Oscar 2019: Die Nominierung von Black Panther ist die Lachnummer des Jahres

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© Walt Disney
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Betrachtet das Leben in 2.35:1 und hat in Programmkinos aufgrund der freien Platzwahl Angst vor einem Kontrollverlust.

Nur für eine gewisse Zeit verstummten die Trommeln in Wakanda. Mit dem Erscheinen von Avengers 3: Infinity War wurde es im April 2018 nämlich etwas ruhig um den von Kritikern bereits als "bahnbrechendes Manifest im Massen-Entertainment" (Spiegel) gefeierten Black Panther. Jetzt ist Ryan Cooglers afrofuturistischer Beitrag zur Marvel-Welt, der dritterfolgreichste Film in den US-Kinos überhaupt, wieder das große Thema der Szene. Black Panther wurde nämlich von der Academy für den Besten Film nominiert und nicht nur das: Gleich sieben Trophäen kann der Superheldentitel am 24. Februar in Los Angeles gewinnen, wenn die Oscars 2019 vergeben werden.

Kevin Feige schreit: Bitte nominieren Sie mich!

Und dafür hat die Chefetage bei Marvel fleißig die Klinken geputzt. Im August 2018 verkündete Studioboss Kevin Feige, dass man sogar alles dafür tun wolle, um eine Nominierung für den Besten Film zu erreichen. Auch wenn letztendlich die Wählerschaft der Academy das Sagen hat, darf um deren Gunst mit "For Your Consideration"-Kampagnen geworben werden. Im Deutschen lässt sich diese mit Sondervorstellungen und durch Banner bestückte Branchenseiten versehene Werbeaktion ungefähr mit "Bitte berücksichtigen Sie mich" übersetzen. Genauso eine Kampagne haben Feige und Marvel mit aller Konsequenz umgesetzt, natürlich auch, weil man mit Walt Disney einen starken und liquiden Unterstützer im Rücken hat.

Auch Netflix hat jede Notwendigkeit bedacht, um zum ersten Mal bei den Oscars für den Besten Film auserwählt zu werden. Der Streamingdienst brach sogar sein Leinwand-Tabu und vertrieb Roma doch noch in den Kinos, wenn auch limitiert und für einen so kurzen Zeitraum, dass geradeso die Anforderungen für eine Berücksichtigung erfüllt wurden. Nun ist die Charmeoffensive der Verleiher beileibe nichts Neues und Alfonso Cuaróns Roma, ein malerischer Titan von einem Film, auch zu Recht nominiert. Betrachtet man den Großteil der restlichen sieben Kandidaten in der wichtigsten Oscar-Kategorie, stellt sich allerdings die Frage nach dem künstlerischen Wert des renommierten Preises. Dabei ist die Vergabe dessen nicht etwa mit einem Filmfestival zu vergleichen, wo eine kleine Jury über die Auswahl entscheidet. Die Academy ist ein riesiger Verband, bei dem dieses Jahr etwa mehr als 9000 Mitglieder eingeladen wurden, die über die Titel abstimmen durften.

Die Anklage, hier hätten einzelne Personen schlichtweg den falschen Filmgeschmack, kann man sich also nicht leisten, dafür ist das Verfahren der Academy viel zu komplex. Stattdessen wird der ehrenamtlichen Organisation mitunter vorgeworfen, Filme wie Black Panther nur aufgrund ihres politischen Sprengstoffs auszuwählen. Politisch ist Black Panther tatsächlich, wenn auch sehr oberflächlich. Regisseur Ryan Coogler lässt bei seiner konventionellen Inszenierung die Handbremse durchgehend angezogen, während der inhaltliche Aufbau mit seinem schablonenhaft gezeichneten Helden zum Einschlafen einlädt. Blickt man bei der Reise von Titelfigur T’Challa (Chadwick Boseman) hinter die Fassade, fallen einem keine nennenswerten Unterschiede zu den Genrekollegen wie Ant-Man und Thor auf. Eine wesentlich sympathischere Figur wie der Revolutionär Killmonger (Michael B. Jordan) wird im Schlussspurt dagegen eindeutig als Bösewicht gekennzeichnet und ins Jenseits befördert.

Eine neue Kulisse ändert nichts an den Ketten der Formelhaftigkeit, die Disneys glatt gebügeltes Massenprodukt zur Bodenständigkeit zwingen. In welchen positiven Kontext hier aber die Autoren Coogler und Joe Robert Cole das totalitäre und isolierte Wakanda setzen, ist besorgniserregend. Zwischen all den respektvollen und zugegebenermaßen beachtlich selbstbewussten Verbeugungen vor der afrikanischen Kultur gehen die starken thematischen Widersprüche des Films schlichtweg unter. Black Panther ist also kein besonders guter Film, aber wurde er wirklich für seine angebliche "Black Power" nominiert? Vermutlich nicht.

Marvel: Mittelmaß mit maximalem Widerhall

Der Faktor ist vielmehr die enorme Resonanz, die der Titel aufgrund seines afrikanischen Settings, aber womöglich vielmehr mit seinen Gesichtern entfacht hat. Black Panther, einer der wenigen Superheldenfilme mit einer fast gänzlich schwarzen Besetzung, war 2018 nicht nur der erfolgreichste Film in den USA - er ist auch der mit den meisten Tweets. Kein US-Film wurde im vergangenen Jahr so ausgiebig im Netz besprochen, selbst Avengers 3 und Star Wars 8 nicht.

Aufmerksamkeit ist der rettende Strohhalm für die Oscars: Die Einschaltquoten gingen bei der wichtigsten Preisverleihung für Filme nämlich zuletzt stark zurück. 2018 erreichte der Marktanteil einen historischen Tiefstwert, weshalb die Verantwortlichen radikale Änderungen am Programm vornehmen wollten. Eine davon sollte die neue Kategorie Bester populärer Film werden, die wie gemacht für Black Panther schien. Die Kritik der Presse geriet darauf so harsch, dass die Organisatoren diese Pläne schließlich doch verwarfen. Die Nominierung für Black Panther kommt da einem Trostpflaster gleich, das auch dadurch Gewicht bekommt, dass der Film sonst in keiner größeren Kategorie berufen wurde.

Ohne populäre Filme haben die Oscars kaum eine Zukunft mehr. In den vergangenen Jahren wuchs die Kritik, die Academy würde fast nur noch Filme küren, die doch kaum ein Mensch sieht. Die Auswahl der Besten Filme fand man vermehrt in Programmkinos vor, auch die Box-Office-Zahlen belegen das. Mit über 1,3 Milliarden Dollar Einspielergebnis erreicht Black Panther fast im Alleingang die Vorjahres-Marke aller Titel zusammen und da wurden noch zehn Filme berufen. Dem Mainstream-Publikum, das die Verleihung auch gerne wegen der Hollywood-Sternchen auf dem Roten Teppich sichtet, wurden die Oscars der letzten Jahre einfach zu speziell. Bei allem Respekt: Welcher Gelegenheits-Kinogänger tut sich sperrige Kunst wie Paul Thomas Andersons Der seidene Faden oder Tom McCarthys Spotlight an?

Der Superheldenfilm wird erst nach seinem Zenit wahrgenommen

Die Milliarde knackte auch schon The Dark Knight im Jahr 2008, der wie auch die Graphic-Novel-Verfilmung Watchmen dem Superhelden-Genre erst zu der Anerkennung verhalf, die es heute genießt. Zwei Filme, die künstlerisch in ganz anderen Sphären als Black Panther spielen und ihr Medium nachhaltig geprägt haben, aber nicht für den Oscar für den Besten Film nominiert wurden. Twitter, Hashtags und virale Videos - Christopher Nolan und Zack Snyder mussten eben ohne diese Boni auskommen.

Die Ausgrenzung von The Dark Knight führte schließlich zur Ausweitung der Nominierten-Auswahl. Die erste Best-Picture-Nominierung für einen Superheldenfilm kommt nun zwar viel zu spät, dürfte aber auch zusätzlich auf diese Expansion zurückzuführen sein. Mit über 35 Millionen Tweets schreibt Black Panther jedenfalls Twitter-Geschichte. Popularität ist wichtiger als Qualität, das zeigt auch das geplante Programm der Verleihung: Die Avengers, das Marvel-Ensemble, dem Black Panther auch angehört, sollen sogar das diesjährige Fehlen eines Moderators wettmachen. Als ob es nicht schon genug wäre, dass Superhelden die Nominierungen und die Filmwirtschaft der Gegenwart bestimmen. Jetzt müssen sie auch die Oscars retten.

Haltet ihr die Nominierung von Black Panther für gerecht?

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