Sightseers

Grotesk & Blutig - Britische Komödien unter der Lupe

27.02.2013 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Sightseers
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Sightseers
Unterschiedliche Kulturen, unterschiedlicher Humor. Mit Ben Wheatleys Sightseers startet am Donnerstag eine schwarzhumorige britische Komödie in den Kinos. Aus diesem Grund werfen wir diese Woche einen genauen Blick auf den Humor von der Insel.

Mit Sightseers – Killers on Tour startet am 28. Februar eine typisch britische Komödie in den heimischen Lichtspielhäusern. Das Werk von Ben Wheatley erzählt die Geschichte des frisch verliebten Pärchens Chris (Steve Oram) und Tina (Alice Lowe). Um der häuslichen Enge bei den Eltern zu entfliehen, schlägt Chris eine Reise vor. Er möchte der Geliebten die britische Insel zeigen und so brechen die beiden mit dem Wohnwagen auf. Ihr Weg führt sie an Wahrzeichen wie dem Crich Eisenbahnmuseum und dem Keswick Stiftmuseum vorbei. Der Trip droht dementsprechend nur mäßig spannend auszufallen. Doch Chris verbirgt ein dunkles Geheimnis vor der Außenwelt. Er hat einen profunden Ordnungswahn mit pathologischen Zügen. Sobald etwas seine sensiblen Sinne stört, gehen mit ihm die Nerven durch und er setzt zu tödlichen Feldzügen gegen das vermeintliche Übel an. Umweltverschmutzer, nervige Kinder und vorreservierte Campingplätze beginnen schnell an seiner Geduld zu zehren.

Sightseers verspricht britischen Humor par Excellence. Ben Wheatlys Film steht in bester Tradition der großen humoristischen Vorbilder von der Insel. Doch was charakterisiert diese stark lokal gefärbten Komödien überhaupt? In Bezug auf typisch englischen Humor fallen zumeist Schlagworte wie trocken, schwarz oder unverblümt. Diese Attribute gelten sowohl für den englischen Humor im Allgemeinen wie auch für Sightseers im Speziellen. Bereits das Konfliktpotential, das durch Steven Orams Charakter Chris vorgegeben wird, prädestiniert den Film für die Anwendung derartiger Labels. Aber abseits dessen verbergen sich weitere filmische Gemeinsamkeiten, die eine Vielzahl der englischen Komödien stilbildend prägen. Ein besonderes Merkmal dieser Werke stellt die auffällige Tendenz zu absurden Elementen und Situationen dar. Mustergültig hierfür sind die Filme der Komiker-Truppe Monty Python um Terry Gilliam und John Cleese, die mit Das Leben des Brian, Der Sinn des Lebens und Die Ritter der Kokosnuß das Absurde und Surreale in Wort und Tat kultivierten und salonfähig machten. In letzterem beispielsweise zieht König Artus mit seinen Rittern der Tafelrunde aus, um den Heiligen Gral zu suchen. Was sie stattdessen vorfinden, ist ein wehrhaftes Killer-Kaninchen, das mit der Heiligen Handgranate von Antiochia bezwungen werden muss – anachronistisch wie paradox.

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Der Hang zu grotesken Elementen findet sich gleichfalls in Werken der jüngeren britischen Vergangenheit. Regisseur Edgar Wright, der gemeinsam mit Koautor Simon Pegg für Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis und Shaun of the Dead verantwortlich zeichnet, beweist hierfür einen ausgeprägten Sinn. Bereits die Prämisse von Hot Fuzz ist mustergültig. Der Film handelt vom Londoner Polizisten Nicholas Angel (Simon Pegg), der aufgrund hervorragender Leistungen strafversetzt wird. Weil er die Londoner Kollegen in ein schlechtes Licht rückt, darf er fortan seine Runden im vermeintlich verschlafenen Nest Sandford drehen. Dort kommt er einer mörderischen Verschwörung auf die Schliche. Auch der drei Jahr zuvor gedrehte Shaun of the Dead steht im Hinblick auf die absurden Qualitäten in nichts nach. Selbst wenn wir die plötzliche Zombie-Epidemie außen vor lassen, weil sie im Kontext des Genres nichts wirklich Absurdes darstellt, bietet der Film noch einiges an skurrilen Momenten. Hier werden Zombies zur Abwehr mittels Schallplatten attackiert oder Mimik und Gestik der Menschenfresser imitiert, um inkognito unter den Untoten zu wandeln. Ähnliche Zutaten zeichnen ebenfalls Sightseers aus. Insbesondere an den morbid-unkonventionellen Reibungspunkten zwischen Liebesbeziehung und Serienmord zeigt sich das immanent Groteske. Für Vergnügen dieser Art empfehlen sich des Weiteren Werke à la Grasgeflüster, Lang lebe Ned Devine!, Grabgeflüster sowie Brügge sehen… und sterben?.

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Darüber hinaus weist der britische Humor einen besonderen Faible für bestimmte soziale Milieus wie Personentypen auf. Komödien von der Insel siedeln ihre Erzählungen vermehrt in der Arbeiterklasse und der Welt der Kleinkriminellen an. Paradebeispiele im Hinblick auf letzteren Kosmos sind wohl die Gauner-Komödien von Guy Ritchie. Der Filmemacher besitzt seit Beginn seiner Karriere eine ausgesprochene Vorliebe für zwielichtige Gestalten in aberwitzigen Situationen. Die Protagonisten von Snatch – Schweine und Diamanten und Bube Dame König GrAs sind allesamt kleine Gauner, die sich auf ihre Art durchs Leben schlagen, gleichgültig ob skrupelloser Box-Promoter, Diamantendieb oder Trickbetrüger. Abseits davon müssen natürlich nicht immer kriminelle Elemente im Fokus stehen. Ebenso siedelt die britische Komödie ihre Figuren mit Vorliebe in einfachen Arbeiterverhältnissen an, woraus sich oftmals der Stein des Anstoßes für die Handlung generiert. In der Tragikomödie Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten bedroht beispielsweise die Schließung der Kohlenzeche nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch die lokale Bergmanns-Blaskapelle. Die Teilnahme an einem Musik-Wettbewerb in der Londoner Royal Albert Hall soll Abhilfe schaffen und den Bergmännern neuen Mut geben. Einen ähnlichen Weg schlägt Regisseur Peter Cattaneo mit Ganz oder gar nicht ein. Dort sind es sechs arbeitlose Stahlarbeiter, die auf der Suche nach neuen Einkommensquellen das Striptease-Gewerbe für sich entdecken. Zwar wartet Sightseers nicht mit dieser Form von nackten Tatsachen auf, jedoch siedelt auch Ben Wheatley seinen blutigen Rundtrip durch die englische Provinz in den Sphären des kleinen Mannes an. Hinter der Fassade vermeintlicher Harmlosigkeit – womit auch die Filmplakate gekonnt spielen – verbirgt sich hier blutige Realität, was zudem den komischen Effekt der Erzählung verstärkt.

Sagt euch der typisch britische Humor zu? Was sind eure Lieblingskomödien von der Insel?

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