John Carpenter - Entdeckt den Meister von Minimalismus und Exzess

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John Carpenter gilt als eine der radikalsten und kreativsten Stimmen im Bereich Horror und Science-Fiction. Vor allem seine Kassenflops wurden über die Jahrzehnte erst zum Kult, dann zu Klassikern und schließlich zu Meisterwerken ernannt. Im Rahmen unseres Themenspecials Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 blicken wir auf die Werke, die Carpenter als einen Meister seines Faches entlarvten und ihn neben Paul Verhoeven, Wes Craven, Takashi Miike, Dario Argento, George A. Romero und Co. auf einen Platz im Pantheon der essenziellen Genre-Regisseure erheben.

Ein Anschlag bei Nacht - John Carpenters erster Meilenstein

Bereits mit seinem zweiten Spielfilm, dem ultrabrutalen Belagerungs-Actioner Assault - Anschlag bei Nacht schuf John Carpenter einen Klassiker für die Ewigkeit. Nach seinem Studentenfilm, der schwarzen Science-Fiction-Komödie Dark Star, die noch für läppische 60.000 US-Dollar entstand, hatte Carpenter für den Cops-gegen-Gangster-Film fast das doppelte Budget zur Verfügung. In drei parallelen Handlungssträngen steigert er geduldig die Spannung, bis er sie dann in einem explosiven Action-Finale entlädt. Carpenters Faible für klassische Western und sein Talent für Horror vereinen sich hier zu einem kompromisslosen Crime-Schocker, der trotz unbekannten Schauspielern und begrenzten Mitteln auch heute noch unter die Haut geht.

Der entscheidende Faktor, der Assault über anderen Vertreter seines Genre erhebt, ist der von Carpenter selbst komponierte, groovig-minimalistische Electro-Score, der der gnadenlosen Action auf der Leinwand eine extrem furchteinflößende Qualität verleiht und die Anspannung in manchen Szenen schier unerträglich macht.

Halloween - Carpenters großer Durchbruch in den Mainstream

Mit Halloween - Die Nacht des Grauens erschuf John Carpenter den modernen Slasher-Film und lieferte das Regelwerk für Nachahmer gleich mit. Alle Tropen, die sich später zu Klischees des Genres entwickeln würden, sind hier zu finden: Der unaufhaltsame, wortlose Killer, die Protagonistin (Dauer-Carpenter-Kollaborateurin Jamie Lee Curtis) als Scream-Queen und Jungfrau in Nöten und der wissende Mentor, der im letzten Moment zu Hilfe eilt. Dazu kommt ein Ende, das in ein mögliches Sequel überleitet, und natürlich die amerikanische Vorstadt als Spielwiese für Monster und Psychopathen, die den arglos-betuchten Bewohnern die Hölle durch die Haustür bringen. Auch hier trägt der Soundtrack maßgeblich zur Effektivität des Filmes bei: Das Halloween-Thema ist mittlerweile genauso ikonisch wie Bernard Hermanns Score aus Psycho.

Auch wenn es sich bei Halloween nicht um den besten Carpenter-Film handelt, so ist er unbestritten sein einflussreichster. Trittbrettfahrer wie die Freitag der 13.-Reihe, Sleepaway Camp und A Nightmare On Elm Street entwickelten seine Slasher-Formel munter weiter und verhalfen dem Genre zu Mainstream-Erfolgen. Insbesondere die Maskenmörder wurden zu Ikonen der Popkultur. Carpenters Slasher Michael Myers war nach Halloween II - Das Grauen kehrt zurück sogar so beliebt, dass Carpenter seine ursprünglichen Pläne, aus der Reihe eine Horror-Anthologie zu machen, in der jeder Film zwar an Halloween spielt, aber eine vollkommen eigenständige Handlung erzählt, nach nur einem Teil wieder begraben musste. Dieser Versuch, der von Carpenter produzierte Halloween III: Season of the Witch, zu dem der Meister auch wieder Musik beisteuerte, sticht daher extrem aus der Reihe heraus. Alleine für den von Carpenter komponierten Ohrwurm-Werbejingle "Silver Shamrock" lohnt sich eine Sichtung dennoch.

John Carpenter und Kurt Russell - Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Zwei Jahre bevor John Carpenter seinen dystopischen Science-Fiction-Actionfilm Die Klapperschlange in die Kinos brachte, drehte er als Fernsehfilm ein Biopic über Rock'n'Roll-Legende Elvis Presley. Die Hauptrolle darin übernahm der junge Disney-Star Kurt Russell, dessen All-American-Charme und lockere Attitüde Carpenter wohl imponiert haben müssen. Er besetzte Russell in Die Klapperschlange in der Hauptrolle des abgehalfterten Antihelden Snake Plissken und schrieb (Action-)Filmgeschichte.

Ähnlich wie Der weiße Hai oder Stirb Langsam ist Die Klapperschlange einer dieser Filme, bei denen es der Regisseur vermag, aus einer minimalistischen Prämisse fantastische, einzigartige Unterhaltung zu schaffen und etliche Nachahmer zu inspirieren, die dem Original nicht ansatzweise das Wasser reichen können. Russell ist als gleichgültiger Cowboy-Badass, der gezwungen wird, den Präsidenten zu retten, eine Offenbarung. Abseits davon ist das Setting, ein heruntergekommenes, post-apokalyptisches Manhattan, das nach einem heftigen Anstieg der Kriminalitätsrate zum Hochsicherheitsgefängnis umfunktioniert wurde, eindeutig das Highlight des Filmes. Fiesere Schurken als die Bewohner der Gefängnisinsel gab es im 80er-Jahre-Actionkino höchstens noch in Paul Verhoevens Ende der Dekade erschienenem Robocop.

Der essenzielle Carpenter: Die Apokalypse-Trilogie

In John Carpenters Apokalypse-Trilogie, einer inhaltlich unabhängigen Reihe von Filmen über das Ende der Welt, verbergen sich gleich zwei seiner absoluten Meisterwerke: Während es sich beim Mittelteil Die Fürsten der Dunkelheit um einen soliden, teils herrlich surrealen Okkultismus-Horrorfilm handelt, der seine hoch gesteckten Ambitionen allerdings nie wirklich ganz erreichen kann, sind Start- und Endpunkt der Trilogie wahrscheinlich die besten Filme in Carpenters gesamtem Œuvre.

Das Ding aus einer anderen Welt ist ein loses Remake des gleichnamigen Howard-Hawks-Films von 1951, der seinerseits auf einer Novelle basiert. Carpenters Film gilt heutzutage zurecht als das Maß aller Dinge für praktische Effektarbeit. Die Kreatur, die der Regisseur und sein Special-Effects-Mann, der damals 21-jährige Rob Bottin, hier erschaffen haben, ist in der Eleganz und Ambition ihres Designs bis heute unerreicht. Das sich stetig verändernde namensgebende Ding ist eine reinste Horrorschau, die Arbeit und Sorgfalt, die Bottin in jedes einzelne seiner grotesken Entwicklungsstadien gesteckt hat, bis dato beispiellos. Vor der Kamera tummelt sich ebenfalls großes Talent: Der Film ist die dritte Kollaboration von John Carpenter und Kurt Russell und enthält den ersten richtigen Leinwandauftritt von Genre-Schauspieler Keith David. Die Musik stammt zum Teil von Sergio Leones Hauskomponist Ennio Morricone.

John Carpenters Apokalypse-Trilogie ist Lovecraft in Reinkultur

Alle drei Filme in der Apokalypse-Trilogie erinnern in ihrer vernichtenden Hoffnungslosigkeit an die Werke des Horrorautors H.P. Lovecraft, keiner erfasst seine Essenz jedoch so präzise wie der dritte im Bunde, der skurrile Effekt-Horrorfilm Die Mächte des Wahnsinns. Der Originaltitel In the Mouth of Madness ist eine Hommage an Lovecrafts At the Mountains of Madness und auch der restliche Film strotzt nur so vor Anspielungen auf den berühmten Schriftsteller.

Die Mächte des Wahnsinns ist ein perfekter Cocktail aus einem cleveren Skript, eigenwilliger Inszenierung und einem bestens aufgelegten Cast. Vor allem Hauptdarsteller Sam Neill (Posession, Event Horizon, Jurassic Park) stellt hier eindrucksvoll unter Beweis, warum er einer der besten Genre-Schauspieler seiner Generation ist. Wie viele von Carpenters Filmen (The Thing, Big Trouble in Little China) blieben die Einnahmen jedoch hinter den Erwartungen zurück. Erst später entwickelte sich das Werk zum Kultfilm.

John Carpenters Einfluss auf die Popkultur

Selbst John Carpenters von der Fachpresse eher verhalten aufgenommene Filme wurden über die Zeit zu zelebrierten Klassikern. Egal, ob von Banksy, South Park oder Duke Nukem, das Science-Fiction-B-Movie Sie leben! wird aufgrund seiner unvergesslichen Einzelszenen auch heute noch weitläufig zitiert. Sprüche wie "I have come here to chew bubblegum and kick ass... and i'm all out of bubblegum" oder der schier endlose Street-Wrestling-Kampf zwischen Keith David und Rowdy Roddy Piper sind fest im Bewusstsein eines jeden B-Movie-Fans verankert. Das Gleiche gilt für Carpenters letzten großen Hollywood-Blockbuster, dem subversiven Fantasy-Actionfilm Big Trouble in Little China, dessen Charakter- und Art-Design unter anderem den Videospielklassiker Mortal Kombat und Taika Waititis Marvel-Space-Opera Thor 3: Ragnarok maßgeblich inspirierten.

Remakes und Ideenraub: Der geplünderte Carpenter

Wer sich von John Carpenters Filmografie nur inspirieren hat lassen und wer die Linie zum Diebstahl überschritten hat, lässt sich angesichts der Tatsache, dass seine Werke so fest in der Popkultur verankert sind, nur schwer bestimmen. Auch Carpenter selbst scheint von seinem Urheberrechtsanspruch immer nur dann Gebrauch zu machen, wenn er dem vermeintlichen Ideenräuber eins auswischen oder er gerne ein paar Dollar mitverdienen möchte. So verhinderte er sogar höchstpersönlich eine Klage gegen Videospiellegende Hideo Kojima, dessen Figur Snake aus der Metal Gear-Reihe eindeutig von Snake Plissken aus Die Klapperschlange geklaut ist, weil ihm der Mann einfach sympathisch vorkam und er selbst begeisterter Gamer ist. Gegen Luc Besson zog Carpenter dagegen sofort vor Gericht, als er Parallelen zwischen dessen Sci-Fi-Film Lockout und Die Klapperschlange bemerkte. Eine Einschätzung, die das Gericht übrigens teilte.

In vielen gefeierten Filmen und Serien der letzten Jahre finden sich Spuren von John Carpenter. It Follows, Stranger Things, The Guest, The Purge und die Werke von Jeremy Saulnier strotzen nur so vor seinem Flair, sind unterlegt mit Synth-Musik und haben dieselbe Simplizität. Kein Wunder, immerhin war der Meister seiner Zeit weit voraus. Heute erwartet Hollywood sogar von seinen Flops einen Kassenerfolg: Big Trouble In Little China, damals ein riesiger finanzieller Fehlgriff, kommt erneut ins Kino - mit Megastar Dwayne Johnson in der Hauptrolle. Auch der nicht totzukriegende Michael Myers macht erneut Jagd auf Teenager - und zwar in einer direkten Fortsetzung zu John Carpenters bis heute furchteinflößendem Original.

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