ES 2: Pennywise ist nicht gruselig und sollte es nie sein

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Redakteur bei Moviepilot. Glaubt, dass Netflix sich irgendwann noch durchsetzen wird und schreibt deshalb hauptsächlich über VOD und Streaming. Schöner als Sport sind nur Filme darüber.

Spoiler zu ES 1 und 2: Es ist schwer, im Internet eine bedrohliche Aura aufrechtzuerhalten. Die Meme-Kultur zerstörte schon Voldemort (keine Nase) und Thanos (die Sache mit Ant-Man und dem Anus zum Beispiel). Die größte Errungenschaft von Es ist nun, dass wir endlich wieder über Clowns lachen können.

Nun ist es eine Sache, wenn eine Internetschar aus Jux und Dollerei eine Horrorfigur ins Lächerliche zieht. Bei Pennywise liegen die Dinge anders. Der arme Kerl hatte nie eine Chance. Sein Weg führt seit Anfang 2017, als der erste Trailer zu ES erschien, geradewegs in die Welt der Gifs, Memes und Witze.

Pennywise ist eine Lachnummer

Die Marketing-Kampagne von Es warf Pennywise der Welt zum Fraß vor. Der Horrorclown ist für die Bewerbung von ES und ES Kapitel 2 viel wichtiger als für die eigentliche Handlung, wo er eine Gruppe Teenager terrorisiert. Die Kinder werden erwachsen, Pennywise verändert sich nicht.

Wer ES 1 und 2 ausschließlich über Trailer und Poster kennt, müsste eigentlich denken, in den Filmen geht es nur um einen bösen Clown, und nebenbei vielleicht noch irgendwelche Menschen.

Woher kam diese Konzentration auf Pennywise? Fangen wir mal damit an: ES ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil die Filme ein Zeitgeist-Momentum zu nutzen wussten. Das lädierte Ansehen des Clowns diente als Ausgangsmaterial für den wohligen Horrortrip.

Wenn ihr wissen wollt, wie es um das öffentliche Bild des gemeinen Clowns bestellt ist, müsst ihr nur mal "Clowns" in die Bildersuche bei Google eingeben.

Pennywise war seit Anfang der 90er, also dem ersten Es-Film, sowas wie die Galionsfigur der kollektiven Erkenntnis, dass Clowns gruselig sind und auf keinen Fall auf Kinder losgelassen werden sollten. Dieses Jahr erscheint eine Dokumentation über Wrinkles the Clown, der die Not zur Tugend machte und beruflich Kinder erschreckte.

Das alles, die neuen ES-Filme, die Trump-Clowns in American Horror Story, die schnappatmige Berichterstattung über Clown-Attacken vor ein paar Jahren, sind Teil einer anhaltenden Clown-Hysterie. ES löste diese Bilder aus dem Zeitgeist, rührte sie zu dem ultimativen Horrorclown, einer Karikatur, zusammen und führte sie einem breiten Publikum zu.

Kann eine Werbefigur Angst verbreiten?

Pennywise und mit ihm das Phänomen "Gruseliger Clown" wurde für ES zerstört und neu zusammengesetzt. In ES und ES 2 erleben wir einen Horrorclown mit groteskem, ausfahrbarem Gebiss, der zum Gruß mit amputierten Armen wedelt und witzige Tänze aufführt.

Das Horrormoment von Pennywise beginnt und endet mit dem ersten Trailer, dem ersten Aufleuchten seiner weißen Silhouette im Abfluss vor dem Tod von Georgie Denbrough, dem gruseligsten ES-Moment aus zwei Filmen, der das erste ist, was wir überhaupt von dem Zweiteiler sehen.

Die Georgie-Szene drehte Regisseur Andy Muschietti auch als gegen Pennywise gerichteten Witz: Hier stibitzt Georgie Pennywise das Papierboot aus der ausgestreckten Hand und der Clown steht blöd da. Das interessante an dieser Szene ist, dass es davon in den Filmen ziemlich viele gibt. Die Loser entkommen ihrem Peiniger in jeder einzelnen Konfrontation.

Der harmlose Horror in ES Kapitel 2

Vielleicht treibt der Clown auch nur ein perfides Spiel. Pennywise hat seinen Spaß mit den Kindern (und später den Erwachsenen) und wir mit ihm. Schnell wird in beiden Filmen klar, von Pennywise (eher noch den anderen Ausformungen des ES-Wesens) geht keine echte Bedrohung aus. Er kommt, erschreckt uns und geht wieder ohne größeren Schaden anzurichten, zumindest, wenn Hauptfiguren in der Nähe sind.

Da Pennywise als Bedrohung ausfällt, arbeiten die Filme mit plötzlichen Bewegungen, wenn der Clown zum Beispiel ansatzlos auf uns zurast, und akustischen Schocks, Schreien, durchdringenden Tuschs, die den Schock unterstützen. Die ES-Filme sind, vor allem im Kino, unheimlich laut.

Die Präsenz von Pennywise ist übermächtig, jedoch nutzen ihn die Filme häufig als Teil ihres Humorkonzepts. Die ES-Filme sind nämlich auch unheimlich komisch. Der Humor zertrennt den Horror, was etwa auch Annabelle 3 auszeichnet, dessen Gruselszenen jedoch gnadenloser als die von ES sind, weil er sie quälend ausdehnt.

ES will uns nicht quälen, im Gegenteil.

ES ist einer der ungewöhnlichsten Horrorfilme des Jahres

ES und ES 2 sind keine besonders guten Horrorfilme und sie wollen es auch gar nicht sein. Sie wollen uns nicht mit Angst überfordern und erschaffen deshalb keine in sich geschlossene Gruselatmosphäre. Sie sind episodisch (in beiden Filmen erhält jeder Loser der Reihe nach seine eigene ES-Konfrontation) und sprunghaft aufgebaut. Das gibt uns Zeit zur Erholung, zum Durchatmen nach dem Schreck.

Ein Horrorblockbuster, der wie ES 2 ein Einspielergebnis um die 700 Millionen US-Dollar anpeilt, darf nicht nachhaltig verstören wie zum Beispiel Hereditary, nach dem sich Zuschauer vor Angst übergaben.

Sollen Horrorfilme so viel einspielen wie MCU-Filme, wirkt sich das auf die Inszenierung des Horrors aus. ES und ES 2 erschaffen eine Art Light Horror, der sich in dem Comedy-Grusel von Pennywise verkernt.

Auch Es ist ein intensives, aber erträgliches Erlebnis, weil die Filme zwei impulsive Emotionen gleichzeitig anvisieren: Lachen und Angst. Bill Hader wird vor allem deshalb für seine Leistung gelobt, weil er das Zusammenspiel aus Schrecken und Komik kanalisiert, das den Film trägt. Dass wir nicht fürchten, worüber wir lachen, ist ein Subtext der Filme und des Buches.

Clowns sind endlich wieder lustig

Gerade wird eine alte Bilderstrecke vom ES Kapitel 2-Set hochgespült, die so witzig ist und so viele Geschichten erzählt, dass sie tausendfach vermemet wurde: Richie-Darsteller Bill Hader und der als Pennywise verkleidete Bill Skarsgård unterhalten sich scheinbar zwanglos. Plötzlich nimmt Hader wie vom Affen gebissen Reißaus und lässt Pennywise in der dramatischen Elendshaltung eines Kleinkinds zurück, das seinen Vater im Supermarkt verloren hat.*

Pennywise, der traurige tanzende Clown. Pennywise, das Häufchen Elend. Pennywise, das Meme. Der Horrorclown hat seine ureigenste Bestimmung gefunden: er ist ein Witz.

Die 3 wichtigsten Erkenntnisse zu Pennywise in Es

  • Pennywise wurde schon vor ES 1 als echte Horrorfigur unbrauchbar gemacht.
  • Pennywise ist auch in den Filmen mehr Clown als Bedrohung.
  • Die ES-Filme sind eine neue Art des Horrorfilms.

*Ich konnte das nicht hunderprozentig verifizieren, aber angeblich flüchtet Bill Hader vor Pennywise, weil Skarsgård ihm demonstrierte, dass der Effekt mit dem Schielauge mitnichten aus dem Computer stammt. Skarsgård kriegt das durch eine anatomische Verrückung selber hin.

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Redakteur bei Moviepilot. Glaubt, dass Netflix sich irgendwann noch durchsetzen wird und schreibt deshalb hauptsächlich über VOD und Streaming. Schöner als Sport sind nur Filme darüber.
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