Warum Spider-Man: No Way Home eine Warnung für alle Superhelden-Filme sein sollte

Spider-Man: No Way Home - Trailer (Deutsch) HD
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© Disney/Sony
Tom Holland als Spider-Man
30.12.2021 - 17:30 UhrVor 5 Monaten aktualisiert
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Spider-Man: No Way Home bietet eine bisher einzigartige Superhelden-Erfahrung. Möglich ist die nur, weil vorher unzählige Fehler gemacht wurden. Das sollte nicht die Zukunft von Marvel und DC sein.

Achtung, es folgen Spoiler zu Spider-Man: No Way Home!

Mitten in der Pandemie schafft Spider-Man: No Way Home den dritterfolgreichsten Kinostart der Geschichte mit einem Einspiel von 341 Millionen US-Dollar. Er verwandelt Kinosäle in Stadien, wenn Fans die Cameos und vielen tollen Momente bejauchzen. Auch Kritiker:innen drücken relativ unverhalten ihre Begeisterung aus. Also alles in Butter, der neue Spider-Man-Film ist ein durchschlagender, universeller Erfolg.

Vielleicht sogar mehr als das, eine Erinnerung an den Zauber des Kinos nämlich, auch wenn sich Skeptiker:innen das vielleicht nicht unbedingt von der nächsten MCU-Auskopplung gewünscht hätten.

Eine andere Meinung zu Spider-Man: No Way Home

Spider-Man No Way Home: Spoiler Review
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Doch das Seltsame an dieser rundum perfekten Erfolgsgeschichte ist, dass sie gar nicht möglich gewesen wäre, wenn Marvel und Sony nicht eineinhalb Jahrzehnte lang einen ziemlichen Mist mit Spider-Man verzapft hätten. Keine Comic-Figur wurde derart rücksichtslos rumgeschubst wie der junge Held Peter Parker aus Queens, New York.

Spider-Man: No Way Home profitiert vom Chaos der vergangenen Jahre

No Way Home greift zurück auf Figuren der ersten beiden Spider-Man-Arcs. Genau, es gibt insgesamt drei Universen, in denen Peter existiert und sie alle krachen in dem MCU-Film aufeinander. Wir sehen Alfred Molina als Doc Ock und Willem Dafoe als Green Goblin aus Universum 1. Dazu kommen Jamie Foxx als Electro und Rhys Ifans als Lizard aus Universum 2. Die Kronjuwelen sind natürlich Tobey Maguire und Andrew Garfield, die sich No Way Home für die Mitte der Handlung aufhebt, den Scheitelpunkt. Hier wurde es im Kinosaal am lautesten.

Ich habe mich natürlich auch gefreut, Tobey und Andrew wiederzusehen. Aber mal ganz blöd gefragt: Ist es wirklich so geil, dass eine Comic-Figur innerhalb von 19 Jahren von drei verschiedenen Darstellern gespielt wird? Die alle eine neue, voneinander unabhängige Origin-Story bekommen? Sollte man es wirklich feiern, dass Andrew Garfield seine abgerissene Trilogie erst mit einem Überraschungsauftritt in einem MCU-Film beenden darf, in dem es noch um ganz viele andere Dinge geht? Reicht ein kurzer Schluchz-Moment mit Zendaya als MJ in den Armen, um das Gwen Stacy-Trauma aus Rise of Electro (2014) zu ergründen?

Ist es nicht eher ziemlich ärgerlich, dass Marvel und Sony die Geduld mit Andrew Garfield nach 2 Jahren schon wieder ausging? Dass die großen Pläne mit den Sinister Six und gerüchteweise 2 weiteren Filmen sich einfach so in Luft auflösten und den Fans Tom Holland vor die Nase gesetzt wurde? Und das alles, nachdem schon Tobey Maguire und Regisseur Sam Raimi ihre Spider-Man-Geschichte nicht mit einem 4. Teil fortführen durften, obwohl der Film bereits ein Drehbuch hatte und so gut wie in den Startlöchern stand? Sollte so wirklich die Planung einer der wichtigsten Superhelden-Figuren der Geschichte aussehen? Ich finde nicht.

Nach Spider-Man No Way Home: Das Multiversum ist nicht (nur) eine Rettung

Seit 2007 war die einzige Kontinuität in Sachen Spider-Man das Chaos. Spider-Man: No Way Home hat jetzt eine Unfallserie vergoldet und das ist besser als nichts. Die Rückholaktion passt wie angegossen in die Multiversums-Pläne von MCU-Gehirn Kevin Feige mit seinen verschiedenen Varianten von bekannten Figuren (ein Loki-Krokodil zum Beispiel. Na, von mir aus).

Von Müll bis Meisterwerk: Alle Spider-Man-Schurken im Ranking
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Im Multiversum werden aus Fehlentscheidungen eben Paralleluniversen. Andrew Garfield ist kein überhastet abgesägter, unfertiger Spider-Man mehr, sondern eine neue tragische Alternativ-Existenz von Peter Parker. Nach Christian Lindner: Probleme sind nur dornige Chancen!

Ja, Spider-Man: No Way Home macht Spaß. Und ja, das Multiversum bietet massenhaft Möglichkeiten für ein Filmsystem wie das MCU, das Mehrheitsgeschmäcker befriedigen will. In der totalen Hingabe an das Populäre kann ein Multiversum eine gewaltige Fläche darstellen für ernst gemeinte Diversität, mehr Abwechslung, ästhetische Deregulierung und generell mehr Wagnisse in jeglicher Hinsicht.

Spider-Man: No Way Home ist eine Warnung für alle Comic-Verfilmungen

Doch in diesem Umgang mit Comic-Figuren lauern vielfältige Gefahren. Spider-Man ist durch die ständigen Reboots inzwischen derart verwässert, dass wir in einem Film offenbar drei Version von ihm brauchen plus fünf Schurken, damit ein Millionen-Publikum ihn interessant findet. Wir sprechen hier über einen Charakter, der 2002 mit großer Wucht den Superhelden-Boom anstieß. Peter, MJ, Harry, Green Goblin. Mehr brauchte es damals nicht.

Ein Multiversum in Superhelden-Franchises lädt zu Leichtfertigkeit ein, wie das Spider-Man-Beispiel zeigt. Es verführt dazu, konzeptionelle Fehler rückwirkend neu zu interpretieren. Anders ausgedrückt: Wer die Vergangenheit umschreiben kann, muss sich in der Gegenwart nicht mehr so viel Mühe geben.

Besorgniserregend ist das, weil Multiversen im Trend liegen. DC und Warner planen in ihrem Franchise das Gleiche, The Flash eröffnet 2022 den Paralleldimensionenstrudel. Ich sehe es kommen: In ein paar Jahren darf der bislang verschwendete Ben Affleck-Batman als Alternativ-Robert Pattinson seinen Arc fortführen oder Henry Cavill seine Superman-Geschichte doch noch vollenden. Und wir werden das wieder feiern. Besser wäre es, beide Darsteller hätten jetzt schon die Chance dazu. Warum nicht mal eins nach dem anderen?

Spider-Man: No Way Home sollte deshalb nicht als Goldstandard oder als leuchtendes Vorbild für Comic-Verfilmungen der Zukunft herangezogen werden. Sondern als Warnung. Comic-Figuren verdienen eine sorgfältigere Entwicklung als Spider-Man sie erhalten hat.

Podcast: Ist Spider Man: No Way Home der beste Marvel-Film des Jahres?

Drei Marvel-Experten unserer Kolleg:innen von FILMSTARTS diskutieren über den meisterwarteten Marvel-Film des Jahres, Spider-Man: No Way Home. Spoiler kommen erst nach einer deutlichen Warnung, keine Sorge.

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In der Folge wird u. a. geklärt, wie sich der neue Film ins MCU und in die Spider-Man-Reihe einfügt, außerdem wird die Frage beantwortet, ob man für die Abspannszenen im Saal bleiben sollte oder den Gang zum Klo antreten kann.

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