Game of Thrones - Staffel 7, Folge 5: Fan-Fiction in Serie

Game of Thrones
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15.08.2017 - 09:15 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Die sieben Samurai formieren sich in der 5. Folge der 7. Staffel von Game of Thrones, die Eastwatch heißt. Das bedeutet vor allem, dass der Plot einen Gewaltmarsch an die Mauer unternimmt.

Glaubt jemand ernsthaft, Cersei Lannister werde sich auf einen Waffenstillstand einlassen, um gemeinsam mit ihrer größten Rivalin eine sagenumwobene Gefahr aus dem Norden zu besiegen? Irgendjemand? Also speziell auf Dragonstone, weniger den hiesigen Couch-Burgen? Entweder ist Tyrion, der diesen Plan in Eastwatch (Ostwacht) ausheckt, ein unbelehrbarer Idealist oder ein besinnungsloses Werkzeug der Autoren von Game of Thrones. Tyrions latent dämlicher Plan fügt sich in etwa so geschmeidig in die Plot-Mechanik ein, wie der Lannister-Stahl unter Gendrys Hammer in Form kommt. Diesem Plan verdanken wir das Bild der sieben winterlichen Samurai, die sich aufmachen, jenseits der Mauer einen Untoten zu stibitzen, um die beiden Königinnen im Süden von seiner Existenz zu überzeugen. Ein tolles Bild, ein tweetbares Bild, ein Bild, das Fans, die sechseinhalb Staffeln treu blieben, in jedem verschneiten Pixel glücklich machen kann. Game of Thrones fährt betörende Fan-Fiction auf, wenn Jon, der Hound, Jorah und die anderen sich auf ihre Selbstmordmission begeben. Zum Dank fühlt sich die 7. Staffel nach einer halben Staffel an, die den Plot von dreien in sich vereinen muss.

Bei einer Folge, in der Varys so tief sinkt, dass er aus Tyrions Weinkelch schlürft, bin ich natürlich nachsichtig. Eastwatch ist darüber hinaus beispielhaft für die erzählerischen Herausforderungen, denen sich die Game of Thrones-Autoren gegenübersehen und die sie nicht immer elegant meistern. Immerhin müssen sie die massiven zeitlichen und räumlichen Unterschiede, die großen Offenbarungen und hochemotionalen Abschiede zu einer knapp 60-minütigen Einheit schweißen, ohne dass die Episode unter ihren widerstrebenden Teilen in zig Einzelstücke zerbirst. (Das war es dann erstmal mit den Metallurgie-Metaphern, versprochen.) Jon streichelt Drogons Schuppen wie ein echter Targaryen. Gendry kehrt zurück. Cersei verkündet ihre Schwangerschaft. Dany verbrennt Vater und Sohnemann Tarly - auch sie erweist sich zum Schrecken Tyrions als echter Targaryen. Ein Himmelfahrtskommando sticht in Schnee. Selbst ein paar kaum beachtete Sätze Gillys (Hannah Murray) beinhalten in dieser Folge von Game of Thrones eine entscheidende Information über die Legitimität von Jons Herkunft. Wenn Rhaegar und Lyanna heimlich geheiratet haben, ist ihr Sohn Jon schließlich kein Bastard, was sein ganzes Selbstbild ins Wanken bringen würde. Passenderweise trifft Jon (Kit Harington) in der Folge auf Roberts Bastardsohn Gendry (Joe Dempsie). Zwischen Harington und Dempsie funkt es, was manchen einen Grund zum Shippen bieten dürfte, auf jeden Fall aber Augenhöhe und gegenseitiges Verständnis der beiden Figuren befeuert.

Game of Thrones: Wie der Vater so der Sohn - Gendry mit seinem Kriegshammer

Tage und Wochen vergehen zwischen diesen Ereignissen und selbst die White Walker warten auf ihren Pferden griesgrämig darauf, dass die vielen Handlungsstränge im Süden festgezurrt werden. Diese allgemeine Aufbruchstimmung gehört zu den Stärken der 7. Staffel, deren einzelne Folgen wesentlich dichter wirken. Jaimes (Nikolaj Coster-Waldau) Weg reicht diesmal von der Enttäuschung nach dem gescheiterten Heldentod übers Wiedersehen mit dem Bruder bis hin zu neuen Vaterfreuden. In früheren Staffeln wäre dies auf vier bis fünf Folgen gestreckt worden. Seine verschämte Freude über die (mögliche) Schwangerschaft Cerseis (Lena Headey) ist ein ebenso feinfühlig gespielter wie folgenschwerer Moment in seiner Charakterentwicklung. Tyrion meint, nur Jaime könne auf Cersei einwirken. Diese scheint aber in ihrer Rolle als Regentin aufzugehen. Gibt es in Tyrions Plan überhaupt Platz für Qyburn?

Mehr: Game of Thrones - Alles, was ihr zur 7. Staffel wissen solltet

Andererseits wirkt jede zweite Szene dieser Staffel "folgenschwer". Das hängt mit dem herannahenden Serienfinale zusammen, aber auch mit dem Dialog, den die Autoren mit den Zuschauern führen. Alle paar Minuten wird ein Fan-Traum wahrgemacht, werden Spekulationen adressiert oder sogar augenzwinkernd auf Memes verwiesen. Manchmal entwickelt sich das homogen aus der Geschichte und ihren Figuren heraus, etwa im Training zwischen Brienne und Arya. Ein andermal geht die Plausibilität flöten, wenn Tyrion und Jon ein Suicide Squad in Bewegung setzen, um an die Rationalität von - ausgerechnet - Cersei Lannister zu appellieren. Die zwei naheliegenden Optionen für ihr Verhalten, nämlich dass sie sich aus Hass niemals überreden lassen wird oder die Verhandlungen in ihre eigene Red Wedding umfunktioniert, werden zugunsten eines "Badass"-Moments hintangestellt. In seinem 7. Jahr muss sich Game of Thrones offenbar Folge um Folge selbst übertreffen, selbst wenn die Laufzeit dafür keinen Raum gibt. Frustrierend ist weniger, dass es diese Momente überhaupt gibt. Für sich gesehen sind sie extrem unterhaltsam. Alles andere wäre bei einer Szene, die Sandor Clegane, Tormund Giantsbane, Beric Dondarrion, Thoros of Myr, Jorah Mormont, Gendry und Jon Snow auf engsten Raum quetscht, schließlich ein Sakrileg. Nur wirkt der Fan-Service hier so konstruiert - vom kaum behelligten Bootsausflug nach King's Landing bis zur Wanderung in den Schneesturm - dass er in offizielle Fan-Fiction abzugleiten droht.

Game of Thrones: Squad Goals

In ein oder zwei Episoden wird es womöglich eine bewegende, schockierende, tweetwürdige Auflösung dieses eisigen Plans geben, wird Game of Thrones wieder eine dieser Szenen liefern, für die wir Zuschauer die Serie leben. Eastwatch drängt mit seinem rasenden Plot allerdings auch den vielgestaltigen Kitt in den Vordergrund, der die Serie beisammen hält, selbst wenn sie drei Staffeln in sieben Folgen zwängt. Er offenbart sich weniger in den angeschmorten Nüstern eines computergenerierten Drachen, der die Verwandtschaft seiner Mutti beschnuppert. Er zeigt sich in den auffälligen Match Cuts, welche Briefchen miteinander verbinden, die in Hunderten Kilometern Entfernung gelesen werden.

Aufwendige Eisburgen und Streicheleinheiten für Drachen einmal beiseite genommen, "funktioniert" Game of Thrones in dieser 7. Staffel gerade dank der Kontinuitäten und Parallelen, die den vielen Handlungssträngen den Anschein von Homogenität verleihen. So ähneln die wachsenden Spannungen zwischen Sansa (Sophie Turner) und Arya (Maisie Williams) in der Inszenierung dem Treffen der Lannister-Brüder, welche bereits auf feindlichen Seiten stehen. Beide Schwestern scheinen im Bild aufeinanderzuzudrängen und wirken deswegen umso distanzierter. Die Harmonie klassischer Dialogszenen wird hier ausgehebelt und Littlefingers lancierter Brief könnte die Schwesterliebe auch innerhalb der Handlung an ihre Grenzen bringen.

Game of Thrones

Ebenso wichtig sind die Nebendarsteller unter den Nebendarstellern, allen voran Liam Cunningham. Mit seinen trockenen Kommentaren, amüsantem Altherrengegrummel, aufrichtigem Pathos oder Schmuggler-Einmaleins rettet er regelmäßig halbe Drehbuchseiten. Ser Davos besitzt im Grunde keine Agenda mehr außer die Loyalität zu Jon. Auf Dragonstone und darüber hinaus ist er jedoch eine Allzweckwaffe, egal ob eine expositionslastige Lagebesprechung umgesetzt oder ein fast vergessener Baratheon-Bastard in Flea Bottom rekrutiert werden muss. Sogar selbstreflexive Albernheiten klingen aus Cunninghams Munde bekömmlich ("Thought you might still be rowing.").

Figuren wie Davos oder Bronn (Jerome Flynn) bilden die charakterlichen Brücken zischen den vielen "großen" Treffen in dieser Staffel, die wiederum "große" Konfrontationen in der nächsten Staffel vorzubereiten haben. Entsprechend liegt es an Davos, die allergrößte Herausforderung der Game of Thrones-Autoren auf den Punkt zu bringen: "Nothing fucks you harder than time."

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Zitat der Folge: "Isn't it your job to talk him out of stupid fucking ideas like this?"

Anmerkungen am Range:

  • Was passiert, wenn Lady Mormont einmal Ferien macht? Genau, Aufruhr in Winterfell!
  • Arya mag sauer über Sansa sein, aber immerhin lässt Sansa nicht alle paar Folgen ihre Gefolgsleute zurück, um ins nächste Abenteuer zu ziehen.
  • "Did you read it?" "It's a sealed scroll for the king in the North." ... "What does it say?" "Nothing good."
  • "Nobody mind me. All I've ever done is live to a ripe old age."
  • "I'm sure cutting off heads is very satisfying but it's not the way to get people to work together."
  • Tormund fragt nach der "großen Frau" und wird leider enttäuscht. Zum Rom-Com-Helden wird er wohl nicht mehr.
  • "You need to convince the one with dragons or the one who fucks her brother?"

  • So viele Studienabbrecher in Game of Thrones, egal ob in der Maester- oder der Mörder-Uni.


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