Disney statt Netflix: Oscars blamieren sich mit Animationsfilm-Siegern

Toy Story 4
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Während ich meinen imaginären Hut vor Bong Joon-ho ziehe, ist meine Freude über den unerwarteten und wichtigen Sieg von Parasite doch sehr gedämpft. Als leidenschaftlicher Animationsliebhaber war der Oscar-Sieg von A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando ein noch schwererer Schlag als dessen dämlicher deutscher Zusatztitel.

Im Jahr 2020, 18 Jahre, nachdem der Extra-Oscar für den besten animierten Spielfilm eingeführt wurde, blicke ich zurück. Und sehe eine Oscar-Kategorie, die längst zur Farce geworden ist: Durch Monopol-Geschacher, aus Desinteresse und neuerdings vor allem auch aus der überpräsenten Netflix-Aversion.

Ein solides Formelgebräu: Toy Story 4 ist gut, aber nicht oscarverdächtig

Zunächst sei gesagt: Ich mochte Toy Story 4. Der Film war überraschend emotional und funktionierte besser, als es der ungebetene vierte Beitrag einer längst abgeschlossenen Reihe sein dürfte. Doch es steckte auch sehr viel Pixar-Formelschreiberei darin: Der Appell an unsere Kindheitsnostalgie, die Gegenüberstellung von Verantwortung und Selbstverwirklichung. Bekannte Motive, bekannte Figuren, bekannte Ästhetik.

Toy Story 4 war ein guter, aber in Anbetracht der Konkurrenz keinesfalls oscarverdächtiger Film. Dasselbe gilt im Übrigen auch für den Mitbewerber Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt, der nichts wirklich neu machte, solide erzählt und immerhin umwerfend animiert war. Doch "solide" sollte für den besten animierten Film eben nicht reichen.

Animationsgenie dank Netflix-Freiheit: Die Konkurrenz von Toy Story 4

Ich habe meinen Körper verloren erzählt auf ebenso ungewöhnliche wie kreative Art und Weise vom Leben eines Menschen. Dafür nutzt der bezaubernd melancholische Film witzigerweise ein Prinzip, das Toy Story erst so erfolgreich machte: Er erzählt seine Geschichte aus der Sicht eines "leblosen" Gegenstandes - in diesem Fall einer abgetrennten Hand. Ein Film, der einen hochemotional mit nur fünf Fingern und einem Armstumpf mitfiebern und sympathisieren lässt, hat die Macht der Animation verstanden.

Nun kann es ja offenbar nicht angehen, dass ein Nicht-Disney-Produkt zum Emotionsträger wird. Schon gar nicht, wenn dieser Film abseits des massentauglichen Familienkinos bei Netflix produziert wurde, um etwas Unkonventionelles zu schaffen.

Dasselbe scheint für den liebevoll-bittersüßen Klaus zu gelten. Der Netflix-Weihnachtsfilm ist, was Disneys handgezeichnete Märchen einmal waren. Nur eben etwas freier, denn auch Klaus muss sich keiner neumodischen, Marshmallow-gepolsterten Kinderfreundlichkeit beugen. Er schenkt uns großartig gezeichnete Figuren und eine zutiefst menschliche Botschaft von Hilfsbereitschaft und der Problematik verstaubter Vorurteile, alles untermalt von überraschend düsteren, schwarzhumorigen Elementen.

Wie der leer ausgegangene The Irishman scheinen hier zwei fantastische, der animierten Erzählkunst verschriebene Filme der Angst vor Netflix zum Opfer gefallen zu sein. Dabei sollte diese Plattform gerade in Sachen Animation Unterstützung finden. Sie ist derzeit die größte Bühne für gewagte Nischenprodukte, ob bei Filmen oder Serien. Ohne Netflix hätte ein Klaus schlechte Karten gehabt, und auch absolute Herzensprojekte wie Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands täten sich schwer. Nicht zuletzt dank Disneys Kino-Dominanz.

Die traurige Geschichte des Animations-Oscars und das Versagen der Kunst

Bis 2007 waren die Preisträger noch ein bunter Mix: Neben Pixar-Kandidaten konnten sich auch das Hayao Miyazaki-Meisterwerk Chihiros Reise ins Zauberland und Wallace & Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen von Claymation-Legende Nick Park durchsetzen. Doch seitdem gingen von 19 Animationsoscars 13 an Pixar oder Disney.

Diese Sieger waren meist großartige Filme, das will ich nicht bestreiten. Doch der animierte Film ist eine Kategorie, in der so viel künstlerische und handwerkliche Diversität möglich ist wie in keinem anderen Genre. Da ist es unendlich traurig zu sehen, wie viele bahnbrechende Filmemacher, Visionäre und Studios gegen die scheinbare Übermacht der Disneyfilme keine Chance hatten:

Dabei kann ich nicht unerwähnt lassen, wie sträflich Studio Ghibli und andere asiatische Filmemacher vernachlässigt wurden. Und das in einer Kinowelt, in der gerade der japanische Zeichentrick neue Maßstäbe setzte und zahllose westliche Produktionen beeinflusste. Wenn ich an 2018 und die Nominierung von The Boss Baby zurückdenke, neben dem japanische Geniestreiche wie Your Name, A Silent Voice und In This Corner of the World völlig außen vor blieben, kommen mir die Tränen.

Der "beste Animationsfilm" ist nur noch eine leere Phrase

Die Geschichte des besten animierten Spielfilms mit ihren manchmal peinlichen Nominierungen und ignorierten Genies zeigt: Der Academy sind Animationsfilme relativ gleichgültig. Es ist eine Kategorie, die augenscheinlich eingerichtet wurde, um die vermeintlichen Kinderfilme aus dem eigentlichen Best-Picture-Rennen auszuklammern.

Inzwischen scheint es außerdem nur noch um den Studionamen zu gehen. Bloß kein Netflix. Disney als sichere, kontroversefreie Wahl. Während der Konzern zumindest die restliche Oscarwelt noch nicht dominiert, hat er die Klauen eisern ins Animationsgenre versenkt. Wenn sich nicht bald etwas tut, wird die Nominierung für den besten Animationsfilm bald von der Farce zur Beleidigung für all jene, die mit Animation etwas Neues erzählen wollen.

Welchem Animationsfilm hättet ihr den Oscar 2020 gewünscht?

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