Jahresrückblick – Die besten Filme 2016

Samuel L. Jackson in The Hateful 8
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Samuel L. Jackson in The Hateful 8
29.12.2016 - 08:50 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Western, Melodramen und Dokumentarfilme, Kannibalen, Intrigen und außerkörperliche Erfahrungen – trotz vieler Enttäuschungen hatte das vergangene Filmjahr einige Höhepunkte zu bieten. Mr. Vincent Vega nennt seine zehn Lieblinge 2016.

Platz 10: Bone Tomahawk

Hierzulande erschien Bone Tomahawk, das Regiedebüt des als Autor und Musiker bekannten S. Craig Zahler, direkt auf DVD und Blu-ray. Es ist geprägt von Zahlers Vorliebe für Geschichten, die die alltäglichen Lebensbedingungen im "Wilden Westen" mit weniger alltäglichen Horrorversatzstücken kombinieren und den Fortschrittsglauben der neuen Welt auf gewalt(tät)ige Proben stellen. Wie in seinen um Männer aus Siedlungsverhältnissen kreisenden Romanen geht es Zahler um die detailversessene Nachempfindung nordamerikanischer Frontier-Erfahrung, die viel mit der Angst vor dem Anderen und der Schuld seiner brutalen Verdrängung zu tun hat. Konkret: Bone Tomahawk handelt von – wie sie selbst immer wieder betonen: zivilisierten – Stadtbewohnern, die in die Fänge kannibalischer Höhlenmenschen geraten! Das ist ziemlich starker Tobak, mit delikaten Einschüben und besonders deftigem Schlussteil. Am Ende purzeln die von Kurt Russell angeführten townspeople die Evolutionsleiter schneller herunter, als sie sie jemals hätten hinaufklettern können. Der Film wirkt dabei auf interessante Art fahl und flach gedreht, unangemessen hübsche Bildkompositionen gibt es hier nicht. Kein bisschen fühlt sich Bone Tomahawk nach Erstlingswerk an.

Platz 9: Brooklyn

Die wieder einmal famose Saoirse Ronan emigriert in den frühen 1950er-Jahren von der irischen Provinz nach New York, verliebt sich in einen Sohn italienischer Einwanderer und muss sich während der Rückkehr in die Heimat zwischen ihm und einem neuen Mann entscheiden. Mehr hat das aus der Zeit gefallene Melodram Brooklyn eigentlich nicht zu erzählen. John Crowley, von dem der ebenfalls tolle Boy A stammt, interessiert sich zwar für den historischen Kontext seiner Liebesgeschichte, die mit amerikanischem Gründungsmythos und, jawohl, Wirtschaftsflüchtlingen zu tun hat. Doch auf große Themen läuft hier nichts hinaus, es geht um große Gefühle. John Crowley ist ein relativ unflamboyanter Regisseur, Besonderheiten auf Ebene des Plots und der Inszenierung braucht es für ihn offenbar nicht – Filme, die ernsthaft und aufrichtig von Liebe erzählen, sind Besonderheit genug. Unverstellt setzt Brooklyn melodramatische Akzente, unbeirrt vertraut er auf das wiederum in ganz anderer Art aus der Zeit gefallene Schauspiel seiner Hauptdarstellerin. Sie trägt die Zerrissenheit ihrer Figur nicht nach außen, sondern lässt uns ins Innere blicken, mit Underacting, das große Gefühle durch scheinbar kleine Dinge hervorzurufen versteht. Ein schlichter Film, nämlich schlicht ein wunderbarer.

Platz 8: Die Geschwister

Ein Berlinfilm ohne Berlinklischees im Jahr eins nach Victoria. Der desolate Zustand des hauptstädtischen Wohnungsmarktes bildet den ökonomischen Rahmen seiner von Heimatsehnsüchten erzählenden Geschichte – ausgerechnet die als Immobilienverwalter arbeitende und anderen Menschen Heimatversprechungen erfüllende Hauptfigur scheint mit diesen Sehnsüchten Schwierigkeiten zu haben. Die Begegnung zwischen ihr und einem aus Osteuropa stammenden Geschwisterpaar verschafft der Handlung Antrieb, der Verwalter organisiert den Geflüchteten eine Wohnung, die Figuren geraten in komplizierte Schieflagen des Begehrens. Was der Film damit anstellt, ist hochinteressant: Das aus unterschiedlichen Interessen geschlossene Zweckbündnis einerseits als Freiheitsutopie, die jede der Figuren auf Selbstverwirklichung hoffen lässt, anderseits als Ausdruck eines Machtverhältnisses, in dem Solidarität und Egotrip schwer zu unterscheiden sind. Jan Krüger macht es sich mit solchen Uneindeutigkeiten nicht einfach. Seine Figuren sind zwiespältig und komplex, ihre Motive stehen mit- und gegeneinander im Raum, ohne vorschnell aufgelöst zu werden. Das großartige Schlussbild muss daher in der Schwebe bleiben. Heimat, vermittelt es, kann nah und fern zugleich sein.

Platz 7: Love & Friendship

In den gelungensten Verfilmungen ihrer Romane trifft Jane Austens eigenwilliger Stil auf den nicht minder eigenwilligen von FilmemacherInnen wie Amy Heckerling, Joe Wright oder Ang Lee, die sich Sprache und Figuren der Vorlagen ganz unterschiedlich aneigneten. Mit Love & Friendship hat Whit Stillman nun den vielleicht boshaftesten, bestimmt aber aufrichtigsten Austen-Film gedreht. Weibliche Selbstbestimmung bedeutet darin nicht, die niederträchtige Adelsgesellschaft durch freie Partnerwahl und zaghafte Kritik an den Verhältnissen aus der Fassung zu bringen, sondern ihr Spiel gerissener als alle anderen zu spielen. Auf Liebe als Hoffnungsanker vertraut Lady Susan, die selbstsüchtige und intrigante, also hochvergnügliche Titelfigur des zugrunde liegenden Briefromans, jedenfalls nicht. Romantik ist für sie ein überlebenswichtiges Werkzeug reiner Arglist, jede Begehrlichkeit in erster Linie eine kalkulierte. Allein mit Freundin Alicia scheint es eine Art Vertrauensperson in ihrem Leben zu geben, zwischen ihr und Lady Susan bestehen keine durch Standeszusammenhänge vergifteten Interessen. Kate Beckinsale spielt diese Rolle sensationell. Und ihre Wiedervereinigung mit Chloë Sevigny als Alicia ist ein Geschenk für alle Fans von Whit Stillman und The Last Days of Disco.

Platz 6: In den Tiefen des Infernos

Spektakuläre Vulkanbilder gibt es in diesem Vulkanfilm einige zu sehen, aber sie haben nicht viel mit Werner Herzog zu tun: Tatsächlich in die Tiefen des Infernos begibt sich hier nur Archivmaterial des verstorbenen Ehepaars Katia und Maurice Krafft, das Herzog als Zeugnis menschlicher Selbstüberschätzung sich selbst überlässt. Sein Film erkundet andere Tiefen. Statt Vulkane stehen Menschen, Glaubensrichtungen und Politik im Mittelpunkt, alles ist ein ständiger Exkurs. Herzog besucht Bewohner von Java, die im Palast des Sultans die Göttin des Meeres mit dem Dämon des Vulkans versöhnen wollen, und zeigt eine römisch-katholische Kirche unlängst des Merpai, die die Form eines Hahns hat (das ist Herzog, und noch mehr Herzog ist, wie die Kamera einen im Innern der Kirche herumstehenden Plastikstuhl ins Visier nimmt). Irgendwann geht es sogar um die Entstehung der Menschheit, ein besonders amüsanter Abschnitt begleitet enthusiastisch Knochen ausbuddelnde Wissenschaftler in Äthiopien. Herzog filmt natürlich nicht die Funde, sondern das Finden, und was er nicht filmen kann, die inneren Zustände oder eben Tiefen seiner Protagonisten, bekommt er trotzdem noch ins Bild. Am Ende dienen ihm die Vulkane als Tojanisches Pferd, um in Nordkorea drehen zu dürfen. Wahnsinn.

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