Zum Glück kein Endgame: Joker & Parasite retten das Oscar-Rennen 2020

Joker hat 11 Oscar-Nominierungen
© Warner Bros.
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Fast 2,8 Milliarden Dollar weltweit und doch nur eine Oscar-Nominierung. Avengers 4: Endgame hat das vergangene Jahr kommerziell dominiert wie es einst die Blockbuster Titanic, Der Herr der Ringe: Die Rückkehr der Königs oder Avatar schafften. Doch der nominelle Abschluss von zehn Jahren Marvel-Kinogeschichte bleibt beim wichtigsten Filmpreis in Hollywood nur ein CGI-Sturm im Wasserglas.

Stattdessen triumphieren die Comicverfilmung Joker, Quentin Tarantinos Once Upon a Time ... in Hollywood und Bong Joon-hos Thriller Parasite in der Oscar-Saison 2020. Freuen wir uns doch darüber!

11 Nominierungen für Joker, nur eine für Endgame

Nun ist Todd Phillips' Joker alles andere als ein Underdog. Das mit "nur" 50 Millionen Dollar Budget gedrehte Psychogramm eines Comic-Bösewichts mit Scorsese-Einschlag profitiert von seinem Franchise-Schatten. Die Popularität der DC-Ikone Joker, einst bestätigt durch den postumen Oscar für Heath Ledger, hat dem Film zu einem Einspielergebnis von einer Milliarde Dollar verholfen.

Die 11 Nominierungen beim Oscar 2020 haben einmal mehr gezeigt, wie Joker der Spagat zwischen Kassenerfolg und seriöser Filmunterhaltung gelingt. Angefangen hatte es, und das wird mir niemals kein Kichern abringen, beim Goldenen Löwen in Venedig im September. So viel zu den doppelten Verneinungen in der Oscar-Berichterstattung.

Avengers: Endgame hat lediglich finanziell Eindruck hinterlassen

Joker ist ein Phänomen und Avengers: Endgame nicht. Das lässt sich mit etwas Abstand festhalten. Trotz seines enormen finanziellen Erfolges hat sich Avengers: Endgame so konsequent aus der öffentlichen Filmdiskussion gesnapped, wie er die Rekordzahlen genommen hatte. Man könnte meinen, das wohl einflussreichste Franchise unserer Zeit würde den 8000 Mitgliedern der Academy einen Seitenblick abringen.

Stattdessen wurde Endgame mit einer Nominierung für die visuellen Effekte abgefertigt. Avatar - Aufbruch nach Pandora hatte 9 Nominierungen erhalten, Die Rückkehr des Königs, ebenfalls Abschluss einer Kinoreihe, hatte es auf 13 gebracht. Selbst Harry Potter und die Heiligtümer des Todes 2, sammelte 3 Oscar-Nominierungen ein.

Weniger als ein Jahr nach dem Kinostart erweist sich die sofortige kulturelle Irrelevanz von Avengers: Endgame als größter Twist des Marvel Cinematic Universe.

Oscar 2020: Nur Männer im Regie-Feld

Ihre Liebe verteilte die Academy leider nicht an weibliche Regisseure. 6 Oscar-Nominierungen gab es für Greta Gerwigs Literaturverfilmung Little Women, allerdings keine für die Beste Regie. Das bestätigt, wie protzig die Filmregie sein muss, um belohnt zu werden und erklärt so nebenbei die Oscar-Karriere von Alejandro González Iñárritu. Sonst hätte es vermutlich auch Noah Baumbach mit Marriage Story hinein geschafft.

Andererseits lässt sich der blinde Fleck der Academy, wenn es um weibliche Regisseure geht, nicht schönreden. Ob Lulu Wangs The Farewell, Marielle Hellers Der wunderbare Mr. Rogers, Chinonye Chukwus Clemency oder Kasi Lemmons Harriet - Der Weg in die Freiheit: Die potenziellen Oscar-Filme sind vorhanden.

Allerdings leiden weibliche Regisseure im Oscar-Rennen darunter, dass sie systembedingt meist mit kleineren Budgets arbeiten müssen, was aufmerksamkeitsheischenden Regie-Arbeiten teilweise im Weg steht. Um von kleineren Marketing-Budgets gar nicht anzufangen... Aussagekräftiger über die gegenwärtige Bedeutung von weiblichen Stimmen im Filmgeschäft dürfte eine andere Kategorie sein: Vier der fünf nominierten Besten Dokumentarfilme haben (Co-)Regisseurinnen.

Die Academy liebt 1917, Tarantino und Netflix

Wo wir beim Möchtegern-Iñárritu dieses Jahrgangs sind: Sam Mendes' aus mehreren Plansequenzen bestehende Kriegs-Action 1917 ist so ein Film, der eine Regie-Nominierung quasi garantiert.

Weil einem Regie und Kamera (von Roger Deakins) durch das Konzept ins Gesicht springen wie eine explodierende Granate in einem Graben des Ersten Weltkriegs. 10 Nominierungen hat der Film eingesammelt ebenso wie Quentin Tarantinos Once Upon a Time ... in Hollywood.

Tarantino könnte dieses Jahr zum dritten Mal einen Oscar für das Beste Original-Drehbuch gewinnen und sich dabei wieder als Meister der Nebendarsteller-Oscars beweisen. Während Leonardo DiCaprios Hauptdarsteller-Kategorie mit Joaquin Phoenix und Adam Driver hart umkämpft ist, schließen sich die beiden The Irishman-Darsteller Al Pacino und Joe Pesci bei den Nebendarstellern vermutlich aus, sodass Brad Pitt seinen ersten Darsteller-Oscar einsammeln könnte. Brad Pitt ist der neue Christoph Waltz, will ich damit schreiben.

Wie viele der 24 Nominierungen hingegen Netflix in Preise umsetzen kann, bleibt fraglich, da weder die Irishman- noch die Marriage Story-Liebe der Academy so intensiv wirkt wie die für Joker.

Parasite ist die Erfolgsgeschichte des Oscars

The Irishman, Marriage Story, 1917 und die meisten anderen Konkurrenten sind letztlich härter als Endgame, der uns seinen Figurentoden mit vorhersehbarer Sanftheit entgegen wiegt. Das radikalste Story-Element von Infinity War, Thanos' Dezimierung, wird rückgängig gemacht.

Selbst Tarantino, der die Geschichte in "Hollywood" fiktionalisiert, macht die grausame Realität anwesend in ihrer Abwesenheit. Das speist die Wehmut seiner letzten Bilder. Wer weiß, was mit Sharon Tate passiert ist, kann diesen Film nicht ohne den Gedanken daran schauen.

Das fehlende Ende von Endgame ist denn auch sein größtes Verhängnis und das, was ihn von den genannten Franchises unterscheidet. Stattdessen springt die Academy dieses Jahr zumindest teilweise auf Filme an, die mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit ihren Figuren gegenüber auffallen. Der gequälte Joker zählt dazu und auch der Festivalsaison-Kompagnon Parasite, Gewinner der Goldenen Palme in Cannes.

Sechs Nominierungen hat der südkoreanische Film von Bong Joon-ho erhalten, in dem eine Familie aus armen Verhältnissen in eine Hightech-Villa einfällt. Und das ohne Netflix-Boost, wie ihn Roma vergangenes Jahr erhielt.

Parasite ist auch so ein Phänomen, wohl das schönste dieses vergangenen Filmjahres. 132 Millionen Dollar hat der Film weltweit eingespielt, beeindruckende 25 Millionen davon in den Staaten. Er hat die Untertitel-Barrieren weltweit überwunden, wurde zum Gesprächsthema, zum unverzichtbaren Kino-Erlebnis über Generationen und Filmgeschmäcker hinweg. Das hat er mit Joker gemeinsam. Der Disney-Dominanz zum Trotz weiß selbst die Academy, was gut fürs Kino ist.

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