Berliner Schule im Schatten

Kurze Geschichte der Nouvelle Vague Allemande

Nicolette Krebitz in Unter dir die Stadt
© Heimatfilm
Nicolette Krebitz in Unter dir die Stadt

Am Donnerstag startet Unter dir die Stadt, der neue Film von Christoph Hochhäusler, in den deutschen Kinos. Eigentlich ist jetzt schon klar, dass dieser Film nicht viel Geld einspielen und außerhalb der Großstädte – und hier meine ich die großen Großstädte – nur schwer einen Weg in die Arthouse-Kinos finden wird. Dabei setzt sich Unter dir die Stadt mit einem noch immer brandaktuellen Thema auseinander: der Finanzwelt. Dass der Film keine besonders große Aufmerksamkeit von den deutschen Kinobesuchern erfahren wird, mag wie eine pessimistische Prognose klingen. Aber sie gehört zum Schicksal der Berliner Schule, jenes Kreises von Filmemachern, der seit 2001 unter dem Label gefasst wird, welches auf den Kritiker Rainer Gansera zurückgeht.

Wiederholt ist die Berliner Schule – oder besser: die Aufmerksamkeit, die der Berliner Schule von der deutschen Filmakademie geschenkt wird – ins Blickfeld der Kritik von Kollegen geraten. Til Schweiger beschwerte sich einmal darüber, dass diese Filme problemlos in die Vorauswahl für die Lolas kommen, seine aber nicht und das obwohl seine so viele Zuschauer in die Kinos gelockt hätten. Das Fazit des Oskar Roehler wiederum ist mittlerweile traurig legendär: “Die sind immer spröde, immer streng. In den Filmen passiert eigentlich nichts. Sie sind langsam, trist und es wird nie etwas wirklich gesagt – das ist dann die ‘Berliner Schule’. Die kommen bei der Kritik immer gut weg und haben dann so 5.000 bis 10.000 Zuschauer.” (Quelle: film-dienst)

Zwei Wellen und eigentlich drei Berliner Schulen?
Doch zurück zum Anfang: Der Begriff der Neuen Berliner Schule wurde, wie gesagt, von einem Kritiker geprägt, nachdem er Der Schöne Tag von Thomas Arslan gesehen hatte. Fortan wurden Filmemacher wie Thomas Arslan, Angela Schanelec (Orly) und Christian Petzold (Jerichow) darunter gefasst. All diese und einige weitere werden durch stilistische Ähnlichkeiten und eine klare, unverstellte Nähe zur Realität vereint. Zumeist leben die Macher in Berlin oder ihre Filme spielen in der Hauptstadt. Einige haben an der dffb studiert. Warum nun “Neue” Berliner Schule? Es gab schon mal eine Berliner Schule und zwar in den 70ern. Deren Filme spielten vorzugsweise im Arbeitermilieu, die Regisseure entstammten, wie beispielsweise Harun Farocki, der dffb-Ausbildung. Die Neue Berliner Schule, die mittlerweile einfach Berliner Schule heißt, spielt sich dagegen hauptsächlich in der Mittelklasse ab.

Doch die Berliner Schule, sofern man sich für die Kategorisierung entscheidet, gibt es schon seit einigen Jahren. So ist es nicht verwunderlich, dass mittlerweile eine zweite Welle der (Neuen) Berliner Schule diagnostiziert wird. Zu dieser gehören die Macher des Filmmagazins Revolver, Benjamin Heisenberg (Der Räuber) und Christoph Hochhäusler, Ulrich Köhler (Montag kommen die Fenster) und andere. Grundsätzlich sorgt das Label für Verwirrung. Ab wann gehört man zur Zweiten Generation? Wie viel des Stils muss sich überschneiden, um überhaupt dazu gezählt zu werden? Doch das sind die üblichen Fragen, die damals beim Neorealismus, der Nouvelle Vague und dem New Hollywood ebenfalls aufkamen. Das entscheidende ist: Deutschland hat eine Filmbewegung und sie wird international wahrgenommen.

Kalte, klare Filme
Seit Jahren werden die Filme jener Regisseure, die zur Berliner Schule gezählt werden, regelmäßig zu den großen Festivals wie Cannes und Venedig eingeladen. In Frankreich wurde die Bewegung Nouvelle Vague Allemande getauft, eine neue deutsche Welle, vielleicht die erste in sich einigermaßen konsistente seit den Tagen des Neuen Deutschen Films, der in den 70ern Namen wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Werner Herzog in die Welt hinaustrug. Klar sorgen deutsche Filme in den letzten Jahren immer wieder für Aufmerksamkeit, wie etwa Das Leben der Anderen oder Good Bye, Lenin!. Doch abseits der Kombination von Zeitgeschichte und Unterhaltung haben diese Filme meist nichts miteinander gemein.

Die Berliner Schule jedoch steht nicht nur im hier und jetzt – und da steht sie sehr fest und entschlossen – sondern zirkuliert um das Menschsein in der Moderne, erzählt von Mythen in Nadelstreifenanzügen und Altbauten. Das ist zumindest mein Eindruck und es ist das, was dermaßen fesselt an diesen Filmen, die gleichzeitig so zeitlos und so gegenwärtig wirken. Das betrifft etwa den Neo Noir Jerichow von Christian Petzold, der James M. Cains “Wenn der Postmann zweimal klingelt” in die norddeutsche Provinz trägt. Um den Aufstieg eines Migranten geht es da, aber eben auch um das ewige hin und her zwischen Liebe, Lust und Geld und deren tragisch transformierende Kraft. Hilmi Sözer allein ist hier übrigens eine Augenweide.

Entfremdung made in Berlin
Dass die Filme der Berliner Schule an den Kino höchstens genug einspielen, um ihr Budget zu decken, hat aber einen Grund. Sie mögen realistisch sein, aber ihnen fehlt die Allerweltswärme eines Andreas Dresen. Sie sind zumeist düster, mit einem gemächlichen Erzählton ausgestattet und glänzen mit langen statischen Einstellungen. Dynamik und Tempo müssen wir im Bild selbst suchen, in den formalistisch genau gestrickten Einstellungen, nicht in der Handlung selbst. Mit anderen Worten: Die Berliner Schule macht es den Zuschauern nicht leicht. Aber warum sollte Kino immer leicht sein? Gerade diejenigen Cineasten unter euch, die der Nouvelle Vague und dem Autorenfilm der 60er und 70er nicht abgeneigt sind, sollten beherzt zu den Filmen der Berliner Schule greifen. Sie ist nämlich das interessanteste, was der deutsche Film derzeit zu bieten hat.

Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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