahrtausendwende derart ausführlich geröntgt wie der Joker. Ich weiß mehr über die Gefühlswelt eines DC-Schurken als über meine eigene. Der Joker steht für den Drang von Filmschaffenden, Comic-Fieslinge zu psychoanalysieren und ihr Tun in allen Facetten zu erklären. Was natürlich auch mit der Explosion des Superhelden-Genres an sich zu tun hat. Im speziellen Batman-Fall kommt die schiere Masse der Reboots dazu. Der Joker ist der Erzfeind des dunklen Ritters und allein deshalb immer erste Schurkenwahl: neuer Batman = neuer Joker.

THE BATMAN ist der Wahnsinn! | Review
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Spätestens nach Phoenix sind wir näher an diesem Bösewicht, als wir das jemals wollten. Und viel näher, als es dem Joker und seiner natürlichen Anziehungskraft guttut.

Ohne Heath Ledger würden wir heute nicht vor dem fünften Joker stehen. Der Darsteller setzte mit seiner sagenumwobenenden Verkörperung den Goldstandard nicht nur für Joker-Porträts sondern für Comic-Schurken-Darstellungen generell. Interessanterweise entzog sich seine Version aber jeder psychologischen Beurteilung, wenn er uns etwa verschiedene Wahrheiten über den Ursprung seiner Narben vorlügt. Der Joker von Ledger war und blieb ein Rätsel, ein unverlässlicher Patient.

Wo Ledger unergründliches Chaos und Irrsinn anbot, versuchen sich seine Nachfolger an der Erforschung des (psychischen) Chaos. Sie wollen Diagnosen und Antworten liefern, wo es vielleicht gar keine gibt und wo der Joker auch gar keine geben wollte. Dieser Schurke ist doch eigentlich die Erinnerung daran, dass es für Boshaftigkeit im Erwachsenenalter nicht immer eine Begründung in der Kindheit geben muss.

Das Wesen des Joker frustriert uns, es ist unbequem und unlösbar und eben genau deshalb nicht geeignet für einen Auftritt alle zwei Jahre. Nur als Rätsel kann der Joker ein Schurken-Ereignis sein.

Mir graut jetzt schon vor der Vorstellung, dass der neue Joker einer Gefängnis-Therapeutin (vielleicht Anya Taylor-Joy mit Hornbrille) irgendwelche Narben-Origin-Geschichten aus seiner traumatischen Kindheit in einem Waisenhaus/englischen Internat erzählt. Und die womöglich sogar ernst meint.

Der neue The Batman-Joker zeigt, wie ausgesaugt die Figur inzwischen ist

14 Jahre Joker-Therapie haben nicht dazu geführt, dass wir den Joker besser verstehen. Sie haben lediglich dazu geführt, dass mich einer der spannendsten Schurken mittlerweile ermüdet und uns offenbar nur noch schocken kann, wenn er besonders abstoßend aussieht. Kein Kino-Joker (in den Comics sieht es anders aus ) bisher wurde äußerlich so verunstaltet wie der von Barry Keoghan, was im harten Kontrast zum realistischen Stil des übrigen Films steht.

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Wenn einem zum Joker inhaltlich nichts mehr einfällt, macht man ihn halt optisch krasser. Ledger kam mit unsauberer, schweißverlaufener Schminke und dezent verheilten Wunden an den Mundwinkeln aus, Joaquin Phoenix' Joker mit dem normalen Gesicht von Joaquin Phoenix. Jared Leto hatte Grillz , aber das ist ein anderes Thema.

Vorschlag: Bevor neue Joker-Interpretationen vor allem dadurch glänzen, dass die Maskenbildner:innen sich so lange gegenseitig toppen, bis irgendwann ein blutiger Totenkopf übrig bleibt, lassen wir das lieber ganz.

Wir brauchen eine Joker-Pause. Wir brauchen Distanz. Auf 14 Jahre Joker-Obsession sollten jetzt mindestens 15 Jahre Joker-Verbot folgen. Keine Ahnung, wer die Autorität besitzt, das zu verordnen. Aber irgendjemand muss es tun.

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Habt ihr auch genug vom Joker?

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