Ad Astra mit Brad Pitt: Ein Sci-Fi-Blockbuster, der gar keiner ist

Ad Astra - Zu den Sternen
© 20th Century Fox
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MrDepad Patrick Reinbott
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Junior Redakteur bei Moviepilot. Kann mit dem DCEU so einiges anfangen, aber noch mehr mit David Lynch. Meist im Kino oder beim Essen anzutreffen.

Immer wieder richtet sich der Blick in Science-Fiction-Filmen zu den Sternen. Da verwundert es nicht, dass James Grays neuer Sci-Fi-Blockbuster Ad Astra - Zu den Sternen hierzulande genau diesen Zusatz schon im Titel trägt. Neben Visionen aus einer entfernten Zukunft beschäftigt sich das Genre schon immer auch mit der Faszination von dem, was außerhalb unserer Vorstellungskraft über den Sternen in kaum greifbarer Entfernung liegt.

Die jüngere Welle an Sci-Fi-Filmen, zu denen auch Ad Astra gehört, folgt dagegen einem anderen Trend. Anstelle des Forscherdrangs und dem Entdecken neuer Planeten konzentrieren sich diese Filme voll und ganz auf menschliche, auf der Erde verwurzelte Themen. Der Griff nach den Sternen weicht dem Blick auf uns selbst.

Die wichtigsten Beobachtungen zu Ad Astra

  • Ad Astra ist ein intimes Charakterdrama als Sci-Fi-Blockbuster getarnt.
  • Einige Sci-Fi-Filme aus den letzten Jahren wie Gravity und Interstellar sind ebenfalls diesem Trend gefolgt.
  • Große Regisseure schmuggeln intime, kleinere Geschichten in große Blockbuster, um das Studio-System "auszutricksen".

Ad Astra führt weit hinaus ins All - und dabei vor allem ins tiefste Innere

Der neue Film von James Gray spielt in einer nahen Zukunft, in der die Menschheit unter anderem bereits den Mond besiedelt hat. Eine große Bedrohung entsteht hier durch elektromagnetische Stürme, die massive Schäden anrichten und alles Leben auf der Erde gefährden.

Um den Ursprung der Gefahr zu neutralisieren, wird der Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) mit der Mission beauftragt, vom Mars eine Botschaft Richtung Neptun zu senden. Hier soll sich eine seit fast 20 Jahren verschollene Wissenschaftsstation befinden, die von Roys Vater Clifford McBride (Tommy Lee Jones) geleitet wurde und offenbar für die elektromagnetischen Ströme verantwortlich ist.

Im Verlauf der Handlung reist Roy von der Erde zum Mond, von dort zum Mars und schließlich selbst zum Neptun, um seinen totgeglaubten Vater ausfindig zu machen. Alle Stationen seiner Weltraummission unterliegen dabei der streng subjektiven Perspektive von Roy.

Große Teile von Ad Astra erleben wir als Zuschauer durch seine Augen, während die Reise in ungewisse Weiten des Alls immer stärker zu der Frage wird, was für ein Mensch Roy überhaupt ist.

Ad Astra ist ein intimes Familiendrama, getarnt als spektakulärer Sci-Fi-Blockbuster

Die großen Fragen der Menschheit zu den unendlichen Geheimnissen des Universums stellt Ad Astra schon gar nicht mehr. James Gray legt seinen Sci-Fi-Blockbuster, der mit rund 90 Millionen Dollar Budget entsprechend imposant daherkommt, vielmehr als intimes Familiendrama an.

Die bedrückende Stille des Alls und die isolierte Einsamkeit von Roy auf seiner Mission nutzt der Regisseur als Betrachtung einer komplizierten Vater-Sohn-Beziehung. Im Verlauf des überwiegend zurückhaltenden Films liegt die unausweichliche Konfrontation zwischen Roy und Clifford nach so langer Zeit wie ein spannendes Knistern über den Bildern von Ad Astra.

Um ein Massenpublikum und vor allem seine Geldgeber nicht zu verschrecken, streut James Gray immer wieder falsche Fährten in seinen Film. Wenn Brad Pitts Figur gleich zu Beginn im freien Fall von der Raumstation stürzt oder es später zur tödlichen Verfolgungsjagd gegen Mondpiraten kommt, könnte man Ad Astra tatsächlich kurz mit einem konventionellen Blockbuster-Spektakel verwechseln.

Achtung, Spoiler zum Finale von Ad Astra im folgenden Absatz: Am Ende läuft trotzdem alles auf die ruhige Konfrontation zwischen Roy und Clifford im All hinaus. Plötzlich bemerkt ein Sohn, wie ähnlich er seinem verlorenen Vater längst geworden ist, während der Vater all die Jahre auf oberflächliche Illusionen fremder Planeten geblickt hat, obwohl die wahre Schönheit die ganze Zeit darunter auf der Erde verborgen lag.

So kehrt Roy nach der Vollendung seiner Mission auf diese Erde zurück, wo die Frau auf ihn wartet, die direkt am Anfang des Films noch hinter ihm im Unschärfebereich verschwommen ist. Der Astronaut sieht wieder klar.

Ad Astra führt den Trend jüngerer Science-Fiction-Filme als intime Familiendramen fort

Mit Ad Astra setzt James Gray einen Trend fort, der in den vergangenen Jahren wiederholt im Science-Fiction-Genre zu beobachten war. Teure Blockbuster in edler Weltraum-Verpackung entpuppen sich auf einmal als persönliche, intime Geschichten über familiäre Beziehungen und Schwierigkeiten.

Ein Film aus dem vergangenen Kinojahr, an den Ad Astra am stärksten erinnert, ist Damien Chazelles Aufbruch zum Mond. Darin wird die wahre Geschichte des Astronauten Neil Armstrong nacherzählt, dem es als ersten Menschen gelungen ist, den Mond zu betreten.

Abseits der eigentlich Weltraumfahrt inszenierte auch Chazelle seinen Science-Fiction-Film als persönliches Drama. Sein Neil Armstrong ist ein innerlich stark leidender Familienvater, der unter dem Verlust seiner erst zwei Jahre alten Tochter Karen leidet.

In Aufbruch zum Mond wird der berühmte Astronaut als übergroßer Mythos damit zum greifbaren Menschen, der auf der Erde jeglichen Boden unter den Füßen verloren hat. Erst durch die Schwerelosigkeit des Alls sowie das Betreten von bislang völlig unerforschtem Boden hofft Chazelles Armstrong, wieder zu sich selbst und seiner Familie zu finden.

Der Trend der intimen Science-Fiction-Dramen reicht zuletzt bis Gravity zurück

Erstmals beobachten ließ sich dieser mittlerweile vermehrte Trend von persönlichen Dramen im Sci-Fi-Gewand 2013 bei Gravity. Alfonso Cuaróns Survival-Thriller lässt Sandra Bullock als Astronautin nach einem Unfall völlig auf sich allein gestellt (mit Ausnahme eines fantasierten George Clooneys) in den Tiefen des Alls zurück.

Bei einem geradlinigen Überlebenskampf belässt es der Film jedoch nicht. Abseits der technischen Opulenz, mit der Gravity vor allem als überwältigendes 3D-Kinoerlebnis beworben wurde, ist der rund 100 Millionen Dollar teure Blockbuster ein Drama über eine Mutter, die ihre Tochter früh durch einen Unfall verloren hat.

Bedrückende Erinnerungen an diesen Verlust sind es, die immer wieder als tragisches Echo durch die bedrohliche Stille von Cuaróns existenzialistischer Weltraum-Vision hallen.

Auch Christopher Nolans Interstellar ist ein solcher Film, der die Zukunft der Menschheit auf der Erde in die Hände eines Mannes legt, der sich für diese Mission schweren Herzens von seiner kleinen Tochter trennen muss.

Egal, welche außergewöhnlichen Planeten Matthew McConaugheys Figur bereist und wie das Verhältnis zwischen Zeit und Raum in Nolans Blockbuster aus den Fugen gerissen wird. Im Kern handelt Interstellar von der lange überfälligen Wiederbegegnung zwischen einem Vater und seiner Tochter und einer Liebe, die Zeit und Raum überwindet.

Vor Ad Astra und Aufbruch zum Mond war auch Arrival von Denis Villeneuve ein solcher Science-Fiction-Film, der nicht im Weltraum angesiedelt ist, sondern die Ankunft von Außerirdischen auf der Erde thematisiert. Eine von Amy Adams gespielte Linguistin wird damit beauftragt, die rätselhafte Sprache der Aliens zu entschlüsseln, während sie immer noch mit dem frühen Tod ihrer Tochter an einer seltenen Krankheit zu kämpfen hat.

Am Ende des Blockbusters steht nicht die Absicht der Außerirdischen im Vordergrund, sondern die Bedeutung ihrer Anwesenheit für die Hauptfigur. Durch eine finale Wendung ist es nicht die schmerzliche Vergangenheit, die Amy Adams' Figur akzeptieren muss, sondern das Versprechen einer bittersüßen Zukunft, die sie schließlich akzeptiert.

Mit großen Studio-Blockbustern können Regisseure intime Geschichten erzählen

Dieser Trend im Science-Fiction-Genre, der sich auf verschiedenste Werke der Filmgeschichte wie Solaris zurückverfolgen lässt, ist vor allem durch die Entwicklung der Filmindustrie entstanden.

Während zwischen günstigen Indiefilmen im Low-Budget-Bereich und teuren Studio-Vehikeln die Filme im Mid-Budget-Bereich immer mehr verschwinden, sind Genre-Bezüge und getarnte Blockbuster für ambitionierte Regisseure mittlerweile der einzige Weg, ihre persönlichen Geschichten noch an den Zuschauer zu bringen. Ein ideales Beispiel dafür ist Ad Astra.

Wie steht ihr zu diesem Trend der intimen Dramen im Science-Fiction-Genre?

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