Tatort Kritik

Der letzte Tatort mit Cenk Batu

06.05.2012 - 21:45 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Tatort - Die Ballade von Cenk und Valerie
© NDR
Tatort - Die Ballade von Cenk und Valerie
Ein letztes Mal Cenk Batu. Matthias Glasner beschert Mehmet Kurtulus in Tatort – Die Ballade von Cenk und Valerie einen würdigen Abgang, der in seinen besten Momenten als deutsche Kreuzung aus 24 und Die Bourne Identität daherkommt.

Der Tatort hebt sich ästhetisch eher selten übers TV-Niveau und das ist nicht einmal wertend gemeint. Die Hamburger Abenteuer des Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) bildeten da stets Ausnahmen. Die Fälle des Undercover-Cops lehnten sich in ihrer Dynamik und ihrem Willen zu Übertreibung oft ans Kino an. In seinem letzten Fall darf Cenk auf den Spuren von James Bond und Jason Bourne wandeln. Matthias Glasner (Der freie Wille) inszeniert Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie gekonnt als Gratwanderung zwischen Action und Melodram.

Lokalkolorit: Auf dem seltsam menschenleeren Eiland Lanzarote können Cenk und Gloria ihre Freiheit genießen, doch schon bald werden sie aus dem verträumten Paradies vertrieben. Es geht zurück in die Großstadt Hamburg. Doch ob in einsamen Holzhütten im Wald oder der verglasten High Tech-Finanzwelt, der neue Tatort findet überall sinnentleerte Gestalten, die ihren Jobs ohne Rücksicht auf Verluste nachgehen. Im Grunde könnte Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie in jeder Großstadt spielen, denn das regionale Flair zieht zu Gunsten der rasanten Story den Kürzeren. Aber wir wollen Cenk sowieso nicht in einem Heimatfilm sehen. Es genügt, wenn er über Hamburger Dächer, regennase Straßen und durch düstere Gewölbe sprintet, um seine Gloria aus den Fängen der Killerin zu befreien.

Plot: Der Titel klingt nach einer Liebesgeschichte, die Ballade von Cenk und Valerie ist allerdings eine zweier Kontrahenten. Valerie (Corinna Harfouch), die soziopathische Killerin, ein eiskalter Engel, und Cenk, der Undercover-Cop, der stets Gefahr läuft, seine wahre Identität unter all den falschen zu verlieren. Sie beide liefern sich ein Katz- und Mausspiel. Für Finanzhaie soll Valerie nach längerer ‘beruflicher Auszeit’ den neuen Bundeskanzler (Kai Wiesinger) ermorden. Ihr Gesundheitszustand lässt das nicht zu. Also entführt sie Cenk Batus Freundin Gloria (Anna Bederke) und erpresst den Cop: Entweder er tötet den Kanzler vor laufenden Kameras oder die schwangere Gloria stirbt.

Unterhaltung: Obwohl Matthias Glasner, der auch das Drehbuch geschrieben hat, mehrmals andeutet, dass die Ballade für Cenk eine tragische sein wird, fehlt es dem Tatort zu keiner Zeit an Spannung. Recht schnell pegelt sich der Thriller ein zwischen der Hamburger Hatz und den betäubten Zeitlupenaufnahmen des blutend am Boden liegenden Cops. Virtuos jongliert Glasner dabei Cenks Spießrutenlauf, Glorias Gefangenschaft und Valeries rücksichtslose Pflichterfüllung, die alle zu diesem einen Ziel führen werden und der Frage, ob Cenk am Ende abdrückt oder nicht. Wendepunkt ist jene Szene im Krankenhaus, in der Gloria eine Fehlgeburt erleidet. Von nun an gibt es kein Halten mehr für Cenk, der sich in Sachen Rücksichtslosigkeit immer mehr der Killerin annähert. Unterlegt mit Elektroklängen der Marke Trent Reznor (The Social Network) prügelt sich der Mann im schnittigen Anzug durch Reihen von Kollegen und liefert sich Verfolungsjagden, als spräche er für die Hauptrolle im nächsten James Bond-Film vor.

Tiefgang: Versteckt in diesem letzten Thriller des Cenk Batu hat Matthias Glasner eine groteske Überzeichnung der modernen (Finanz)Welt, in der das moralische Handeln vom Aussterben bedroht ist. Die Finanzwichte um Trader Dobler spekulieren auf internationale Krisen. In einer der überdrehtesten Szenen der jüngeren Tatort-Geschichte vergleicht der mephistophelische Dobler vor kichernden Kollegen die Bank mit einem Wettbüro und entlarvt das moderne Finanzssystem als logische Konsequenz eines Hyperkapitalismus, in dem jeder ein saftiges Stück vom Kuchen ab haben will, aber keiner die Rechnung zahlt. Von jedweden ideologischen Beweggründen entschlackt, bietet die gefühllose Killerin Valerie die personifizierte Zuspitzung ebenjener Tendenzen in den Banken. Als todkranker Roboter marchiert die Die fremde Frau durch ihren Auftrag. Sie überrollt alles, was im Weg steht, sogar ihren Sohn, ohne Motiv, ohne Mitleid.

Mord des Sonntags: Abgesehen von all der spannend verpacktenj Gesellschaftskritik ist Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie ein Abschiedstatort allererster Güte und das trotz einiger allzu melodramatischer Momente. Ob Til Schweiger da nachlegen kann, müssen wir zu gegebener Zeit beurteilen. Cenk Batu jedenfalls geht mit seinen sechs Fällen als einer der interessantesten, einer der wenigen Kino-reifen Ermittler in die Tatort-Geschichte ein. Ein Zuschauerliebling war er nie. Ein herber Verlust für die deutsche Krimi-Landschaft bleibt er trotzdem.

Zitat des Sonntags: “Zeit zu sterben, Cenk.”

Habt ihr Cenk Batu die letzte Ehre erwiesen?

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