Avengers 4: Endgame - Warum Fans lernen müssen, mit Kritik umzugehen

Avengers 4: Endgame
© Walt Disney Pictures
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Meint es gut mit den Menschen.

Jedes Popkultur-Fandom hat eine Grenze, die Leidenschaft von Besessenheit trennt. Nur wenige geraten überhaupt in ihre Nähe - und diejenigen, welche sie übertreten, vergiften deshalb nicht gleich den Diskurs.

Trotzdem sind Online-Belästigung oder gar körperliche Angriffe im Namen von Stars und Marken ein Problem. Sie richten sich gegen Kritiker und andere Fans, oft auch gegen die Macher oder Repräsentanten der vorgeblich begehrten Sache selbst. Schlimmstenfalls agiert ein prozentual verschwindend geringer Teil der Anhänger so laut und wirkmächtig, dass er die zivilisiert auftretende Mehrheit unbedeutend erscheinen lässt. Sein Gift zeigt Wirkung.

Von Star Wars bis Avengers 4: Morddrohungen und Prügel

Rüde geht es vor allem in den großen Franchise-Fandoms des Kinos zu. Die Veröffentlichung einer offenbar nicht den Erwartungen entsprechenden Fortsetzung wie Star Wars 8: Die letzten Jedi mündet im Shitstorm-Inferno, das hochnotpeinliche Petitionen und neue Schnittfassungen produziert. Darstellerinnen des Films werden zur Zielscheibe rassistischer und frauenfeindlicher Hassnachrichten und aus sozialen Netzwerken vertrieben.

Auch Morddrohungen sind Teil des Problems. Im DC-Universum suchen besonders niederträchtige Fans nach Verrissen zu Batman- und Superman-Filmen, um Autoren den Tod zu wünschen. Selten werden solche Anfeindungen öffentlich thematisiert. Die Journalistin Clarke Wolfe gehört zu den Ausnahmen, genau wie Margot Robbie, Star der DC-Verfilmung Suicide Squad, die sich wegen Online-Trollen ein Sicherheitspersonal zulegen musste.

Im Universum nebenan kann es nicht weniger ungemütlich werden. Zum Start des neuesten Marvel-Films Avengers 4: Endgame berichtet Jeremy Renner von "viel zu vielen Morddrohungen" gegen die Regisseure, weil seine Figur Hawkeye nicht im Vorgängerfilm Avengers 3: Infinity War zu sehen war. Mit Prügel muss wiederum rechnen, wer Plotdetails über den Film ausplaudert - so offenbar geschehen vor einem Kino in Hong Kong.

Erhöhte Empfindlichkeiten

Natürlich handelt es sich um Einzelfälle, sind also derart extreme Reaktionen nicht die Regel. Andererseits kann eine Kritik toxischer Fankulturen unmöglich erst bei Bedrohungen von Leib und Leben beginnen. Sie muss ansetzen bei der Bekämpfung jedweden Einwands. Bei Vorschriften und Zurechtweisungen. Beim autoritären Gelüst, das sich im Internet mit größter Selbstverständlichkeit breit macht.

Auf Moviepilot zum Beispiel lässt sich die Uhr nach empörten Wortmeldungen stellen, sobald über ein Fandom-Ereignis nicht im augenscheinlich gewohnten Modus der Affirmation berichtet wird. Schnell rufen selbst gut begründete Texte sich persönlich beleidigt fühlende Marvel-Anhänger auf den Plan, schon eine kritische Analyse der Actioninszenierung von Avengers 4: Endgame führt zu wüsten Beschimpfungen.

Problematisch ist daran nicht nur die tonale Maßlosigkeit. Zum einen geht es um selektive Wahrnehmung: Auf mehrere Dutzend wertfrei oder zustimmend verfasster Artikel folgt ein Meinungstext, der Beweis für voreingenommene Berichterstattung sein will. Zum anderen soll der Widerspruch, egal wie fundiert er ist, als eigentlicher Aggressor identifiziert werden - Kritik an beliebten Filmen provoziere notwendigerweise Gegenwind.

Fans als Markenverteidiger

Bestimmte Fans meinen dann Marktführer wie Außenseiter behandeln und gegen Kritik immunisieren zu müssen, als seien milliardenschwere Konzerne nicht sicher vor Journalisten. Darin ähneln sich alle toxischen Fankulturen: Sie vereinnahmen Produkte, um sie als Opfer zu halluzinieren. Ihr Eifer richtet sich gegen vermeintliche Widerstände oder jene an der Herstellung des Produkts beteiligten Frauen und Minderheiten, die es angeblich gefährden.

Wie dringend es analytische Gegenpole braucht zur Fan-Emphase und der reinen News-Berichterstattung (die freilich immer dem Produkt dienlich sind), zeigt sich an YouTubern, die für Hollywoodstudios PR machen. Wer mit Marvel-T-Shirt vor einer Kamera "garantiert spoilerfrei" ins Schwärmen gerät, betreibt ebenso wenig Filmkritik wie Menschen, die sich für Interviews in schöne Städte fliegen und von Disney den Aufenthalt bezahlen lassen.

Solcherlei Werbung, zum Teil als enthusiastische Benutzernähe markiert, ist mitverantwortlich für ein diskursfeindliches Klima, das kritikunfähigen Fans zuspielt. Es kann nicht überraschen, dass Rotten Tomatoes und IMDb-Durchschnittswertungen in diesem Klima ernsthafte Bezugsgrößen bilden - oder noch der irrelevantesten Fantheorie Texte und Videos gewidmet werden, aber eine tatsächliche Auseinandersetzung nicht stattfindet.

Tyrannei der Spoiler-Panik

Bezeichnenderweise macht sich der Dienstleistungscharakter auch die Angst vor Spoilern zueigen. In einem Statement baten die Macher von Avangers 4: Endgame darum, keine entscheidenden Handlungsdetails über den Film preiszugeben, so wie auch Journalisten von Studios angehalten werden, Plotwendungen für sich zu behalten. Mit dem Hashtag #DontSpoilTheEndgame setzten Marvel-Fans das Konzerndiktat millionenfach um, Kinderstar Jacob Tremblay verglich auf Twitter sogar Spoilern mit Mobbing.

Demnach sind nicht unangemessene Reaktionen auf Spoiler und die damit verbundene Hysterie, sondern Spoiler selbst ein Tabu. Hinweise auf den Verlauf fiktiver Geschichten stehen für eine Kulturpraxis, die allerorts erhöhte Sensibilitäten wittert. Lesern und Zuschauern scheinen Spoiler nicht zumutbar, ganz gleich, ob die eigentliche Bevormundung in der Art liegt, wie Warnungen vor ihnen eingefordert und umgesetzt werden.

Es sind zunehmend Strategien der Eventisierung emotional aufgeladener Marken, die Kritikempfindlichkeit und Spoiler-Panik legitimieren. Je besinnungsloser ein Film wie Avengers 4: Endgame zum Jahrhundertereignis hochstilisiert wird, desto heftiger fällt die Stellungsabwehr gegen alle aus, die am Ereignis zu zweifeln wagen.

Fühlt ihr euch von Kritik an Lieblingsfilmen provoziert?

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