Jahresrückblick – Die schlechtesten Filme 2016

Gewohnt zurückhaltend: Christian Bale in The Big Short
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Gewohnt zurückhaltend: Christian Bale in The Big Short
25.12.2016 - 09:00 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Lausige Horrorfilme und spießige Komödien, ungefragte Sequels und pädagogische Teensploitation: Das Filmjahr 2016 trug viele hässliche Gesichter. Eine Flop 10 zwischen Indie-Sülze und Bescheidwisserkino, zusammengestellt von Mr. Vincent Vega.

Platz 10: Don't Breathe (und andere Horrorfilme)

Das brachliegende Detroit kann eine sehr unheimliche Kulisse sein (siehe zuletzt It Follows), für Horrorfilme eignet sich die von der größten Segregation in den USA bestimmte Geisterstadt mit ihren maroden Strukturen, verfallenen Gebäuden und leergefegten Straßenstrichen ganz besonders. Zwar ebenfalls in Detroit, aber leider auch komplett im Innern eines Hauses spielt Don't Breathe. Leider, weil das Innere in keiner Beziehung zum Äußeren steht, jedenfalls in keiner besonders reizvollen, und der Film mit seinem Home-Invasion-Szenario nicht eine Sekunde lang etwas Interessantes anstellt. Bequemerweise weicht der Reiz der Geschichte, die Unverfrorenheit der Protagonisten nämlich, einen blinden alten Mann um Schlaf, Nerven und Geld zu bringen, der ungleich langweiligeren Gewissheit, dass dieser blinde alte Mann auch gar nichts Besseres verdient hat. Für einen Gruselstoff, der mancherorts gar zur Rettung des Genres hochgejazzt wurde, ist das eine ziemlich feige Prämisse. Und so lässt sich den anhaltenden Trends des gegenwärtigen Horrorfilms, seinem ewig gleichen Geisterbrimborium (Conjuring 2, Lights Out, The Darkness, Der Kult, The Forest), der Lautstärke, Willkür und Mutlosigkeit nicht einmal dieser kleine gefeierte Überraschungshit entgegensetzen.

Platz 9: The Huntsman & The Ice Queen (und andere ungefragte Sequels)

Schlechte Fortsetzungen hat es immer gegeben, ungefragte schlechte Fortsetzungen aber sind ein besonderes Phänomen des zurückliegenden Filmjahres. Im Bemühen um franchise building schienen die großen Filmstudios 2016 zu glauben, ein halbwegs moderater Kassenerfolg signalisiere automatisch immenses Publikumsinteresse und großen Bedarf an Sequels. Selbst Laien hätten vorhersagen können, dass ein Großteil dieser Fortsetzungen hinter den Erwartungen zurückbleiben oder Verluste machen würde, aber Hollywood drehte sie trotzdem. Der sagenhaft öde The Huntsman & The Ice Queen setzte den gerade so profitablen ersten Teil ohne dessen stärkstes Zugpferd Kristen Stewart fort und glänzte obendrein mit sichtbar kostenreduzierten Schauwerten. Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln knüpfte an einen zwar erfolgreichen, aber weitgehend unbeliebten Film an, der durch das damals noch lukrative 3D eher zufällig zum Hit wurde. Und warum irgendjemand glaubte, mit Zoolander 2 oder Bad Santa 2 ein gutes Geschäft machen zu können, wird nicht mehr zu klären sein. Diese Fortsetzungen waren tot bei Ankunft. Sie hatten ihren Vorgängern nichts hinzuzufügen und trugen ihre eigene Irrelevanz stolz vor sich her. Selten griffen kommerzielles und künstlerisches Scheitern so logisch ineinander.

Platz 8: Dirty Grandpa (und andere "Männerkomödien")

Robert De Niro ist der Dirty Grandpa: Alt, aber agil, leicht gebrechlich, aber noch mächtig geil. Er liebt es, jungen Frauen beim Spring Break nachzustellen, ihnen "Ich will ficken, ficken, ficken, bis mir der Schwanz abfällt" zuzurufen, und liebt es vor allem, Enkelsohn und "Vagina-Verweigerer" Zac Efron seinen Penis ins Gesicht zu halten, wenn dieser schlafen möchte. Das klingt erstmal ein bisschen schräg und damit eigentlich super, ist aber – wie Hollywoodkomödien im Allgemeinen und "Männerkomödien" im Besonderen – verspießt ohne Ende. Mit Hochzeit, Eigenheim und viel bravem Blödsinn, der den nicht ganz so braven Blödsinn hinterher entschuldigen soll. Natürlich ist Dirty Grandpa eigentlich zu harmlos und unbedeutend für einen Platz in dieser Liste, als weitere Selbstvertrashung eines irgendwann mal großen Schauspielers fügt er sich relativ unspektakulär dem Jetzt-ist-es-auch-egal-Spätwerk De Niros. Doch jedes Jahr laufen eben nicht ein oder zwei, sondern Dutzende solcher Komödien an. Ihre biederen Infantilitäten (Mike and Dave Need Wedding Dates) und sexistischen Witze (Sausage Party) haben keinen Dreh und keine Brechung wie etwa Bad Neighbors 2, der alles, was an dieser Art Kino falsch läuft, immerhin gegen sich selbst zu wenden versuchte. Mit Betonung auf versuchte.

Platz 7: How to Be Single (und andere "Frauenkomödien")

Damit wären wir beim vermeintlichen Äquivalent. Es ist, möchte ich glauben, eine gute Entwicklung der Hollywoodkomödie, dass darin seit Brautalarm auch Frauen so auftreten, wie es lange nur Männern vorbehalten war: Triebgesteuert, penetrant, ständig herumbrüllend und so weiter. Aber ich fürchte, dass das genau der falsche Ansatz ist. Etwas Nervtötendes wird nicht weniger oder auf ausgeglichene und damit erträgliche Art nervtötend, weil man es um etwas anderes Nervtötendes ergänzt – es muss grundsätzlich raus aus dem Kino und den Köpfen. Die ach so quirligen "Frauenkomödien" (vermarktet werden sie entsprechend sexistisch, Warner zum Beispiel schreibt "Was Frauen schauen" auf DVD's romantischer Komödien) knicken ja ohnehin vor patriarchalischen oder normativen Strukturen ein, besonders schlimm etwa im rundum schlimmen Sisters. Vermutlich ist es Sex and the City zu verdanken, dass Komödien wie How to be Single demonstrativ frustrierte Frauen aus Mehrheitsgesellschaften in den Mittelpunkt der Erzählung rücken, denen es eigentlich außerordentlich gut geht – und die zwar in New York oder einer anderen aufregenden Großstadt leben, aber tunlichst deren Vielfalt meiden. Ja, solange es Hangover gibt, muss es wahrscheinlich auch Bad Moms geben. Furchtbar ist beides.

Platz 6: The Neon Demon

Die eher sinnfreie Phrase style over substance zielt auf Unterkomplexität, Ästhetisierung, manchmal auch Plotfreiheit ab. Mit ihr lässt sich Nicolas Winding Refn, besser bekannt als NWR und vor allem als Regisseur von Drive, schwer fassen, denn Stil kann selbstverständlich Substanz sein, und im besten Falle ist er das sogar immer. Für leidige Begriffe wie "überambitioniert" oder "gewollt" gilt das ebenso, auch sie waren in einigen Kritiken zu The Neon Demon zu lesen: Als habe Kino 2016 sozusagen ein Problem mit Über- und nicht Unterambitionen, als sei es schlecht, wenn jemand etwas will statt gar nichts zu wollen. Das sind Versuche, eine ziemlich nervtötende Art von Kino zu beschreiben, die missverständlich bleiben müssen. Andererseits zieht sich Missverständlichkeit durch The Neon Demon selbst. Er meint, dass es interessant sein könnte, die ausgestellte, kalte, hohle Modewelt in ausgestellte, kalte, hohle Bilder zu übersetzen. Und dass, wenn sich jemand die richtigen Idole (Argento, Lynch, Cronenberg) zueigen macht, daraus auch ein richtiger Film entsteht. Wie immer ruft NWR viel auf und ab, und wie immer habe ich keine Ahnung, was das soll und wozu es gut ist. Meine Vermutung: Selbst die Fans wissen es nicht so recht. Für sie sieht es aus wie Kunst, also muss es wohl Kunst sein.

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