ES Kapitel 2 - Die größten Unterschiede zwischen Film und Buch

Pennywise in in Es
© Warner Bros.
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Redakteur bei Moviepilot. Glaubt, dass Netflix sich irgendwann noch durchsetzen wird und schreibt deshalb hauptsächlich über VOD und Streaming. Schöner als Sport sind nur Filme darüber.

In seinem Genre sprengt ES Kapitel 2 jeden Rahmen. Horrorfilme wurden in den letzten Jahren mit Vertretern wie Hereditary - Das Vermächtnis (126 Minuten) oder Conjuring 2 (134 Minuten) zwar immer länger. Die Fortsetzung des ebenfalls sehr epischen Es (135 Minuten) legt aber noch eine Schippe drauf. 165 Minuten eurer Lebenszeit nimmt ES 2 in Anspruch, um die Geschichte des Clubs der Verlierer zu Ende zu erzählen.

Regisseur Andy Muschietti hat ja genug Ausreden. Seine beiden Filme schürfen aus einer Vorlage, die in der aktuellen deutschen Taschenbuchfassung über 1500 Seiten zählt. Muschiettis Drehbuchautoren schüttelten aus diesem Wälzer und Stephen Kings raumgreifendem Stil die wildesten Auswucherungen heraus.

ES stellt das Buch von Stephen King auf den Kopf

Außerdem fügten sie der Geschichte eine neue Ordnung bei, wie wir bereits ausführlich in unserem Artikel zu den Unterschieden in ES 1 erklärten. Diese Eingriffe betreffen das Konstrukt des Romans und der Geschichte, wie wir sie im Film erleben, als Ganzes.

Hier ein kurzer Überblick, bevor wir zu den Änderungen in Teil 2 kommen. Wenn ihr das alles schon wisst, lest ihr am besten nach dem Absatz weiter.

  • Im Roman verlaufen die Zeitlinien der Kinder und der Erwachsenen parallel. Der Film fügt die Zeitstränge auseinander und arbeitet stattdessen im zweiten Teil mit dosierten Rückblenden ins Kindheits-Derry. Im Mittelpunkt stehen die Erwachsenen.
  • Die Handlungszeit wurde geändert. Der Roman spielt 1958 und 1985, wenn Es nach 27 Jahren nach Derry zurückkehrt. Die Filme verschieben den Handlungszeitraum nach 1989 und 2016.

Die größten Änderungen in ES Kapitel 2

Die gefühlte Gleichzeitigkeit der 27 Jahre auseinanderliegenden Ereignisse gibt den Rhythmus des Erzählbeats des Buches vor. Sie erzeugt vor allem im Finale, wenn die Ereignisse sich zuspitzen, eine Art Zeitrausch, in dem Erinnerungen sich mit direktem Erleben vermischen. Entscheidungen der Figuren wirken direkt auf Geschehnisse 27 Jahre später ein und bedingen sie.

Das ist vor allem reizvoll, da sich die Geschichten wiederholen. King nutzt dies für Überlappungen und Verwischungen, was der Film in dem Ausmaß nicht leistet. Er ist dafür übersichtlicher.

Ohnehin ist Rationalisierung das große Ziel von ES 2. Zum Ende des Buches driftet der berauschte King ins Esoterische ab. Er trifft seltsame, teilweise bizarre Entscheidungen, die die das Finale ausfasern lassen. Einige sehr spannende literarische Motive sind zudem einfach nicht Blockbuster-tauglich.

Der Film lässt viel davon weg, ganze Personen kommen nicht vor und Handlungselemente werden umgeschrieben. Die Suche der Loser nach Artefakten aus dem ersten Teil wiederum erfindet das Drehbuch hinzu. Es folgen nun Spoiler zu ES 2.

ES legt Eier

ES nimmt auch im Buch die Gestalt einer gigantischen Spinne an. Die Loser stoßen auf eine Art Nest, das mit Eiern gefüllt ist, die das weibliche ES gelegt hat. Die Zerstörung des Wesens erhält dadurch eine zwingendere Note. Was ist schlimmer als das unvorstellbare, ultimative Böse? Das unvorstellbare, ultimative Böse, das Nachkommen zeugen und sich verbreiten kann.

Der Film spart sich dieses Detail und das ist vielleicht auch besser so. Einen Großteil des Finals verwendet King nämlich darauf, klarzustellen, dass ES nicht irdisch ist und keine körperliche Gestalt im herkömmlichen Sinne besitzt. Warum sollte ES also etwas so profanes wie Eier legen, um sich fortzupflanzen?

Wichtige ES-Figuren, die der Film ausradiert

Auch diese Entscheidung tut dem Film gut. King gibt den Fokus auf die Loser-Gruppe als erzählerischen Dreh- und Angelpunkt im Finale auf. Tom Rogan, Beverlys gewalttätiger Ehemann, und Audra, Bills Ehefrau, verfolgen ihre Partner nach Derry.

Mike Hanlon wiederum, im Film bis zum bitteren Ende Teil der Gruppe, verbringt den Endkampf im Krankenhaus (Henry Bowers verletzte ihn schwer). Audra verliert beim Anblick von ES den Verstand. Tom Rogan stirbt, nachdem er von ES als Werkzeug benutzt wird und Audra entführt. Beide Figuren zeigt der Film lediglich zu Beginn.

Der enorme Einfluss von ES auf die Stadt

Gerade die Sache mit Tom Rogan ist für diesen Punkt wichtig. Die Macht von ES reicht nämlich weit über das Kanalsystem unter Derry hinaus. ES kann, wie der Mindflayer in Stranger Things, Menschen gefügig machen und steuern. Am deutlichsten wird das im Film beim verrückten Henry Bowers, der von ES den direkten Befehl übertragen bekommt, die Loser zu töten. Dass viele Gewalttaten in der Geschichte von Derry unter dem Einfluss von ES geschahen, deutet der Film lediglich an.

Als ES im Buch stirbt, bricht halb Derry zusammen. Ganze Straßenzüge und Gebäude versinken im Erdboden, als würde ihnen die Kraft entzogen. Viele ältere Menschen, die unter der Präsenz von ES aufgewachsen sind, sterben ohne ersichtlichen Grund. Das Buch legt nahe, dass ES die Stadt und ihre Menschen durchdrang. Es ist ein Teil der Stadt, und wenn es stirbt, fehlt der Stadt sowas wie ein stabilisierender Kitt.

Die ES-Helden vergessen alles

Das kann den Filmfiguren natürlich auch noch passieren, ES 2 spart diesen tragischen Effekt jedoch aus. Im Epilog auf den letzten der über 1500 Seiten erfasst Bill, Beverly, Ben und Co. eine kollektive Amnesie, die sämtliche Eindrücke des Kampfes gegen ES auslöscht. So geschah es bereits nach dem ersten unvollständigen Triumph über ES. Der einzige, der sich erinnerte, war Mike, der weiter in der Stadt lebte.

Die Schildkröte¹, das Makroversum und der ganze verrückte Schmu

Das mit den Erinnerungen ist wichtig, denn die Amnesie hebt hervor, dass der Club der Verlierer einer Bestimmung folgte und für einen gemeinsamen Zweck zusammengeschweißt wurde. Eine höhere Macht instrumentalisierte und steuerte die Gruppe im Krieg gegen ES. Im Film kommt dieses etwas abstrakte Element nicht wirklich rüber.

King vermittelt die Ahnung der Figuren, gelenkt zu werden, vor allem über Gedanken und Monologe. Nicht zuletzt taucht das Buch in die Gedankenwelt von ES ein und wird zu einem ziemlich irren Trip, der vielleicht zu einem Terrence Malick- oder David Lynch-Film passt, nicht aber in einen Horror-Blockbuster.

Der verstörende Trip in aller Kürze: Das Universum, wie wir es kennen, wurde von einer freundlichen Schildkröte ausgekotzt. Wir existieren nur, weil sie Bauchschmerzen hatte. ES wiederum ist sowas wie eine böse Anti-Instanz, die vor Millionen Jahren auf der Erde landete. ES und die Schildkröte stammen aus dem Makroversum, wo sie allmächtig sind und in Konkurrenz zueinander stehen.

Irgendwo dahinter lauert eben noch diese größere, dunklere Macht, die die Realität (?) erschaffen hat, und vielleicht versteht ihr jetzt, warum das nicht im Film gelandet ist, der die Verhältnisse etwas vereinfacht. Selbst das Buch tut sich schwer, die Verfassung des Makroversums in Worte zu kleiden. Das ist höhere Physik und Stephen King ist eben kein Stephen Hawking.

¹Achtet in ES 1 und 2 mal auf Schildkrötendarstellungen. In ES 2 steht eine auf einem Lehrerpult.

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