Regisseur Pierre Morel im Porträt

Wie Liam Neeson & Sean Penn zu Actionhelden wurden

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The Gunman
26.04.2015 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Er löste mit Taken einen kleinen Actionboom aus und schickt nun Sean Penn auf die Spuren von Liam Neeson: der Regisseur Pierre Morel im Porträt.

Ein Gedankenspiel: Jemand interviewt Pierre Morel, hat aber noch nie etwas von 96 Hours, geschweige denn die Re-Neesonce (Neeson-aissance?) und ihrer diversen Imitate gehört. Beide plaudern über Filme, vielleicht über Morels neues Werk The Gunman, das nächste Woche in den Kinos startet. Sean Penn spielt darin einen dieser "privaten Sicherheitsberater", die in der Realität bei Firmen wie Blackwater  angestellt sind. Er ballert und prügelt sich auf zwei Kontinenten, leidet aber auch an einem Trauma und würde am liebsten nur für NGOs Gutes tun. Es wäre gut möglich, dass in dem ganzen Gespräch mit Morel nicht einmal das Wort Action fällt. Am Telefon ist der 1964 geborene Franzose nämlich ein umgänglicher Interviewpartner, aber auch einer, der viel mehr von Charakteren und Stories redet, als man es dem Regisseur von Ghettogangz, From Paris with Love und eben 96 Hours a.k.a. Taken zutraut.

Aus heutiger Sicher gehört Pierre Morel in erster Linie zu einer Gruppe von Filmemachern, die sich ihre Sporen bei Luc Bessons Firma EuropaCorp verdient haben. Olivier Megaton (Transporter 3, Taken 2 & 3) reiht sich da ein, Gérard Krawczyk (Taxi Taxi, Wasabi - Ein Bulle in Japan), Camille Delamarre (Brick Mansions, The Transporter Refueled) und - vielleicht am bekanntesten - Louis Leterrier (The Transporter, zuletzt Die Unfassbaren - Now You See Me). Schon Ende der 90er Jahre gehörte Morel zur EuropaCorp-Crew, führte die Steadicam bei Filmen wie Johanna von Orleans und beaufsichtigte die Kameraführung bei The Transporter. Sogar bei Die Träumer hatte er als Verantwortlicher der Super-16-Aufnahmen seine Finger im Spiel: "Mit Bertolucci zu arbeiten, obwohl es nur sehr kurz war, ihn dabei zu beobachten, wie er mit den Schauspielern redet, einen Meister bei der Arbeit zu sehen, das war fantastisch."

"Fast 20 Jahre lang habe ich quasi nur [als Kameramann gearbeitet]. Dann bin ich zur Regie übergegangen. Es war eine logische Weiterführung der Art, wie ich Geschichten erzähle", erklärt Pierre Morel seinen Werdegang. Dieser Erfahrungsschatz ist seinem Erstling Ghettogangz (im Original Banlieue 13) anzumerken. Morel selbst beschreibt seinen Film in Abgrenzung zu The Gunman als Cartoon. Aber was für ein Cartoon es ist! Kaum jemand dürfte sich an die Hintergrundgeschichte von Hauptfigur Leïto erinnern, aber wie Parkours-Veteran David Belle ein architektonisches Hindernis nach dem anderen über- und durchwindet, das vergisst der geneigte Actionfan nicht so schnell. Was auch an Morels klarer Inszenierung liegt, die ganz dem Können ihres Helden verschrieben ist.

Eigentlich wirkt Morels bisher erfolgreichste Regie-Arbeit Taken nicht wie der logische Nachfolger zu dem Parkour-Actioner. David Belle ist in gewisser Weise die Antithese Liam Neesons: Wegen seiner sportlichen Erfahrung geht Belle als Actionstar durch, ganz sicher nicht als Schauspieler. Er wirkt jung, agil, unbeschwert, wenn er durch Fenster flutscht. Neeson dagegen stapft durch Paris, als wäre er auf dem Weg zum Godzilla-Casting. Wie Morels spätere Filmhelden verkörpert aber auch Belle einen Profi in seinem Fach, mit "a very particular set of skills".

Ich liebe diese Art von Helden. Sie machen Spaß, weil sie keinen Spaß machen, sondern schnell zum Punkt kommen.

In Taken passt sich Morels Inszenierung ihrem Star und der weniger (aber immer noch) cartoonesken Stimmung an. Der verstärkte Handkamera-Einsatz und kürzere Schnittraten sorgen für die nötige Dynamik, die Neesons physischer Präsenz abgehen. Der Kritiker Ignatiy Vishnevetsky hat mal geschrieben , kaum ein Action-Regisseur heute sei so gut darin, einen stetigen Action-Rhythmus aufrecht zu erhalten, wie Pierre Morel. Er wisse einfach, "wie man die Sache am Laufen hält" mit seinen "unaufhaltbaren" Helden. Darin gleicht Taken dann doch wieder Ghettogangz, nur eben mit anderen Mitteln.

Bei Taken wollte das Studio, dass wir einen anderen nehmen, weil Liam [Neeson] zu diesem Zeitpunkt nicht als Actionheld bekannt war. Da haben wir gesagt: Nein, wir wollen keinen jungen Actionhelden, wir wollen einen Typen, der glaubhaft einen Vater spielen kann.


Neesons Bewegungen erreichen, am Stück gefilmt, nie die Komplexität eines David Belle, umso härter wirken dafür Schläge und Tritte. Denn anstatt die konkreten Treffer, wie anderswo üblich, in der Postproduktion in Bewegungsfragmente zu zerstückeln, werden im Schnitt eher längere Abläufe mit mehreren Einstellungen konstruiert. Den konkreten Aufprall - ob einer Faust oder eines Körpers - sieht und hört der Zuschauer in Taken dafür oft in Gänze.

Letztendlich geht es um Kohärenz. Ich versuche unterhaltsame Action-Momente zu kreieren, aber sie müssen zu den jeweiligen Figuren passen. [...] Ich versuche die Stunts immer so zu designen, dass sie in Verbindung mit den jeweiligen Figuren Sinn ergeben. Das gilt auch für die Choreographie der Kämpfe.

In der Vorbereitung nutzt Morel kaum Storyboards, da sie seiner Meinung nach die Dynamik der Szene nicht wiedergeben können. "Wir proben mit den Stuntleuten", erklärt er den Prozess, "und filmen die Proben. [...] Es ist eine Art Prä-Visualisierung, ein sich bewegendes Storyboard." So könne man einschätzen, wo zum Beispiel die Schläge landen. Mit den Schauspielern werde dann mit Hilfe dieser Videos trainiert. Es sei "ein langes Training. Viel Training und Proben. Jeder Schlag, jede Bewegung in der Choreographie wird geprobt." Am Anfang steht das Design, dann die Visualisierung, die Proben und schließlich der Dreh. Am Ende dieses langwierigen Prozesses findet sich dann ein John Travolta, der allein eine Straßengang vermöbelt:

Keine Regiearbeit von Pierre Morel ist derart überdreht wie der zynische Agentenspaß From Paris with Love, was sich auch in der überstilisierten Zeitlupen-Action niederschlägt. Vielleicht ist Travolta als Actionheld anders gar nicht zu verwirklichen als in der kompletten Überzeichnung (siehe Im Körper des Feindes von John Woo). Fünf Jahre später bringt Morel mit The Gunman seine erste Regie-Arbeit außerhalb des Systems Besson in die Kinos, was einer der Gründe dafür sein könnte, dass der Thriller sich als 180-Grad-Wende gibt. Viel "Story", von der Morel so gern redet, findet sich in The Gunman, wenig vom überzeichneten Besson-Touch. Sein Held (Sean Penn) wird immer wieder in den Stillstand gezwungen, ob nun durch einen am Rad drehenden Javier Bardem oder den monologisierenden Idris Elba in einem größeren Gastauftritt. Vor allem macht Jim Terrier (!) der eigene Körper zu schaffen, schnauft er zuweilen doch wie ein verwundeter Stier. Damit wirkt der von Penn produzierte und konzipierte The Gunman wie ein verlängertes Adieu an Morels Arbeiten mit Luc Besson. Er gleicht einem letzten Gang in die Arena.

Deswegen würde ich keinen Superheldenfilm machen. Superhelden haben keine echten Schwächen. Man weiß, dass sie gewinnen werden, weil sie Superhelden sind. Ich ziehe echte Menschen mit Problemen vor. Denn dann weiß man nicht, was als nächstes passiert.

Pierre Morel träumt derweil von einem großen Science Fiction-Film (eine Dune-Adaption ist vor Jahren bei Paramount gescheitert). Er spricht begeistert über Serien-Projekte, die in der Urzeit oder im Mittelalter spielen, von "Stories" eben, die ihn an einem Projekt interessieren und nicht Action. Eine der letzten News  über Pierre Morel schlägt trotzdem bekannte Töne an. Er arbeite an einer Verfilmung von Tom Woods "Victor the Assassin"-Büchern, heißt es. Worum es geht: "einen Freelancer, einen Profi, einen Killer - den besten, den es gibt."

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