Filmfestspiele Cannes

Von Parasite bis Tarantino: 5 Highlights & 5 Enttäuschungen in Cannes

Leonardo DiCaprio in Once Upon a Time in Hollywood
© Sony
Leonardo DiCaprio in Once Upon a Time in Hollywood
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Am Ende griff auch Netflix zu. Der Konflikt zwischen Festival und Streaming-Dienst schwelt noch immer, doch im extrem starken Programm der Filmfestspiele von Cannes fand auch der Konzern Bereicherungen für seinen Katalog. So kaufte er die internationalen Rechte für den Grand Prix-Gewinner Atlantics und den Animationsfilm I Lost My Body.

Bei der Cannes-Auslese fällt es generell schwer, schwerwiegende Enttäuschungen zu finden. Das Festival bot dieses Jahr trotz der Abwesenheit des Streaming-Giganten einen seiner besten Jahrgänge der jüngeren Erinnerung. Der Gewinner der Goldenen Palme, des Hauptpreises der Festspiele, landete auch auf vielen Kritiker-Toplisten.

Die Höhepunkte und Enttäuschungen von Cannes 2019

Friede, Freude, Crêpe-Pfanne - so lautete zwar nicht das Motto des Festivals. Die folgende Auflistung der Enttäuschungen von Cannes 2019 solltet ihr allerdings als Meckern auf hohem Niveau verstehen - und die Empfehlungen als zwingenden Stoff für eure Vormerkliste.

Enttäuschung in Cannes: Matthias & Maxime

Nach seinem raketenhaften Durchbruch hat sich Arthouse-Wunderkind Xavier Dolan (Mommy) in seinem künstlerischen Bauchnabel verlaufen. Das gipfelte im aufgepeitschten Star-Kino Einfach das Ende der Welt. Insofern nähert sich Matthias & Maxime wieder Dolans Glanzzeiten an, inklusive Mutterkomplexe und ektatische Mittzwanziger-Beobachtungen.

Einige berührende Einblicke in die Beziehung zweier junger Männer, die sich für ein Filmprojekt küssen und ihre fragile Freundschaft hinterfragen, bietet der Film. Andererseits wirkt er wie ein kanadisches Arthouse-Garden State mit klischeehaften Coming-of-Age-Stilmitteln. Dabei hat Dolan so viel mehr drauf als Zach Braff [Anm.d.Dolan-Allergikerin].

Höhepunkt in Cannes: Zombi Child

In Zombi Child schleicht sich der Horror in ein Mädcheninternat, allerdings nicht so, wie wir es angesichts des Titel erwarten. Der neue Film von Bertrand Bonello (Haus der Sünde) lief in der unabhängigen Directors' Fortnight, wo letztes Jahr auch Gaspar Noés Climax Premiere feierte.

Bonello wird bisweilen ebenso zum neuen französischen Extremkino gezählt, insofern verwundert sein Gespür für das Unheimliche im Zombie-Mythos nicht. Gleichzeitig wird sich in Zombi Child aber auch auf ambivalente Art mit dem kolonialen Hintergrund des Zombiefilms auseinandergesetzt, wenn eine haitianische Schülerin an einem französischen Edelinternat von Voodoo-Ritualen erzählt.

Ein Triple Feature mit Ich folgte einem Zombie, Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies und Zombi Child sei an dieser Stelle herzlich empfohlen.

Enttäuschung in Cannes: The Dead Don't Die

Die Hard-Fans (hihi) von Bill Murray werden auch in The Dead Don't Die auf ihre Kosten kommen. Der Zombiefilm bietet im Prinzip genau das, was man erwartet: Trockener Humor, Deadpan-Gesichter, skurrile Nebenfiguren, darunter Tilda Swinton als Bestatterin mit einem Samuraischwert. Einmal fährt Adam Driver in einem winzigen Auto vor, als wäre er bei Mr. Bean in Lehre gegangen.

Der neue Film von Jim Jarmusch gibt sich beliebig, aber nicht beliebig genug, um entspannt zu wirken, und gleichzeitig mit seinen Trump-Referenzen wütend, aber nicht wütend genug, um daraus Energie zu gewinnen. Nein, "resigniert" trifft es wohl eher. Ein resignierter Zombiefilm, in dem die Gegenwehr so müde vor sich geht, wie die Zombies durch die Kleinstadtstraßen schlurfen.

Höhepunkt in Cannes: The Whistlers

Die Rumänen haben es mir angetan, auf die kann sich der Festivalbesucher seit Jahren verlassen. Diesmal stand ein Neo-Noir auf dem Plan, der Klassiker wie Gilda mit dem Erzähltempo von Ocean's Eleven vermixt. In The Whistlers erzählt Corneliu Porumboiu (Police, Adjective) eine höchst amüsante Geschichte, die vor den Genre-Härten nicht zurückschreckt.

Verwickelt wie ein kunterbuntes Wollknäuel ist der Film, in dem Vlad Ivanov (sowas wie der Philip Seymour Hoffman des neuen rumänischen Kinos) als Polizist zwischen Korruption und Verbrechen balanciert. Auf den Kanaren lernt er eine Sprache von Schmugglern, die ausschließlich über Pfiffe kommuniziert wird.

Vielleicht bin ich leicht zu beeindrucken, aber dem todernsten Ivanov dabei zuzuschauern, wie er seinen Zeigefinger im Mundwinkel verhakt, um über archaische Täler und Straßenschluchten hinweg zu pfeifen - das ist schon ein Unterhaltungswert für sich.

Enttäuschung in Cannes: Young Ahmed

Vor 20 Jahren gewannen sie die Goldene Palme, seitdem gehören die Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne zur Stammbesetzung des Wettbewerbs von Cannes. Ihr Extremismus-Drama Young Ahmed ging in dem starken Jahrgang 2019 allerdings unter.

Darin wird eine Lehrerin zur Zielscheibe eines Jungen, der von einem islamistischen Imam radikalisiert wird. Letztlich schlagen die für ihren Realismus bekannten Regie-Brüder die Hände über den Kopf zusammen, wenn es um den Blick in den Kopf des Jungen geht, den sie wie eine Maschine durch den Plot jagen.

Da erschien mir André Téchinés Farewell to the Night, in dem Catherine Deneuve ihren Filmenkel von der Reise nach Syrien abhalten will, wesentlich ergiebiger im Umgang mit dem Innenleben eines Islamisten.

Höhepunkt in Cannes: Portrait of a Lady on Fire

Als die Malerin in Portrait of a Lady on Fire auf die abgelegene Insel reist, fällt ihr Bilderrahmen vom schaukelnden Boot ins Meer. Was tut sie? Sie springt natürlich hinterher. Der neue Film von Céline Sciamma (Mädchenbande) fühlt sich stellenweise an wie ein mutiger Sprung ins Wasser, während die Männer drumherum stehen und nicht schwimmen können.

Alles andere als muffiges Historienkino kommt hier auf den Zuschauer zu, wenn eine unabhängige junge Frau eine andere porträtieren muss, deren Leben fremdbestimmt wird. Gegen Ende war ich mir unsicher, ob Portrait of a Lady on Fire seine Energie aufrechterhalten kann, doch Sciamma hat sich nicht zuletzt als eines bewiesen: eine Meisterin der letzten Einstellung eines Films.

Enttäuschung in Cannes: The Wild Goose Lake

Genrefilme beherrschten dieses Jahr auch den Wettbewerb von Cannes. So fügte sich The Wild Goose Lake theoretisch hervorragend ins Programm ein. Der chinesische Neo-Noir strotzt vor rauschhafter nächtlicher Unsicherheit und dem ein oder anderen brutalen Set-Piece, das Premierenzuschauer Quentin Tarantino sehr gefallen haben dürfte.

Es ist eine Steigerung nach Diao Yi'nans letztem Film Feuerwerk am helllichten Tage, der 2014 den Hauptpreis der Berlinale erhielt. Andererseits wirkt auch der Wildententeich wie eine leere Übung, dem jede Leidenschaft für den Puls der Genres abgeht, an dessen Oberfläche er sich abarbeitet.

Das macht The Wild Goose Lake so frustrierend: Es gibt wunderbare Film Noir-Momente in dem Film, der letztlich so glatt und profillos wie sein schwacher Hauptdarsteller daherkommt

Höhepunkt in Cannes: Beanpole

Eine große Zukunft dürfte der aus dem Kaukasus stammende Kantemir Balagov vor sich haben. Seinen 30. hat er noch nicht gefeiert, dafür aber schon zwei Spielfilmpremieren in Cannes absolviert.

In Beanpole verfolgt er zwei ehemalige sowjetische Soldatinnen im Leningrad unmittelbar nach dem Krieg. Nahrung macht sich rar, die Wunden sitzen tief und die Suche nach einem emotionalen Pflaster ebenso.

Balagov fängt die Atmosphäre der Nachkriegszeit anhand eines stetig wachsenden Figurenensembles ein. Zwischen mit erdrückender Spannung inszenierten Wendungen findet er jedoch Inseln der Befreiung. Bei aller Härte ist das Lachen stets in Griffweite.

Enttäuschung in Cannes: Once Upon a Time in Hollywood

Die Darsteller um Leonardo DiCaprio und Brad Pitt zeigen sich in einigen ihrer besten Darbietungen, trotzdem zählt der neue Film von Quentin Tarantino zu den Enttäuschungen in Cannes. Die nostalgische Reise ins Hollywood von 1969 gefällt sich in der Rekreation einer Ära mit dem für Tarantino gewohnt bunten Figuren-Ensemble.

Once Upon a Time in Hollywood macht durchaus Spaß und bringt früheren TV-Zeitaltern den Respekt zu, den die ahistorische TV-Rezeption in den letzten Jahren vermissen ließ. Es gab Fernsehen vor den Sopranos, ja sogar vor 1990 und es war gut.

Andererseits hatten Tarantinos Filme nach Death Proof von einem Filmemacher mit wachsenden Ambitionen gezeugt. Damit meine ich nicht, dass er statt eines Sets das Zentrum von Los Angeles in die Endsechziger katapultiert. Neben einem Film wie The Hateful 8 wirkt Once Upon a Time... in Hollywood schlicht anbiedernd in seiner Suche nach dem einfachsten Ausweg.

Höhepunkt in Cannes: Parasite

Die Goldene Palme hat er gewonnen und ich habe bei Moviepilot schon über Parasite von Bong Joon-ho geschwärmt. Was bleibt also noch zu sagen: Mit einer Woche Abstand denke ich immer noch darüber nach, wie die Familie von Song Kang-ho aus ihrer Kellerwohnung zuguckt, wie ein Besoffener sich vor ihrem Fenster entleeren will - schon wieder.

Ein skurriler Moment ist das in dem Film, ziemlich früh noch dazu. Man lacht. Im Nachhinein wirkt es wie die Zündung einer Lunte. Was für ein Film.

Weitere Empfehlungen aus Cannes: Ich habe 43 Filme und zwei Serienfolgen in Cannes gesehen und möchte noch folgende Empfehlungen loswerden:

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Ab 17. Oktober im Kino!Parasite
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