ProSiebens Flash-Flop ist das letzte Zucken der US-Ära im deutschen Fernsehen

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The Flash
02.08.2018 - 16:10 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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The Flash, eine der erfolgreichsten US-Superhelden-Serien, ist im deutschen Free-TV untergegangen. Das ist kein Wunder, denn ProSieben sendet das Arrowverse seit Jahren am Zuschauer vorbei.

Das Arrowverse war einmal die große ProSieben-Hoffnung. The Flash erreichte im Jahr 2015 bei seiner Premiere 20 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe, was damals ein großer Erfolg für ProSieben war. Das sind Zahlen, da knallen heutzutage die Sektkorken und in Unterföhring wird der "beste Serienstart des Jahrtausends" ausgerufen. Auch die Arrowverse-Serien Legends of Tomorrow und Supergirl nahm ProSieben nach dem Flash-Erfolg ins Programm und rührte die Werbetrommel. Lediglich Arrow, Namensgeber des Arrowverse, verschießt bei Vox seine Pfeile, was nur ein Teil des Arrowverse-Problems im deutschen Fernsehen ist.

Drei Jahre und drei Flash-Staffeln später hat ProSieben alle anderen Arrowverse-Serien zu seinen Abspielstätten ProSieben Maxx und Sixx abgeschoben. Nur mit The Flash wollte es der Sender noch einmal probieren. Doch bei der Deutschland-Premiere der 4. Staffel sind die einst so prächtigen Zahlen zusammengeschrumpelt: 6,1 Prozent Marktanteil brachte die erste Folge The Flash bei ProSieben noch auf die Waage, 370.000 Menschen schauten zu, schreibt DWDL . In den USA bei The CW hingegen wachsen die Flash-Quoten von Jahr zu Jahr, die 4. Staffel war die erfolgreichste der Serie  und die erfolgreichste beim Sender mit über 3 Millionen Zuschauern im Schnitt. Wieso floppt eine so populäre Serie wie The Flash im deutschen Fernsehen?

Arrowverse

ProSieben hat das Arrowverse nie als Universum behandelt

Für Flash- und Arrowverse-Fans gibt es schlicht keinen Anreiz, The Flash bei ProSieben zu schauen. Startet ein neuer DC- und Marvel in den Kinos, stürmen die Hardcore-Fans in die ersten Vorstellungen. Danach kommt die Laufkundschaft. Wer The Flash bei ProSieben schauen will, muss die ersten Vorstellungen verstreichen lassen. 10 Monate ist die 4. Staffel The Flash alt, das lässt ein Serienfan im Streaming-Zeitalter kaum noch mit sich machen.

Auch um eine synchronisierte Ausstrahlung der Arrowverse-Serien bemüht sich ProSieben nicht. Das Arrowverse ist im deutschen Fernsehen zersplittert. Aber wer das Arrowverse wirklich erleben will, muss die vier aufeinander abgestimmten Serien in der vorgesehenen Reihenfolge schauen. So, wie ProSieben seine drei Arrowverse ausstrahlt (Supergirl bei Sixx, Legends of Tomorrow bei ProSieben Maxx und The Flash bei ProSieben und Arrow eben bei Vox) ist es leichter, sich sein Arrowverse selber auf Video on Demand-Portalen zusammenzustellen. Denn eigentlich ist die Arrowverse-Kultur ein Paradebeispiel dafür, wie gutes lineares Fernsehen aussieht. The CW pflegt in den USA Arrowverse-Traditionen, etwa das jährliche Crossover, das so sicher ist wie das Christmas-Special bei Doctor Who.

ProSiebens letzter The Flash-Versuch hat etwas Tragisches

ProSieben sendet an Gewohnheiten und Fan-Realitäten vorbei in ein wüstes Paralleluniversum, in das sich kaum ein Flash-Zuschauer noch verirrt. The Flash Staffel 4 wurde entweder von der ohnehin kleinen deutschen Superhelden-Zielgruppe bereits gesehen oder sie hat das Interesse an der zerschossenen ProSieben-Ausstrahlung längst verloren - auch, weil ProSieben Arrowverse-Staffeln gerne mal abbricht oder auf andere Tage im Nachtprogramm und später dann auf ganz anderen Sendern wortwörtlich versteckt.

Supergirl

Es ist fast ein wenig tragisch. ProSieben klammert sich noch immer an das, was es über Jahre hinweg von anderen Sendern abhob, den exklusiven US-Content. Diesen Markt hat aber Netflix innerhalb kürzester Zeit an sich gerissen, mit deutlich attraktiveren Konsum-Optionen. US-Serien schauen wir jetzt dort und bei Amazon oder Maxdome. Die Ansprüche an Serienkonsum sind rasant gestiegen. Lineares TV kann sie nicht mehr befriedigen.

Das Problem mit US-Serien im deutschen Fernsehen

ProSieben strahlt das Arrowverse so plan- und lustlos aus, als wisse es ganz genau, dass die Zeit der US-Serien im deutschen TV vorbei ist. Als wollten sie lediglich freie Sendezeit füllen, ein blindes Wanken in den Geländern des Gewohnten.

Ihren Tagesablauf haben TV-Sender an die Routinen der Menschen gekoppelt, die wiederum auf feine Verschiebungen im Sonnensystem zurückgehen. Fernsehen in seiner Ur-Form ist also im weitesten eine Naturgewalt wie Ebbe und Flut, Tag und Nacht oder die Tagesschau. Irgendwann hat der Mensch aufgehört, sich an diese Routinen zu halten. Die erste Staffel The Flash fiel genau in den Anfang dieser Disruptionsphase: Als The Flash Anfang 2015 bei ProSieben seinen Sprint startete, war das deutsche Netflix gerade ein halbes Jahr alt.

Das deutsche Fernsehen häutet sich

RTL führte vor Kurzem einen linearen Internet-Sender ein, der US-Content in die Leere des Netzes pustet, bloß um die abgesendeten Inhalte kundenfreundlich beim hauseigenen TV-Now-Streaming-Dienst rund um die Uhr anzubieten. Überhaupt ist RTL das Vorbild für modernes deutsches Fernsehen. RTL disponiert schon seit Jahren um, denkt sich lieber nicht-fiktionale Produktionen oder Heimat-Serien wie Jenny - echt gerecht aus. Die öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF waren hier ungewollt Vorreiter, denn deren meist immer noch vorsichtiges Unterhaltungsprogramm besteht ebenfalls seit Jahren aus skandinavischen Krimis, Krimis mit stark lokalem Bezug (Soko Leipzig, Köln, Kitzbühel usw. usf.), Heimat-Serien und vielen Quiz-Shows. ProSiebens Flash-Flop ist sowas wie das letzte Zucken der alten US-Ära im deutschen Privat-TV. Deshalb will auch ProSieben seine Streaming-Präsenz stärken. Das ist wahrscheinlich alles besser so, denn nichts ist trauriger als die Ausstrahlung einer alten Fargo-Staffel bei ZDFneo drei Jahre nach ihrer Netflix-Premiere.

Wo schaut ihr das Arrowverse?

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