Keine Lust auf The Walking Dead

Der fantastische Zombi Child führt den Zombiefilm zu seinen Wurzeln

Zombi Child
© Les Films du Bal
Zombi Child
Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Sie träumt, wie sie zu ihrer Mitschülerin ans Bett geht und ihr ein Stück Fleisch aus der Wange beißt. In Zombi Child wird ein Mädcheninternat zur Brutstätte untoter Sehnsüchte. Es ist einer der besten Filme bei den diesjährigen Filmfestpielen von Cannes und einer von mehreren, die sich mit dem Zombie-Mythos auseinandersetzen.

Carrie - Des Satans jüngste Tochter trifft nämlich auf Ich folgte einem Zombie in dem Film über Schülerinnen im Paris der Gegenwart und dem Horror der Geschichte, der sie einholt.

Dabei hebt sich Zombi Child von dominierenden Zombie-Darstellungen wie in Night of the Living Dead oder The Walking Dead ab. Eine verführerische Schauermär zwischen pubertärer Todessehnsucht und Voodoo-Horror erwartet die Zuschauer.

In Zombi Child schleicht sich der Horror in ein Mädcheninternat

Jene Träumerin heißt Mélissa (Wislanda Louimat). Nachdem ihre Familie beim Erdbeben in Haiti 2010 ums Leben kam, siedelte sie mit ihrer Tante nach Frankreich über, das Land der früheren Kolonialherren.

Mélissa besucht ein exklusives Mädcheninternat und in den vielen Aufnahmen der uniformierten Schülerinnen ist sie die einzige mit schwarzer Hautfarbe.

Sie sucht Anschluss durch die Aufnahme in eine Schwesternschaft und findet in Fanny (Louise Labeque) eine erste Freundin. Diese träumt wiederum im abgeschotteten Internat ihrem Schwarm Pablo hinterher. Sie sieht ihn vor sich in einem saftig grünen Wald, nur mit einer Jeans bekleidet. Der Blick gleitet in diesen Tagträumen über die braunen Locken, über seinen Bauchnabel zu den Knöpfen der Hose.

Als es zur Trennung kommt, ist Fanny am Boden zerstört - und sucht in der haitianischen Voodoo-Religion ihrer Mitschülerin eine Lösung.

Der Zombie-Mythos vor Romero und The Walking Dead

Heute denken wir beim Begriff Zombie an verwesende Leichen mit Appetit auf Gehirne. Jeden Herbst fallen sie in The Walking Dead über die Fernseher her.

Bevor jedoch George A. Romero das Genre und seine Horrorgestalten mit Die Nacht der lebenden Toten revolutionierte, zeigten Zombiefilme häufig, wie weiße Frauen in exotischen Schauplätzen durch archaische (schwarze) Rituale in Untote verwandelt wurden.

Grundlage solcher Geschichten, welche die Gläubigen der Voodoo-Religion zum unheimlichen Anderen stilisierten, waren reale Bräuche und Sagen afrikanischer Sklaven, die in die Karibik verschleppt wurden.

White Zombie thematisierte dieses Unbehagen schon 1932, 13 Jahre später wurde mit Ich folgte einem Zombie das Meisterwerk des Genres veröffentlicht. Zombi Child nimmt die Ursprünge dieses Aspekts des Zombie-Mythos auf.

Zombi Child: Was Zombies mit Napoleon zu tun haben

Ein Teil des Films schildert nämlich im Jahr 1962 den realen Fall eines Mannes, von dem es heißt, er wurde durch Voodoo-Rituale in einen Zombie verwandelt. Clairvius Narcisse (Mackenson Bijou) wird in eine todesähnliche Trance versetzt. Während seine Frau ihn für tot hält, lassen seine haitianischen Entführer den "Zombi" auf einer Zuckerrohrplantage schuften.

Parallel dazu lernen wir die exklusive Umgebung kennen, in der Mélissa und Fanny ihre Bildung erfahren. Nur Nachkommen von Trägern der Medaille der Ehrenlegion dürfen in den Internaten lernen, die von Napoléon Bonaparte ins Leben gerufen wurden. Jener Napoléon, der auch über Haiti herrschte, wo er durch die erfolgreiche Rebellion und erste Staatsgründung ehemaliger Sklaven eine schallende Niederlage erlitt.

So prägen die komplizierten Abhängigkeiten und Zwänge postkolonialer Geschichte die Zeitebenen von Zombi Child.

Knapp 160 Jahre nach der erfolgreichen Revolution wird Clairvius auf einer Plantage für den Rum-Export in vermutlich westliche Gefilde versklavt. Einige Jahrzehnte später will Fanny das haitianische Ritual selbst durchführen.

In Zombi Child umschlingen die Wurzeln der Geschichte die Gegenwart

Zuvorderst interessiert sich Autor und Regisseur Bertrand Bonello weniger für eine Abhandlung über kulturelle Aneignung oder ähnliches. Solch klare Trennlinien lässt er in seinem Film gar nicht erst zu.

Vielmehr nähert sich Zombi Child dem derzeit populärsten Subgenre des Horrorfilms an, in dem Bonello dessen historische Wurzeln in die Gegenwart hineinragen lässt.

Dabei profitiert Zombi Child von Bonellos Geschick im Umgang mit jugendlichen Sehnsüchten. Nach den entrückten Kaufhaus-Terroristen aus seinem großartigen letzten Film Nocturama scheint Fanny in ihrer Lust und Begierde fast zu ertrinken. Sie gleicht einer romantischen Heldin des frühen 19. Jahrhunderts.

Statt in einem Gemälde von Caspar David Friedrich auf eine gewaltige Landschaft zu blicken, die ihr Innenleben spiegelt, bleibt Fanny in der Uniform, zwischen millimetergenau gemähtem Rasen und den napoleonischen Mauern gefangen. Bis ihr Mélissas Familiengeschichte einen todessehnsüchtigen Ausweg liefert.

Cannes wird von Zombies regiert

Zombi Child ist nur einer der Filme beim Festival von Cannes, die jugendliche Todessehnsucht, Lust und Liebe durch Genre-Augen betrachten. Im Wettbewerbsbeitrag Atlantics von Mati Diop verschwindet ein junger Mann auf hoher See und scheint danach geisterhaft mit seiner Geliebten Kontakt aufzunehmen.

Atlantics zählt zu den aktuellen Kritikerlieblingen des Festivals, wenn er auch seine starke Atmosphäre durch unbefriedigende Handlungsabstecher bricht. Im Directors' Fortnight-Beitrag Sick Sick Sick von Alice Furtado aus Brasilien versinkt wiederum ein Mädchen nach dem Tod ihres Geliebten in eine Trance.

Auch sie sucht Rettung in der Voodoo-Religion. In den ersten Minuten von Sick Sick Sick schweift die Kamera über Zeichnungen des Toten und Bilder von Voodoo-Ritualen auf den Antillen, während sich das Mädchen selbst stöhnend befriedigt.

Es ist nicht ganz das Raw dieses Cannes-Jahrgangs, aber ein vielversprechendes Debüt, das eine ambivalente Haltung zur Fetischisierung der betont fremden Bräuche einnimmt.

Im Vergleich dazu hat Jim Jarmusch mit seiner Komödie The Dead Don't Die einen knirschend klassischen Zombiefilm gedreht, in dem sich verfaulte Hände mühsam aus Gräbern befreien. Bei Bertrand Bonello werden keine Gehirne gefuttert. Der gruseligste Untote dieses zum Ende hin hypnotischen Films bleibt die Geschichte selbst.

Was haltet ihr von dem aktuellen Zombie-Hype?

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