Game of Thrones - Staffel 7, Folge 6: Dumm ist der, der Dummes tut

Game of Thrones - S07 E06 Featurette Inside the Episode (English) HD
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Game of Thrones
22.08.2017 - 08:50 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Eine Folge vor dem Staffelfinale dreht Game of Thrones mehr am Rad, als es zu brechen. Jenseits der Mauer droht der Plot der 7. Staffel in einer selbst entzündeten Feuerwalze zu verdampfen.

Beric Dondarrion sieht unglaublich cool aus mit diesem brennenden Schwert. Dieses Jahrmarkttricks werde ich nicht müde, egal wie oft Thoros und er die Hand übers Schwert ziehen und dieses entflammt. Es sieht genauso cool aus, wenn ein brennender Zombie-Eisbär mit leuchtend blauen Augen sich in seine Opfer verbeißt. Cool sieht es auch aus, als der Night King in aller Seelenruhe seinen Eisspeer ansetzt, sein fliegendes Ziel ins Auge nimmt und es mit einem lässigen Wurf bezwingt. Die 7. Staffel von Game of Thrones wurde auf Coolness und Wow-Effekte gebürstet und in der 6. Episode Beyond the Wall (Jenseits der Mauer) legt so gut wie jede der 70 Minuten Laufzeit dar, wie massiv die Serie darunter leidet. Während das Lied von Eis und Feuer in Game of Thrones zum konkreten Bild wird, verlegen sich die Autoren auf einen Erzählstil, neben dem eine Xena-Folge wie The Wire wirkt.

In Winterfell stellen die Autoren von Game of Thrones ihre Zuschauer auf die härteste Probe. Wie weit mag man gehen, um die Entscheidungen liebgewonnener Figuren zu rationalisieren - und ihre mögliche Dummheit? Jon Snow (Kit Harington) ist schon lange ein hoffnungsloser Fall, an dem kein Himmelfahrtskommando ohne seine enthusiastische Beteiligung vorbeizieht. Ich zähle gar nicht mehr mit, wie oft er in der Serie gerettet werden musste und Beyond the Wall scheint dies beinahe zu parodieren, wenn nach Daenerys auch noch Benjen Stark (Joseph Mawle) herbeireitet, um Jon vor Gefrierbrand zu retten. Wegen Benjen zog Jon einst in den Norden - nicht dass Zeit bliebe, sich diesem emotionsgeladenen Treffen zu widmen. Neben den Drachen bleibt Jon das wichtigste Werkzeug der Autoren, um den Game of Thrones-Fans die spektakuläre Action zu liefern, die zu den Markenzeichen der Serie gehört; die sie aber nicht allein ausmacht, zumindest in den letzten Staffeln. Anders sieht es bei Sansa (Sophie Turner) und Arya Stark (Maisie Williams) aus.

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Arya besitzt ihre eigene Liste mal atemberaubender, mal unglaubwürdiger Schock-Momente. Ihre Heimkehr nach Winterfell lässt ihre Todesliste allerdings in den Hintergrund treten und bietet Anlass für eine charakterliche Bestandsaufnahme, besonders im Vergleich zu Sansa. Ansätze dafür zeigen sich auch in dieser Episode, als sie ausspricht, was sie an der Lehre der Faceless Men so faszinierte: die Macht, alles zu sein, was man will, ob Prinzessin oder Krieger. Es ist eine Macht, die dem Selbstbild eines Jon Snow diametral entgegensteht, der mit Beric über die schicksalhafte Rolle spricht, die ihm Gott oder wer auch immer zugedacht hat. Nun ist es ausgerechnet Arya, die ihre Schwester so behandelt, als wäre seit ihrem letzten Treffen in Staffel 1 keine Zeit vergangen, als besäße Sansa - und im Umkehrschluss auch sie selbst - gar nicht die Fähigkeit sich zu ändern. Beiden Szenen der Schwestern hängt in dieser Folge eine traurige Ironie an, die leider unter die Räder der rasenden Zuspitzung dieser Beziehung gerät. Arya scheint Littlefingers (Aidan Gillen) Köder derart willig verschlungen zu haben, dass die Offenbarung des Briefes an Robb und Sansas Suchaktion mit der Originalität einer Seifenoper umgesetzt werden. Aaron Spellings Game of Thrones würde ich mir natürlich im Handumdrehen anschauen. Nur würde er seinen Zuschauern nicht in sieben Staffeln und zahllosen Dialogzeilen über die Natur von Recht und Gerechtigkeit, Macht und Unterdrückung vorgaukeln, es ginge um mehr als basale Thrills.

Mehr: Game of Thrones - Alles, was ihr zur 7. Staffel wissen solltet

Nun haben die Autoren von Game of Thrones schon ein paar überraschende Wendungen vor uns verborgen. Setzen also Sansa und/oder Arya heimlich alles daran, Littlefinger aus der Reserve zu locken? Gibt Arya ihrer älteren Schwester mit der Übergabe des Dolches ein unmissverständliches Zeichen, sie solle sich vor anderen Gefahren in Winterfell schützen? Stecken die beiden unter einer Decke und ziehen ihre Show auch in einer einsamen Kammer ab? Selbst wenn es in der letzten Folge der Staffel eine einleuchtendere Erklärung für das Verhalten gibt als "Wenn der Plot muss, dann muss er", rettet das nicht retroaktiv schlecht geschriebene Szene. Wir haben hier nicht Twin Peaks: The Return vor uns, in der Szenen teils in einem Vakuum gezeigt werden, bevor sich eine Folge später ihr Kontext dazugesellt (Hallo, Audrey). Stattdessen liegt es in dieser Folge von Game of Thrones beim Zuschauer, das widersprüchliche bis stupide Verhalten von Figuren zu rationalisieren, ob nun Sansa vor Brienne auf die Sicherheit von Winterfell schwört (wo sie ihr größtes Trauma erlebte) oder Arya ihrer Schwester Vorwürfe macht; weil sie offenbar vergessen hat, wie oft sie selbst in Harrenhal Gelegenheit hatte, sich an Tywin Lannister zu rächen. Widersprüche wie diese wären in einer anderen Episode menschlich, hier wirken sie nachlässig geschrieben.

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In der dunkelsten Timeline von Game of Thrones wird Aryas Wut ihre Schwester mit derselben Angst füllen, die Tyrion (Peter Dinklage) in seiner Schwester Cersei ausmacht. Vor dieser Paranoia, die das vielbeschworene Rad der Herrschenden mit antreibt, welches das Volk zermalmt, will er seine Drachenkönigin bewahren. Cersei mag Fallen legen, doch Daenerys darf sich bei den Verhandlungen in King's Landing nicht der niederen Methoden der Lannister-Königin bedienen, lautet sein Argument. Ebenso soll sie, anders als die gegenwärtige Inhaberin der Red Keep, langfristig denken, über ihren eigenen Tod hinaus. Wer führt ihre Revolution von oben fort, sollte Daenerys (Emilia Clarke) fallen?

Es ist ein notwendiges Gespräch zwischen Hand und Herrscherin, das etwas verkürzt wirkt, weil Daenerys in einer Sekunde über törichte Helden schwadroniert und sich in der nächsten auf den Rücken von Drogon schwingt, um einen Familienausflug ins Eis zu unternehmen. Dinklage vermittelt die aufrichtige Sorge um das Scheitern seiner hehren Ziele allerdings souverän. Tyrion ist am unterhaltsamsten, wenn er in ironischer Distanz über den Dingen steht. Eine der besten Figuren in Game of Thrones bleibt er wegen jenen anderen Szenen, in denen all das zum Vorschein kommt, vor dem die angeborene Teflon-Arroganz der Lannisters normalerweise schützt.

cool cool cool.

Andererseits erntet Tyrion in dieser Folge von Game of Thrones, was er sät. Immerhin ist die Idee, einen Wight als Beweis nach King's Landing zu schaffen, auf seinem intellektuellen Mist gewachsen. Ein Großteil der Laufzeit gibt sich den eisigen Weiten der isländischen Landschaft hin, wohl der eigentliche Hauptdarsteller dieser Folge. Mit variierendem Erfolg plaudern die furchtlosen Wanderer darüber, woher sie sich und wir sie kennen. Das Gespräch zwischen Gendry und Beric beispielsweise bleibt im Morast der Exposition stecken. Bei Sandor (Rory McCann) und Tormund (Kristofer Hivju) kündigt sich hingegen eine Traum-Kombo an, die meinetwegen jetzt schon einen der versprochenen Spin-offs erhalten darf (Arbeitstitel: The Adventures of Ginger & the Hound). Tatsächlich entwickelt sich Tormund neben den kargen Bergen und eisigen Tälern zum heimlichen Helden der Folge. Er erinnert Jon an das Scheitern des stolzen Mance Rayder, der zum Leiden seines Volkes nicht Untertan sein wollte, und erzählt dem Hound von seinen Welteroberungsplänen mit Brienne und ihrem unbesiegbaren Nachwuchs. Bei keiner Szene in dieser Folge krallten sich meine Fingernägel so tief ins Frühstücksbrot wie in der, als Tormund von den Untoten zu Boden gerungen und beinahe in den See gezogen wird. Selbst wenn der etwas eintönige Kampf auf der Insel mit Hardhome nicht mithalten kann, vermögen es die Autoren, einen mit so gut wie jeder Nebenfigur mitfühlen zu lassen. Auch dann wenn sie, wie beispielsweise der sterbende Thoros (Paul Kaye), kaum ein (alkoholfreies) Innenleben vorweisen können.

Heroes do stupid things and they die. (Daenerys)

Eingekesselt von der Armee der Untoten, bietet diese Folge von Game of Thrones wieder eine dieser Szenen, in der Jon Snow seinem Tod in stiller Erwartung in die Augen blickt. Eine Staffel mit zehn Folgen könnte sich womöglich den psychischen Konsequenzen von Jons Auferstehung und seinem augenscheinlichen Todeswunsch widmen. Solche Nuancen haben in dieser evolutionären Phase von Game of Thrones allerdings keinen Platz mehr. Das Gespräch mit Beric über ihre Aufgabe, die klischeehafte Rettung in letzter Sekunde sowie Flirt und Loyalitätsbekundung vor der Drachenkönigin müssen genügen. Dafür liefern David Benioff und D. B. Weiss ab. Namentlich das, was Game of Thrones auf der Überholspur der Bücheradaption geworden ist. Drachen- oder Zombie-Action alle paar Episoden waren garantiert. Nun beschenkt uns die Serie in Beyond the Wall endlich mit Drachen-und-Zombie-Action und die kulminiert schließlich in einem blauäugigen Drachen-Zombie. Vor ein paar Staffeln war mal der Weg das Ziel in Game of Thrones. Für Entfernungen interessiert sich mittlerweile niemand mehr. Hauptsache am Ende ist alles unglaublich cool.

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Zitat der Folge: "Walking is good, fighting is better, fucking is best." (Tormund)

Anmerkungen am Rande:

  • "How does she look at you? Like she wants to carve you up and eat your liver?" -
    "You do know her!"

  • "I don't give two shits about wildlings. Gingers I hate." - "Gingers are beautiful. They're kissed by fire."
  • "Every lord I've ever met has been a cunt. I don't see why the lord of light should be any different."
  • Ist es zu spät, um teure Drachenszenen gegen weitere Episoden einzutauschen?
  • Allem Anschein nach ist Drache Viserion gestorben, auch wenn sein Name in der Folge nicht fällt.
  • Schöner Auftakt mit dem Kartentisch in Dragonstone, der uns per Schnitt im Eis verortet.
  • Alan Taylor, der sich vom Game of Thrones zum Marvel- und Terminator-Regisseur gemausert hat, sitzt hier nach langer Zeit wieder auf dem Regiestuhl. Die letzte Folge wird wieder von Jeremy Podeswa inszeniert.
  • "What would little Lyanna Mormont say?" Was fehlt: Eine Szene, in der Lady Mormont Arya eine Standpauke hält.

Alle Recaps zur. 7. Staffel von Game of Thrones:

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