Taboo - Unser Recap zu Staffel 1, Folge 8

Taboo mit Tom Hardy
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moviepilot Team
Pfizze Sven Pfizenmaier
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Taboo ist sich treu geblieben. Darüber zumindest dürften wir uns nach dem Staffelfinale einig sein. Alles, was die Serie über die ersten sieben Episoden an Absurditäten und fast schon selbstkarikierenden Plotwendungen angehäuft hat, bekommt hier einen krönenden Abschluss, die Crème de la Crème der Überzogenheit darf sich mit einem ordentlichen Knall in Richtung Ponta Delgada verabschieden. Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass Tom Hardy als James Delaney ungefähr jedes einzelne Ereignis dieses intrigenreichen Festivals des Wahnsinns genau so vorausgesehen hat und sein Plan somit - vielleicht bis auf kleine Details wie eine tote Schwester - in hübschester Form aufgegangen ist. Ein Plan, von dem wir immer noch nicht wissen, wie genau der eigentlich aussieht, entpuppt sich jetzt auch noch als ganz anderer Plan. Delaney will (erstmal?) gar nicht nach Amerika, sondern auf die Azoren.

Ob das jetzt genial oder billig ist muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. In jedem Fall reiht sich Taboo, wie der Guardian richtig feststellt, in eine mittlerweile etwas verstaubte britische Tradition des am Rad drehenden Historiendramas ein, das in den 1960er und 70er Jahren seine Blütezeit feierte und Meisterwerke wie The Wicker Man und Institutionen wie Ken Russell hervorbrachte. Historische Fakten über Bord werfen und sich stattdessen durch Gothic-Elemente und, ja, schlichte Durchgeknalltheit einen völlig eigensinnigen Zugang zu Geschichte zu erkämpfen, wurde zum Aushängeschild dieser skandalträchtigen Bewegung (man denke bloß an die bis heute aus DVD-Fassungen verbannte "Rape of Christ"-Sequenz in Ken Russels Die Teufel). Taboo ist als Primetime-Serie im Vergleich dazu natürlich deutlich harmloser, aber die Ambitionen lassen sich Steven Knight und Tom Hardy kaum absprechen.

Schade ist bloß, dass Taboo sich nie so ganz zu trauen scheint, vollends in der eigenen Überdrehtheit zwischen Kannibalismus und Voodoo-Inzest aufzugehen. Am Ende fügen sich die Fäden nicht nur mehr oder weniger übersichtlich zusammen, die Serie versucht auch noch allen Ernstes, aus ihren schablonenhaften Figurenzeichnungen einen dramatischen Effekt zu pressen. Besonders zum Augenrollen ist Zilphas (Oona Chaplin) Selbstmord gleich zu Beginn der Episode: Sieben Episoden lang durfte der Charakter - der ja eigentlich eine essentielle Rolle für Delaneys Motivationen gespielt hat - in spärlichen Auftritten buchstäblich gar nichts tun, außer zwischen ihrem Ehemann und ihrem Bruder hin und her zu pendeln, um schlussendlich von der Verstoßung von Letzterem in den Suizid getrieben zu werden. Ein liebloses Ende für eine lieblos geschriebene Figur, da hilft es auch nicht, wenn Delaney in einem Anflug menschlicher Emotionen feuchte Augen bekommt.

Aus denselben Gründen wirkt eben jener "Gefühlsausbruch" herbeibemüht, zumal hier irritierenderweise versucht wird, James Delaneys übermenschliche Fähigkeiten zu relativieren und anzudeuten, dass er zwar die ein oder andere schamanische Superkraft hat, aber vielleicht auch eine kleine Psychose, wie die Gegenüberstellung zu der rationalen Lorna (Jessie Buckley) verdeutlicht. "How do I not know?", fragt er sie in Bezug auf Zilphas Tod, schließlich müsse er sie singen hören, wenn sie wirklich nicht mehr am Leben sei. Die simple Antwort: "Because the dead don't sing." Aber wenn sie nicht singen, wieso kann ich sie dann hören, will ein sichtlich irritierter Delaney wissen und seine verwirrten Augen bleiben uns eine Antwort schuldig; eine Antwort, die ich persönlich gar nicht hören möchte. Ich dachte, wir haben uns hier auf eine kryptische Gothic-Party geeinigt.

Die funktioniert über die restlichen weiten Teile des Finales super. Delaney geht Schritt für Schritt sein Vorhaben durch, ermordet Dumbarton (Michael Kelly), der sich als Agent für die East India Company herausgestellt hat, und kann nach kleinen Komplikationen und ein paar toten Verbündeten auf sein neues Schiff steigen und davonsegeln. Hier bleibt Taboo im Umgang mit den Figuren konsequent. Nicht nur die namenlosen Schergen werden undramatisiert abgemäht, auch eine etablierte Figur wie Helga (Franka Potente) darf ganz unprätentiös durch Kopfschuss abtreten, ohne dass es irgendjemanden zu stören scheint. Genau das ist der latent zynische Ton, der Taboo streckenweise so spaßig macht. Der einzige zu betrauernde Tod ist ironischerweise der von Superbösewicht Stuart Strange. Jonathan Pryce war mit seiner fast schon kindlich-hilflosen Wut und gut platzierten F-Wörtern bei jedem Auftritt ein kleines Highlight.

Nun hat James Delaney also sein Team für die weite Reise beisammen, auch wenn nicht so ganz klar ist, wer von ihnen noch lange leben wird. Sowohl Cholmondeley (Tom Hollander) als auch Lorna sind schwer verletzt, allerdings ist es schwer vorstellbar, dass sich nach dem Abgang so vieler zentraler Charaktere auch von ihnen jemand verabschiedet - sofern es überhaupt zu einer 2. Staffel kommen sollte. Steven Knight hat in einem Interview mit Deadline zumindest klargestellt, dass in seinem Plan die Serie insgesamt drei Staffeln umfassen soll. Ob die BBC dem auch zustimmt, ist bislang noch nicht bekannt, allerdings erfreut sich die Serie relativ großer Beliebtheit, sodass eine Fortführung nicht gänzlich unwahrscheinlich ist. Sollte es so weit kommen, heißt das nicht, dass wir bald Bekanntschaft mit dem sagenumwobenen Nootka Sound machen werden. "Bis dahin ist es noch ein langer Weg", verrät Knight im Interview. Die potentielle 2. Staffel würde sich also wahrscheinlich auf den Umweg über Ponta Delgada und den mysteriösen Colonnade konzentrieren.

Sollte es nicht so weit kommen, funktioniert dieses Finale jedoch als hoffnungsvoller Abgang in Richtung einer neuen, utopischen Welt. Das hoffen zumindest seine Insassen, die das schmutzige London hinter sich gelassen haben, um die Chance auf ein neues Leben zu bekommen. Zu wünschen wäre es ihnen, vor allem dem gemarterten Godfrey (Edward Hogg), der es entgegen allen Erwartungen lebend aus der Stadt geschafft hat. Im durch und durch verdreckten und ungerechten Kosmos von Taboo könnte diese Reise jedoch genau das bleiben: nichts als eine Hoffnung.

"This whole thing is insane. Because this day is insane, because Delaney is insane. Because I am insane. Just do it."

Notizen am Rande:

- Zugegeben, ein bisschen hat mir Delaneys Umgang mit Brace (David Hayman) ja schon das Herz gebrochen. Niemand kann so traurig gucken. War das eine verspätete Rache für den Mord an seinem Vater, oder glaubt er wirklich nicht, dass Bedienstete für die Freiheit geeignet sind?

- Schön, dass Delaneys unehelicher Sohn Robert (Louis Ashbourne Serkis, Sohn von Andy Serkis) als Bote doch noch derart wichtig wurde. Im Falle einer 2. Staffel können wir uns da wohl - genau wie bei Godfrey - auf einen Ausbau der Figur freuen.

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