Vorbild für Indiana Jones und Tarantinos Gangster: Jean-Paul Belmondo war die Definition von Cool

Jean-Paul Belmondo
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Jean-Paul Belmondo
08.09.2021 - 18:30 UhrVor 3 Monaten aktualisiert
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Die Bedeutung des kürzlich verstorbenen Jean-Paul Belmondo kann gar nicht überschätzt werden. Ohne ihn hätte es Figuren wie Indiana Jones oder Tarantinos Ganoven womöglich nie gegeben.

Jean-Paul Belmondos berühmteste Szene läuft so ab: Verraten von seiner Freundin (Jean Seberg) wird er von der Polizei angeschossen und bricht zusammen. Auf dem Boden liegend raucht er noch Zigarette und trägt Sonnenbrille. Mit letzter Kraft stößt er "Ist ja ekelhaft!" hervor und streicht sich selbst die Augen zu. Das ist das Ende des Gangster-Klassikers Außer Atem – und ein Bild für die Geschichtsbücher.

Belmondo ist am 6. September 2021 verstorben. Wer aber in ihm nur eine große Galionsfigur des französischen Kinos sieht, liegt falsch: Die großen Architekten des heutigen Hollywoods, unter ihnen Martin Scorsese, Steven Spielberg und Quentin Tarantino, verdanken Belmondos unnachahmlichem Charme ihre besten Figuren.

Jean-Paul Belmondo wurde vom Gangster-Poeten zum Stallone Frankreichs

Belmondo war wie kein anderer Schauspieler das Gesicht der Nouvelle Vague (dt. "Neue Welle") des französischen Kinos der frühen 60er Jahre. Wütende junge Filmemacher wie Jean-Luc Godard schmissen dort Konventionen zum Kino-Fenster hinaus, setzten auf Laiendarsteller, hektische Energie und dreckige Geschichten von der Straße.

Belmondo und Jean Seberg in Außer Atem

Belmondo passte da perfekt hinein: Er kam aus einer Künstlerfamilie und wollte Theaterschauspieler werden, liebte aber auch das Boxen und beendete seine Bühnenkarriere mit einem Stinkefinger an seine Professoren (via The New Yorker ). Er liebte Kunst und hasste Idiotie: Ein Sprengsatz an Charakter.

Und den konnte er in Godards Außer Atem zum Glänzen bringen. Seinen Ganoven Michel spielte er wie viele seiner späteren Rollen: Lässig in Anzug und Hut wie sein großes Vorbild Humphrey Bogart, aber auch hitzig und aufbrausend und spontan wie ein Kind. Anders als Bogart weiß er nicht, was wirklich gespielt wird. Aber es ist ihm auch Wurst.

Genau das war das Einzigartige an dem Charme, den er in solche Rollen steckte: Seine Helden waren absolut fehlbar, keine Western-Statuen wie John Wayne oder wandelnde Dampfmaschinen wie später Schwarzenegger. Bei aller Coolness sind Belmondos Rollen immer irgendwie auch Idioten, weil sie keine Ahnung haben wollen. Das macht sie unzerstörbar. Sie sind nicht Bogart, sie sind Bogart-Fans, und alles andere interessiert sie nicht.

Belmondo als Priester in Eva und der Priester

Der durchschlagende Erfolg von Außer Atem machte Belmondo schnell sehr bekannt: In den folgenden fünf Jahren drehte er ganze 28 Filme, die eine immense Vielseitigkeit als Schauspieler bewiesen: War er 1961 noch als zutiefst menschlicher Geistlicher zu sehen (Eva und der Priester) spielte er in Der Teufel mit der weißen Weste von Jean-Pierre Melville seine vielleicht coolste Rolle als hartgesottener Trenchcoat-Gangster mit Ehrenkodex und Knarre.

Die intellektuellen Höhenflüge des jungen französischen Kinos tauschte er in den 70ern und 80ern allerdings gegen kommerziellere Rollen. Als einer der größten Schauspieler Frankreichs legte er sich mit Filmen wie Der Greifer oder Der Profi ein Profil als brachialer Action-Held à la Stallone zu. Der bübische Charme Belmondos ging hier auf den Polizeiveteranen und Söldner genauso über wie früher auf den Pariser Gangster.

Belmondos Einfluss reicht von Indiana Jones bis zu Tarantinos Gangstern

Als Gangster in Der Teufel mit der weißen Weste

Aber egal ob die Straßenjungen der 60er, die Lederjacken-Cops der 80er oder die stillen Helden seines Spätwerks: Belmondo hatte mit seinen Rollen bleibenden Eindruck in der Filmgeschichte hinterlassen – und bei einer Gruppe junger Hollywood-Revoluzzer.

Denn amerikanische Filmemacher wie Steven Spielberg, Martin Scorsese oder Francis Ford Coppola wollten seit Anfang der 70er ebenfalls neuen Wind in die angestaubten Kinosäle ihres Heimatlandes bringen. Sie griffen dabei bereitwillig auf die französische Kino-Revolution zurück, deren Gesicht Belmondo lange Zeit gewesen war.

So kommt es etwa, dass Belmondos Abenteuer-Streifen Abenteuer in Rio Spielberg und George Lucas die Blaupause für Indiana Jones lieferte (via Variety). Belmondos Jagd um die halbe Welt ist Indys Suche nach Artefakten nicht ganz unähnlich. Auch Harrison Ford trägt genau die Züge zwischen Macho und Trottel, die sein französisches Vorbild kennzeichnen.

Eine seiner bekanntesten Action-Rollen: Belmondo in Der Profi

Insbesondere waren es Belmondos Gangster-Rollen, die einen unvergleichlichen Einfluss auf Hollywood ausübten: Das Paradebeispiel Der Teufel mit der weißen Weste hatte laut Martin Scorsese erheblichen Einfluss auf The Irishman und zählt zu seinen liebsten Gangsterfilmen (via FarOutMagazine ).

Selbst eine Generation später hat sich diese Wirkung nicht verflüchtigt: Quentin Tarantino nannte Der Teufel mit der weißen Weste sein liebstes Drehbuch aller Zeiten und eine große Inspirationsquelle für Reservoir Dogs. Über Belmondo selbst sagte er (via Variety ):

Selbst sein Name ist nicht einfach nur der Name eines Filmstars oder der Name eines Mannes. Er ist ein Verb. Ein Verb, das für Vitalität, Charisma, Willenskraft steht. Es steht für Super-Coolness. [...] Genau wie er es in Außer Atem [mit einem Bild von Humphrey Bogart] gemacht hat: Wir starren auf das Poster und wünschen uns, wir seien er.

Und von dort trug sich Belmondos Einfluss weiter in die Filmgeschichte. In den lockeren Sprüchen Iron Mans oder der Zahnstocher-Ästhetik von Drive gibt es irgendwie immer einen Platz, an dem sich im Hintergrund Belmondo gerade eine Kippe ansteckt.

Was ist euer Lieblingsfilm von Jean-Paul Belmondo?

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