Wir schauen Fargo - Staffel 2, Episode 8 im Recap

Fargo
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Fargo
03.12.2015 - 11:00 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Fargo dezimiert in der 8. Folge weiter sein Cast und lässt Peggy und Ed bei einem romantischen Ausflug in einer Waldhütte samt malträtierter Geisel endlich zusammenfinden.

In der letzten Folge von Fargo wurde die Familie Gerhardt im Verlauf des Bandenkriegs weiter auseinandergetrieben. Loplop (S02E08), benannt nach einem Fantasiewesen  des surrealistischen Malers Max Ernst, folgt dieser Bewegung und setzt ihr eine Alternative entgegen. Denn so psychotisch Peggy Blomquist (Kirsten Dunst) auch wirkt, wenn sie Dodd Gerhardt (Jeffrey Donovan) mit einem Messer in die Brust sticht, als würde sie einem unartigen Kind einen Klaps auf den Hinterkopf geben, führt die gemeinsame Geiselnahme zur ultimativen Ehetherapie der Blomquists. Sieben Folgen lang haben wir beobachtet, wie Ed (Jesse Plemons) und Peggy selbst in Extremsituationen aneinander vorbeireden, -planen und -leben. Die zur Hälfte als Kammerspiel angelegte 8. Episode von Fargo nutzt die Abwesenheit eines Großteils des Casts, um sich dem erzählerischen Stein des Anstoßes dieser Staffel zu widmen - mit stellenweise brillanten Ergebnissen.

Wer hat Angst vor Peggy Blomquist?

Sein und nicht denken, sein und nicht denken, lautet das Credo von Peggy Blomquist, die zu Beginn der Episode weiter in ihre eigene "verwirklichte" (actualized) Geisteswelt abdriftet. Dabei folgt Peggy dieser Devise schon seit Beginn der Staffel, als sie einen Mann überfuhr und seelenruhig mit dem Verletzten in ihrer Windschutzscheibe nach Hause rollte. Da saß sie anschließend vor einem Spiegel, wie sie es oft in späteren Folgen tat, als bestätige dieses Gegenüber ihre Entscheidungen, ihre Handlungen, ja, ihre Existenz. Widerspruch war praktischerweise ausgeschlossen. Insofern bildeten die Spiegel nur eine weitere Variation der Split-Screens - sozusagen ein Bild im Bild, nicht neben dem Bild - die in Fargo Figuren in ihrer ganz eigenen Welt festhalten, bis sie gegebenenfalls kollidieren. Loplop spielt mit dieser Idee ganz offen, wenn nicht gar recht platt, wenn Peggy und Ed zu ihrer Cabin in the Woods fahren. Beide reden, denken bzw. planen, aber dank des Split-Screens wirkt ihr Dialog wie ein Ferngespräch zwischen zwei Kontinenten. Dazwischen gerät die Geisel Dodd Gerhardt, was die Grundidee von Fargo, dem Film, umkehrt: Zwei harmlos wirkende Normalos nehmen einen brutalen Psycho in ihre Gewalt. Dass die Blomquists besser niemals Nachwuchs zeugen sollten, belegt der teils unglaublich amüsante wie erschreckende Umgang mit Dodd.

Die Brillanz liegt bei Fargo häufig in den Details, so auch in Loplop. Beachten wir etwa, wie Ed seine Geisel an den Stuhl gefesselt hat. Offenbar hat er alle Seile und Schnürsenkel der Umgebung zusammengetragen, um sie chaotisch und ziemlich sinnfrei um Dodds Torso zu wickeln, was irgendwie an das Sicherheitskonzept eines 12-Jährigen erinnert. Das Denken ist Eds Sache nicht unbedingt. Jeffrey Donovan liefert als halbe Seil-Mumie derweil eine letzte, urkomische Darbietung des Dodd Gerhardt ab: Seine gewohnten Drohungen herausspeiend, blickt er wenig später mit zwei Stichwunden in der Brust regelrecht bettelnd zu Ed auf, um von Peggy erlöst zu werden. Man könnte meinen, ihr LifeSpring-Geplapper sei eine perfidere Foltermethode als jede physische Marter. Und trotzdem geraten weder Dodd Gerhardt noch Ed "Hon, you got to stop stabbing him" Blomquist oder seine Frau zu Witzfiguren dieser überzeichneten Situation. Gerade Kirsten Dunst brilliert als augenscheinlich harmlose Hausfrau, die sadistische Züchtigungen aus dem Ärmel schüttelt wie Apfelkuchenrezepte. Womit ich nicht einmal nur die Messerstiche meine. Wenn sie Dodd wie einem Baby den Löffel Bohnen in den Mund schiebt, obwohl er abgelehnt hat, gerät ihr Spiel mit der Dominanz über den bösen, bösen Gangster reichlich abstoßend.

Peggy zeigt sich in dieser Episode von Fargo von ihrer schlimmsten Seite und trotzdem wird das Ehepaar Blomquist zusammengeschmiedet wie nie zuvor. Sein und nicht denken impliziert in Loplop vor allem die "Erkenntnis", dass die beiden zwischen den Xanadus, den Fleischerläden, den Reisen nach Kalifornien und Seminaren, nur eines wirklich ihr eigen nennen können: einander. Ronald Reagan, das fleischgewordene Opium des Volkes, wird nicht in ihre Hütte platzen, um sie mit einem kessen Spruch zu retten. Stattdessen überwinden die Blomquists die emotionale wie formale Trennung. Split-Screen adé heißt es, als sie sich in der Nacht umarmen und Peggy später um Eds Leben bangt. Und als Hanzee (Zahn McClarnon) auf seinen befreienden Haarschnitt wartet, sie über Leben und Tod entscheiden müssen, scheinen sich Peggy und Ed zum ersten Mal in dieser Staffel wirklich anzusehen.

Was in den vergangenen Folgen in Nebensätzen angedeutet wurde, buchstabiert Loplop aus. Nachdem Mike Milligan nämlich von seinen Vorgesetzten abfällig als "Darkie" bezeichnet wurde, liegt es nun an Hanzee, eine Blutspur durch den Alltagsrassismus des Mittleren Westens der USA zu ziehen. Zunächst bewegt er sich auf der Suche nach den Blomquists wortwörtlich im Schatten und gewissermaßen im Rahmen eines Klischees: Der einzige native american im Cast wird zum wortkargen Fährtenleser und Krieger degradiert. Ins Tageslicht tritt Hanzee, als er wahllos Zivilisten und Polizisten erschießt (bzw. wounded knees  verpasst), nachdem sie ihm rassistische Beleidigungen an den Kopf geworfen haben. Zuweilen erinnert Loplop deswegen weniger an einen Coen-Film, als an das Finale von Django Unchained. Ob bewusst oder nicht, bringen die Autoren die Zuschauer wiederholt in eine Position, in der Rachegelüste geschürt und explizit befriedigt werden. Was wir schon daran erkennen können, wie unterschiedlich Hanzees Gewalt inszeniert wird: Hier die unvermittelten, regelrecht lustlosen Schüsse auf rassistische Bargänger, dort der zermürbende Suspense, wenn er Constance im Hotelzimmer tätschelt wie einen gefangenen Hasen. Der Höhepunkt dieser (gängigen) Zuschauermanipulation findet sich schließlich in der Hütte. Dodd, serienbekannter Frauenfeind, spuckt wieder einmal seinen misogynen Dreck auf die Tonspur und als Hanzee auf der Bildfläche erscheint, gesellen sich ein paar Rassismen hinzu. Hanzees Reaktion gliedert sich ganz natürlich in die Erzählung vom Zerfall der Gerhardt-Familie ein. Seine Hinrichtung Dodds kann den Beigeschmack einer erleichternden Ventilöffnung trotzdem nicht abschütteln. Loplop fügt dem vom Töten müden Hanzee neue Facetten hinzu, ebenso wie das Ehepaar Blomquist charakterlich weiterentwickelt wird. Gleichzeitig führt das Episodenfinale eine diskussionswürdige Erzählstrategie der Serie vor: Den "aufgeklärteren" Zuschauern aus der Zukunft wird, wie schon in einem anderen Recap angemerkt, eine alternative, weil variierbare Vergangenheit präsentiert. Und in der werden reale Ungerechtigkeiten mit fiktiven Gewaltexplosionen beantwortet. Sind wir noch Zuschauer oder schon Komplizen der Rache?

Zitat der Folge: "[I'm] tired of this life."

Anmerkungen am Rande:

  • Der gute jp hat auf den Brian-De-Palma-Gedächtnis-Split-Diopter-Einsatz in der Szene verwiesen, in der Peggy von Constance angerufen wird. Hier der Meister in Aktion:


Alle Recaps zur 2. Staffel von Fargo:

Fargo Recap - Waiting for Dutch (S02E01)
Fargo Recap - Before The Law (S02E02)
Fargo Recap - The Myth of Sisyphus (S02E03)
Fargo Recap - Fear and Trembling (S02E04)
Fargo Recap - The Gift of the Magi (S02E05)
Fargo Recap - Rhinoceros (S02E06)
Fargo Recap - Did you do this? No, you did it! (S02E07) 

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