Wunder und die Menschlichkeit entstellter Figuren

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Wunder
31.01.2018 - 09:45 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Zum Kinostart von Wunder gehen wir an dieser Stelle der Frage nach, wie Filme über entstellte Charaktere uns Lektionen in wahrer Menschlichkeit geben können.

Letzten Donnerstag ist in Deutschland der Film Wunder in den Kinos angelaufen, der als Verfilmung des gleichnamigen Buches von R.J. Palacio die Geschichte des jungen Auggie Pullman (Jacob Tremblay) erzählt. Als Junge mit von Geburt an entstelltem Gesicht (einer kraniofazialen Fehlbildung, dem sogenannten Treacher-Collins-Syndrom) geht er erstmals zur Schule und muss damit umgehen, wie andere Jungen und Mädchen auf seine Andersartigkeit reagieren.

Als Film mit wichtiger Botschaft für Kinder und Erwachsene schickt uns Wunder zusammen mit Auggie, aber auch zusammen mit den Menschen in seinem Umfeld, auf einen Weg der (Selbst-)Erkenntnis, denn gerade wegen der Gesichts-Deformationen des Jungen schafft der Film es, echtes Mitgefühl zu wecken. Das wiederum hat mich zum Nachdenken darüber angeregt, auf welche Weise Werke wie Wunder mit ihren entstellten Charakteren unsere Menschlichkeit ansprechen.

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Wunder - Innere vs. äußere Menschlichkeit

Wenn wir von Menschlichkeit sprechen, müssen wir uns der unterschiedlichen Auslegungsarten des Wortes bewusst sein: Zunächst gibt es die äußere Menschlichkeit, also das Aussehen einer Person. Jeder weiß, wie ein Mensch aussieht oder normalerweise aussehen sollte. Folglich sind alle Abweichungen vom Standard "unmenschlich".

Wichtiger ist allerdings der Begriff der Menschlichkeit, der in seiner Definition ins Innere vordringt: Positiv belegt, spricht das Wort Menschlichkeit von Mitgefühl und Freundlichkeit - also schlicht dem Umstand, in schwierigen Situationen das "Richtige" zu tun. Grausamkeit und Sadismus sind im Umkehrschluss "unmenschlich".

Obwohl das die Begrifflichkeit noch weiter aufweicht, sollte außerdem nicht außer Acht gelassen werden, dass auch die Fehler der Menschen "menschlich" sind. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, was uns als Spezies eben auch aus- und die Definition des Mensch-Seins umso chaotischer macht. Es sind jedoch, wie Wunder uns verdeutlicht, weder die Fehler noch das Aussehen, die einen Menschen definieren, sondern seine Entscheidungen: "Wähle die Freundlichkeit", wie August Pullman es ausdrücken würde, der von seinem Lehrer Mr. Browne (Daveed Diggs) gelernt hat, dass unsere Taten unsere Denkmäler sein sollten. (Manche von uns wird das an Das Glücksprinzip erinnern, wo im Übrigen damals ebenfalls eine positiv konnotierte entstellt-vernarbte Figur auftauchte.)

Wunder

Entstellte Menschlichkeit und das Antlitz des Bösen

Die Freundlichkeit als Maxime zu wählen, ist freilich nicht immer einfach. Denn auch Vorurteile sind menschlich. Andersartigkeit fällt auf und lässt Außenseiter entstehen. Insbesondere in frühen Filmen mit entstellten Figuren ist deshalb derjenige, der optisch entstellt und damit "böse" aussieht, letztendlich genau so konnotiert: als bildgewordene Bosheit (auch wenn es in Filmen wie The Brute Man und Frankenstein trotz schlechter Taten charakterlich auch hier schon Abstriche vom "absolut Bösen" gibt). Typecasting und Maskenbildner greifen hier die visuellen Ängste der Zuschauer auf und gleichen sie äußerlich dem Innenleben der Rolle an.

Doch Dramen, in denen Charaktere unverdient eine Ausgrenzung durch ihre Deformation hinnehmen müssen, brauchen als tragische Figuren gerade diese Vorurteile der falschen Wahrnehmung, um zu funktionieren. Die Ungerechtigkeit, mit der entstellte Menschen behandelt werden, wird eben erst dann erfahrbar, wenn Quasimodo in der Der Glöckner von Notre Dame völlig ohne Provokation ausgelacht und zum Narren gemacht wird, oder wenn über Justin McLeod (Mel Gibson) in Der Mann ohne Gesicht aufgrund seiner Entstellung das Schlimmste angenommen wird, was er seinem jungen Schüler nur antun könnte.

Der Glöckner von Notre Dame

Wunder - Empathie und die Humanität des Deformierten

Auf diese Weise - mittels einer ungerechten Behandlung - wird nicht nur unser Mitleid gegenüber entstellten Figuren angesprochen, sondern unser Mitgefühl für sie geweckt. Empathie, also Einfühlungsvermögen, ist hier das Stichwort. Denn indem wir uns in diese Charaktere hineinversetzen, erkennen wir sie als Ebenbürtige, als Menschen, an. Parallelen lassen sich durch die eigene Anteilnahme plötzlich leichter ziehen, denn fast jeder Zuschauer - jeder Mensch - hat sich sicherlich auf die eine oder andere Weise schon einmal als Außenseiter oder Ausgegrenzter gefühlt, der den Wunsch hatte dazuzugehören.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Empathie auf zweierlei Weise gefestigt wird: zum einen, indem uns durch Figuren wie Auggies Mitschüler Julian (Bryce Gheisar) vorgeführt wird, wie "normale" Menschen sich "unmenschlich" verhalten; zum anderen durch äußerlich "unmenschliche" Personen wie Auggie, die mehr Mitgefühl als ihre Gegenspieler an den Tag legen, indem sie sich in ihre Peiniger einfühlen und das schwere "Richtige" tun und damit menschliche Stärke als bessere Personen beweisen. Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie schon David Lynchs deformierter Elefantenmensch: "Die Menschen fürchten, was sie nicht verstehen." Die Entstellten besitzen demnach eine gewisse erleuchtete Menschlichkeit, indem sie empathisch zugeben, dass sie sich in der Rolle ihrer Antagonisten vermutlich ähnlich verhalten hätten. Auggie würde seinerseits Chewbacca wohl auch anstarren. Dadurch wird die Gleichung jedoch umgedreht: Im Entstellten können wir plötzlich das Gute sehen, im ignoranten Normalen hingegen das Schlechte.

Der Elefantenmensch (John Hurt)

Das Wunder, den Voyeurismus zu überwinden

Filme mit deformierten Figuren, die durch äußerliche Entstellungen, insbesondere im Gesicht, gezeichnet sind, bringen natürlich immer auch einen gewissen Anteil Voyeurismus für den Zuschauer mit sich. Das soll an dieser Stelle auch gar nicht angezweifelt oder verleugnet werden. Schließlich ist der Film vorrangig ein Bildmedium und so wollen wir das Ungewöhnliche, das Andere, hier eben ungestört und ungestraft genau ansehen können. Die Filme wissen um diese visuelle Neugier, weshalb sie das Zeigen des optisch aus der Art geschlagenen Protagonisten häufig zum Spannungsaufbau hinauszögern: In Wunder werden erst fast alle anderen Figuren eingeführt, bevor Auggie seinen Helm abnehmen und uns zum ersten Mal richtig unter die Augen treten darf. Und in Der Elefantenmensch wird das Warten auf die Enthüllung der "Attraktion" geradezu qualvoll (mit Schattenspielen und off-Screen-Handlungen) in die Länge gezogen, bevor wir John Merrick (John Hurt) endlich erstmals für längere Zeit zu Gesicht bekommen.

Doch das Starren ist, wie schon August Pullman in Wunder anmerkt, normal - ja, menschlich. Wichtiger ist vielmehr der Schritt, der danach folgt: Es zu überwinden. Mit dem Gewöhnen an den ungewohnten Anblick lernen die Filmfiguren, und zugleich auch wir Zuschauer, hinter die Maske der Entstellung zu blicken und dort den Menschen zu finden. Deshalb kann der Junge Chuck (Nick Stahl) in einem bedeutsamen Moment nach geschlossener Freundschaft zu Mel Gibsons Mann ohne Gesicht sagen, dass er dessen Narben gar nicht mehr wahrnimmt.

Warner Bros.

Wähle das Mensch-Sein, wähle die Freundlichkeit

Ich will mit meinen Überlegungen zu entstelltem Filmpersonal nicht sagen, dass entstellte Figuren grundsätzlich menschlicher als alle andere sind. Es gibt genug Filme, die das Gegenteil beweisen und viele, die Narben und Deformiertes nur als Schauwert nutzen. Jonah Hex legt es mit seinem Protagonisten (Josh Brolin) zum Beispiel wohl eher auf einen gruseligen Coolness-Faktor an und dem Film The Dark Knight ist mit Harvey Dents Two-Face (Aaron Eckhart) die Metapher des Doppelgesichtigen sicherlich wichtiger, als für die Figur menschliches Mitgefühl zu wecken.

Dennoch eignen deformierte Figuren sich in einer von Äußerlichkeiten besessenen Gesellschaft immer wieder, um den Menschen daran zu erinnern, hinter die Fassade zu blicken und das eigene Verhalten zu überdenken. In den USA und vielen anderen Teilen der Welt löste R.J. Palacios Buch Wunder und nun erneut auch Stephen Chboskys Film-Adaption die "Choose Kind"-Bewegung  aus, bei der Fans von Auggies Geschichte sich für ihr eigenes Leben vornahmen, ihren (andersartigen) Mitmenschen gegenüber freundlicher aufzutreten. Sie wurden gewissermaßen von einem fiktiven entstellten kleinen Jungen erfolgreich zum "richtigen Mensch-Sein" angeleitet. Und das ist für ein ausgedachtes Werk doch schon allerhand.

Hat Wunder euch mit Auggies Geschichte berührt? Welche entstellten Film-Charaktere haben bei euch einen bleibenden Eindruck hinterlassen?

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