Oscar 2019: Marvel zwingt die Oscars endlich in die Realität

Oscar 2019 - Die Nominierungen wurden heute bekannt gegeben
© 20th Century Fox/Netflix/Warner Bros./Disney/A.M.P.A.S.
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Black Panther geht ins Rennen um den Oscar für den Besten Film. Damit tragen die Oscars dem dominierenden Genre in Hollywood Rechnung. Das Marvel Cinematic Universe schafft, was der The Dark Knight-Trilogie von Christopher Nolan nicht vergönnt war. Zum ersten Mal wurde ein Superheldenfilm für die Königskategorie der Academy Awards nominiert. Es ist nicht der einzige Meilenstein, der bei dieser 91. Verleihung genommen wird. Im greisen Alter nehmen die Academy Awards neben den kostümierten Helden auch die Streaming-Revolution in ihre Mitte auf. Netflix hat sich mit dem mexikanischen Drama Roma die lang gewünschte Akzeptanz in der Filmindustrie erkämpft. Mit den Oscar-Nominierungen 2019 ist die Academy in der Realität angekommen.

Warum es zur Nominierung von Black Panther kommen musste

Auf der anderen Seite des großen Teichs, in Europa, wundern sich derweil die Hobby-Oscar-Buzzer, warum ein Superhelden-Blockbuster mit Sandaletten-Witzchen und Explosionen eine Nominierung als Bester Film verdient. Normalerweise finden sich Blockbuster wie Black Panther bei den Visuellen Effekten oder im Besten Tonschnitt. Der Atlantik trennt uns allerdings auch von der kulturellen Reichweite, die der MCU-Eintrag im Gegensatz zu anderen Superheldenfilmen ausgebaut hat.

Ähnlich wie Get Out im vergangenen Jahr gelang es dem Film von Ryan Coogler, in den USA zum Urknall einer öffentlichen Konversation zu werden - anders als beispielsweise das Milliarden-Meme Infinity War. Es ging nicht um Plot-Points, um Tode, um Theorien. Vielmehr bot sich Black Panther als Fixpunkt der Diskussion über die Repräsentation von schwarzen Figuren im Hollywood-Kino an. In Black Panther wurde eine utopische Vision zur Diskussion vorgelegt, nicht nur für ein technisch weit entwickeltes Land auf dem afrikanischen Kontinent, das nie in den Fesseln des Kolonialismus lag, sondern auch für das US-Kino selbst.

Die vitalisierende Wirkung dieses Films in der amerikanischen Öffentlichkeit der Trump-Ära kann gar nicht hoch genug angesetzt werden. Übertriebener Hype hin oder her, es braucht keine Verschwörungstheorien über Disney, um diesen Einfluss auch in den über 9000 Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences zu vermuten. Der erfolgreichste Film des vergangenen Jahres in den USA kam fast selbstverständlich zu dieser Oscar-Nominierung. Wer braucht da noch einen Preis für den populärsten Film?

Mit Roma zieht Netflix in den Oscar-Olymp ein

Kopf-an-Kopf gehen derweil Roma und die Historiensatire The Favourite mit 10 Nominierungen ins Oscar-Rennen. Beim Filmfestival in Venedig hatte Roma im direkten Vergleich den Sieg davon getragen. Allerdings könnten sich die Nominierungen als Bester Film und als Bester fremdsprachiger Film als Hindernis für das Drama von Alfonso Cuarón auswirken. Nämlich dann, wenn sich die Wählerliebe auf zwei Kategorien verteilt, anstatt sich zu bündeln.

Zukunftsträchtiger als die Black Panther-Nominierung ist indes die Anerkennung für den Netflix-Film. Millionen hat der Streaming-Anbieter in die Oscar-Kampagne für Roma gesteckt. So sehr sich die Medien-Revolutionäre nämlich gegen die klassische Verwertungskette von Filmen stemmen, so sehnlichst wollen sie Teil der Hollywood-Clique sein. Dass Roma die Oscar-Anerkennung vollends verdient, bleibt ein glücklicher Zufall.

So erfreuen vor allem die Nominierungen für Yalitza Aparicio (Beste Hauptdarstellerin) und Marina de Tavira (Beste Nebendarstellerin), das weibliche Doppel in einem Film, dessen Männer ihre Unzufriedenheit in Gewalt und Affären ertränken. Gerade die Nominierung für Marina de Tavira, welche die verlassene Mutter spielt, zeigt dass einige Academy-Mitglieder Roma tatsächlich gesehen haben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Damit wird eine dieser Leistungen gewürdigt, die im Wirbel der Oscar-Saison leicht untergehen könnte.

Netflix wird bei diesen Oscars in vielen Überschriften stehen, doch die Streaming-Revolution schleicht sich auch in einem zweiten Schwarz-Weiß-Film heran: Cold War von Ida-Regisseur Pawel Pawlikowski rundet die musikalische Grundstimmung dieser Oscars ab, in denen auch A Star Is Born und Bohemian Rhapsody auftrumpfen. Der Beitrag aus Polen konnte die fremdsprachigen Breitengrade der Oscar-Liebe mit einer Regie-Nominierung überschreiten. Amazon Studios kaufte den Film mit der knisternd-elektrisierenden Kameraführung nach der Premiere in Cannes. Die Verjüngung und Erweiterung der Academy-Mitglieder in den vergangenen Jahren zeigt sich nicht nur in Nominierungen für Black Panther oder BlacKkKlansman, sondern gerade in der Wahrnehmung moderner Vertriebswege.

Black Panther ist der Avatar dieses Oscar-Jahrgangs

Als Verlierer dieses Kräftemessens zwischen Streaming-Diensten und Konzernen wie Disney geht das unabhängige amerikanische Kino bei diesen Oscars vom Platz. Weder wurde The Rider nominiert noch Eighth Grade. First Reformed, das Quasi-Comeback von Taxi Driver-Autor Paul Schrader, muss mit einer Drehbuch-Nominierung vorlieb nehmen, während Hauptdarsteller Ethan Hawke leer ausgeht. Selbst Beale Street, der neue Film von Moonlight-Regisseur Barry Jenkins, bleibt trotz seiner drei Nominierungen in der Kategorie Bester Film außen vor.

Stattdessen finden sich drei Filme in der Königskategorie, die in den USA mehr als 200 Millionen Dollar eingespielt haben. In Sachen versammeltes US-Einspielergebnis sind es die erfolgreichsten Oscar-Nominierten seit dem vermaledeiten The King's Speech-Jahr 2010. Der letzte Bester-Film-Kandidat mit mehr als 500 Millionen Einspiel in den USA liegt weiter zurück. Er hieß Avatar - Aufbruch nach Pandora.

Betrachten wir Black Panther in einer Tradition mit den Blockbuster-Epen von James Cameron und Peter Jackson (Der Herr der Ringe), dann spiegeln die Oscars 2019 den Wandel der Blockbuster-Unterhaltung in den letzten 20 Jahren adäquat wieder. Innerhalb des erdrückend nichtssagenden "Stils" des Marvel Cinematic Universe konnten Ryan Coogler und sein Team wenigstens mit thematischen Innovationen Freiräume schürfen. Ein Vibranium-verstärktes Geschenk zum 10-Jährigen Geburtstag des MCU, wenn man so will.

Wer die Oscars als Qualitäts-Check wahrnimmt, wird in seinen Sorgenfalten ersticken. Das war schon immer so. In Sachen Realität nähert sich die altehrwürdige Institution langsam aber sicher der Gegenwart. Und seien wir ehrlich: Zum Glück ist es nicht Infinity War.

Was sagt ihr zu den Oscar-Nominierungen 2019?

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