Mike Siegels Hommage an einen Meisterregisseur

Passion & Poetry - The Ballad of Sam Peckinpah

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10.11.2010 - 10:30 Uhr
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Mike Siegel großartige Doku über Sam Peckinpah
Eldorado Films
Mike Siegel großartige Doku über Sam Peckinpah
Für’s klassische Hollywood zu spät, für New Hollywood zu früh gekommen, von Produzenten gegängelt und dem Alkohol erlegen: Sam Peckinpah war ein umstrittener Melancholiker des Wilden Westens. Passion & Poetry ist eine Ehrerweisung an den Meisterregisseur und wichtigsten Auteur des späten Action- und Westernkinos. Unser DVD-Kolumnist Thomas Groh legt Euch die exzellente DVD-Edition ans Herz.

Ein wenig herrscht Lagerfeuerstimmung: Wie alte Veteranen, die lange gemeinsam, lange alleine durch die weite Prärie geritten sind, sitzen sie hier alle beisammen, den Häschern nicht immer, aber doch oft genug von der Klinge gesprungen, und erzählen mal lachend, mal mit Tränen der Rührung Geschichten von früher. Nur einer fehlt: die Vaterfigur, umstritten, aber doch geliebt, der eine große Meister des wilden Westens, um den sich hier alles dreht, natürlich: Sam Peckinpah.

Ein nicht unumstrittener Meister des Westernkinos

Und der ist, man muss das einmal in aller Deutlichkeit sagen, einer der ganz großen, wenn nicht einer der größten Meister des Kinos gewesen. Filme wie Getaway, Pat Garrett jagt Billy the Kid, Wer Gewalt sät oder „"The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz (The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz)":/movies/the-wild-bunch-sie-kannten-kein-gesetz sind atemberaubende Wegweiser für das Action- und Westernkino gewesen, selbst weniger gefeierte Filme wie der sehr persönliche Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia oder der unterschätzte Convoy gehören mit zu den schönsten Vertretern eines reifen Actionkinos, in dem aus jeder Einstellung Peckinpahs melancholische Sicht auf die (Männer-)Welt und damit auch auf die Gewalt spricht – ein auteur nach klassischem Begriff also.

Ein nicht unumstrittener allerdings, dem immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden – von den Produzenten in Hollywood etwa, den “suits”, die beispielsweise mit einem Mal auf dem Set von Sierra Charriba (OT: Major Dundee) in Mexiko auftauchten und Peckinpahs ganz großes Epos zu einer Ruine verunstalteten, die auch nach einer Aufsehen erregenden Restauration vor wenigen Jahren noch immer nur allenfalls eine Ahnung dessen vermittelt, was Peckinpah wohl im Sinn hatte. Oder von ihm selbst, der er Zeit seines Lebens den Frauen, den Drogen, vor allem aber dem alten Teufel Alkohol keineswegs abgeneigt gewesen ist. In jahrelanger, entbehrungsreicher Arbeit hat nun dem großen Barden des alten Westens, dem Melancholiker des Gewaltkinos eine einzigartige Film-Hommage gewidmet, die ihresgleichen sucht: Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah.

Ein Leben im filmhistorischen Rückblick

Und hier sitzen sie nun beisammen, die Hinterbliebenen der weitläufigen Peckinpah-“Familie”, sofern sie denn noch leben: Ernest Borgnine, dessen noch im hohen Alter kindlich freudiges Lachen man immer wieder gerne sieht, der kaum weniger betagt wirkende Kris Kristofferson, der als Countrylegende auch gleich in die Saiten greift, Ali McGraw natürlich, aber auch, neben vielen anderen, Mario Adorf und Senta Berger. Dass Mike Siegel diese Truppe im Laufe vieler Jahre ausfindig machen, ihr Vertrauen gewinnen und ihnen schließlich einen bunten Strauß witziger, trauriger, aber stets aufschlussreicher Anekdoten abtrotzen konnte, macht Passion & Poetry – The Ballad of Sam Peckinpah zu einem reichen Schatz für alle Cinephile. Selbst James Coburn, der bereits 2002 verstarb, ist immerhin in Form von Archivmaterial anwesend, wie überhaupt Mike Siegel sich als wahrer Spürhund für schöne Artefakte erweist: Neben kiloweise wunderbarem historischen Artwork zu Peckinpahs Filmen darf man sich an manchen schönen Dokumenten erfreuen, z.B. an raren Behind-the-Scenes-Aufzeichnungen von den Dreharbeiten zu Julian Lennons Musikvideos, wohl das letzte Material überhaupt von Peckinpah, der hier schon sichtlich vom Alter gezeichnet zu Werke geht.

Siegel folgt dabei der Chronologie: Schritt für Schritt vollzieht er Peckinpahs Leben und Werk nach – von Kindheitstagen über erste Assistenzen bei Meistern wie Don Siegel hin zu ersten TV- und Kinoarbeiten, mit oft schmerzhaft langen Pausen zwischen zwei Filmen, ganz einfach weil Peckinpah unter den Granden Hollywoods mitunter sehr berüchtigt war. Was so entsteht, ist ein zärtliches, aber auch raues Bild, das Bild eines inmitten hunderter von Freunden einsamen Poeten, einem für’s klassische Hollywood zu spät, für das spätere New Hollywood zu früh gekommenen Melancholikers. Kein Wunder, dass die Figuren in Peckinpahs besten Filmen stets wirken, als drohten sie jeden Moment aus der Welt zu fallen.

Ein Filmprojekt mit viel Herzblut

Mit wie viel Herzblut Mike Siegel zu Werke gegangen ist, ist der überprall mit Bonusmaterialien bestückten DVD in jeder Sekunde anzumerken. Der informative Audiokommentar beispielweise, in dem Siegel viel von den Schwierigkeiten erzählt, die überwunden werden mussten, um dieses Projekt zu vollenden, beispielsweise gleich zweifach vor: Einmal auf deutscher und schließlich für das internationale Publikum in englischsprachiger Variante. Der Überschuss der zahlreichen Interviews landet hier auch nicht einfach auf dem Fußboden des Schneideraums, sondern liebevoll aufbereitet auf der zweiten DVD, wobei „Überschuss“ nun wahrlich das falsche Wort ist: Die hier versammelten Anekdoten – unter anderem erzählt Ernest Borgnine ausführlich über die Dreharbeiten zu The Wild Bunch und nur zu gerne hört man diesem ehrwürdigen Fossil zu – mögen zwar aus welchen Gründen auch immer nicht in den Fluß des fertig vorliegenden Films gepasst haben, für sich und zusammen genommen sind aber auch sie ein großartiger filmhistorischer Fundus, um den es viel zu schade wäre, bliebe er dem Publikum vorenthalten.

Kurz: Passion & Poetry – The Ballad of Sam Peckinpah ist ein großartiger Ritt durch die Prärie der Filmgeschichte, der auch auf Grund der hervorragend besorgten DVD Edition einen Ehrenplatz in jeder sorgfältig geführten Filmsammlung verdient. Eine willkommene Einladung, sich mit dem Werk des großen Peckinpah wieder – oder überhaupt erstmals – zu befassen, ist sie obendrein.

Passion & Poetry ist für ca. 15 Euro erhältlich.

Thomas Groh lebt in Berlin, arbeitet für die Programmvideothek Filmkunst im Roderich und schreibt über Filme, zum Beispiel für die Filmzeitschrift Splatting Image, die taz und das Onlinekulturmagazin Perlentaucher. Wenn er nicht gerade sein Blog Filmtagebuch aktualisiert, verfasst er wöchentliche DVD-Kolumnen für den moviepilot, in denen er Filme von etwas jenseits des Radars empfiehlt, zuletzt beispielweise den Italowestern Mercenario und den tschechischen Avantgarde-Pop-Film Daisies.

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