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David Ayer - Der Bruder mit dem L.A.-Komplex

David Ayer auf dem Set von Herz aus Stahl
© Sony Pictures
David Ayer auf dem Set von Herz aus Stahl
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Es folgen mögliche Spoiler zu Harsh Times, End of Watch, Herz aus Stahl und Suicide Squad.

David Ayers filmisches Schaffen gründet auf roher Gewalt. Ohne sie gäbe es weder den Filmemacher Ayer noch viele seiner Kollegen. Ihre Beziehung gründet sich in einer einseitigen Natur: Ohne Gewalt kein Film. David Lynch (Mulholland Drive) brachte das violente Fundament vieler Werke auf den Punkt:

Es gibt viele, viele düstere Dinge, die genau jetzt in dieser Welt umherfließen und die meisten Filme reflektieren die Welt, in der wir leben. (David Lynch, Catching the Big Fish)

David Ayer wohnte als junger Mann in South Central Los Angeles - einem der zu jener Zeit gewaltreichsten Orte in den USA, hervorgerufen durch breitflächige Arbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Verarmung, die das Entstehen von brutalen Straßengangs begünstigte. Über den "wahrheitsfördernden" Gehalt einer körperlichen Auseinandersetzung sagte Ayer einmal:

Wenn du etwas über jemanden lernen möchtest, gerate in einen Faustkampf. Du wirst mehr in fünf Minuten als in fünf Wochen Gesprächen lernen. Das ist grundlegend. (Quelle: Esquire)

In der Filmografie des Regisseurs von Suicide Squad findet sich kein einziger Film, der nicht die Gewalt und ihre anziehende Wirkung in den Mittelpunkt der Geschichten stellt. Angereichert sind die brutalen Plots mit seiner Vergangenheit in L.A. und einer sich bis ans Äußerste zusammenhaltenden "Crew" aus rohen Gewaltlingen. Ganz gleich, in welchem Szenario sich seine Filme wiederfinden: Ayer atmet noch immer den Smog L.A.s, der nach Brudertum im Angesicht von Mord und Totschlag duftet. Es ist, als komme er von dieser Note nicht los. Ausgerechnet sein notdürftig zusammengewürfeltes Selbstmordkommando entpuppt sich da als Abkehr.

Der L.A.-Komplex oder: Die Geburt der zelebrierten Brüderlichkeit

Seine inszenierten Harsh Times von 2005, Regiedebüt des einstigen Angehörigen der US-Navy, brachten schon früh die Essenz des filmischen Schaffens Ayers auf den Punkt. Semi-autobiografisch gefärbt, folgt er dem ehrenhaft entlassenen Soldaten Jim (Christian Bale), der zusammen mit seinem besten Freund Mike (Freddy Rodríguez) durch ein Los Angeles umherfährt, das sich als Moloch der Gewaltentfesslung herausstellt. Das Gewalttätige schwingt auf Grund Jims Kriegsvergangenheit stets mit und bricht sich letzten Endes Bahn in seiner Gegenwart. Nicht ohne den Hammer des brüderlichen Pathos zu schwingen, dessen Schläge die Geschichte bis in die letzte Konsequenz erschüttern: Die lethale Katharsis blitzt nicht etwa als kleiner Funken Hoffnung auf, der als winziges Licht in Gestalt einer potenziellen Ehefrau vor ihm flackert, sondern manifestiert sich als Gnadenschuss aus der Hand seines Freundes.

David Ayer pflegt eine tiefe Faszination für den unbedingten Zusammenhalt.

Umgedreht, aber im Kern nicht weniger partnerschaftlich zeigt sich dies in seinem Cop-Drama End of Watch von 2012. Die beiden Polizisten Brian (Jake Gyllenhaal) und Miguel (Michael Peña) sind hier jene Buddys, die der Regisseur so gerne vor der Kamera anordnet. Und erneut ist es das Finale, in dem er zeigt, wie aufopferungsvoll ihre Herzen miteinander verwachsen sind. Die schützende Bruderhand Miguels legt sich im Kreuzfeuer der Gegenspieler engelsgleich auf den Körper Brians. Er überlebt. Eine verdrehte, aber nochmalige Inszenierung der Ayer'schen L.A.-Story aus der Hood.

Die ultimative Überhöhung im Takt des stählernen Herzens

Fern der Westküstenmetropole und moderner Zeiten ist die in der Stadt der Engel manifestierte Bruderschaft selbst tief im nazi-verseuchten Deutschland anno 1945 nicht weit. Das Herz aus Stahl mag zwar wo-, aber nicht anders schlagen. Es pocht tatsächlich "nur" in einer stark erhöhten Frequenz, weil der Krieg bei Ayer mit seiner allgegenwärtigen Waffengewalt die ultimative Ausnahmesituation und den größten Bestandstest einer jeden Verbindung darstellt. Brad Pitts (Moneyball) Panzer-Crew zeigt sich vor diesem Hintergrund als eine brutale Truppe aus abgestumpften Gewalttätern, deren Todestreue in diesem Film ihren ultimativen Höhepunkt erfährt.

Für David Ayer bedeutet dieses Herz aus Stahl ein zusammengeschmolzener Organismus aus Einzelnen:

Einen Panzer als Crew bedienen zu können, hängt nicht von fünf Individuen ab. Es muss ein aus fünf Leuten bestehender Organismus sein. (Quelle: Collider)

Das verlustreiche, mit einer hypnotischen Lichtstimmung inszenierte Finale steht im Zeichen der Aufopferung. So bildet das Werk die absolute Überhöhung einer Gemeinsam-bis-in-den-Tod-Mentalität, die zwischen die Truppe nichts kommen lässt. Schon gar keine Nazis. Der Pathos vollführt hier einen bedrohlichen Tanz zwischen Impressionen der totalen Zerstörung und einer Feierlichkeit, wenn etwa Steven Price' (Gravity) Soundtrack einen intensiven Kampf zwischen dem US-Panzer "Fury" und dem deutschen "Biest" mit glorreichen Musiknoten anpeitscht.

Der DC-Bruch

Dieser sinfonische Akt klingt in David Ayers DC-Spektakel Suicide Squad nach kakophonischem Chaos. Wo seine vorigen Werke noch die Beziehung eingeschworener Freunde mit dem Äußersten, dem Tod, konfrontierten, spielt dieser keine Rolle mehr - warum ist es doch gleich ein Selbstmordkommando? Der Titel und Deadshot, Harley Quinn und Co. spielen keine Rolle. Sie verkörpern Austauschbarkeit und Distanz zueinander. Die sonst so dringliche Brüderlichkeit verliert sich in einer Serie an unübersichtlicher Action, dem jeder gruppendynamische Funke fehlt, den auch eine spätere Trink-Szene der Truppe nicht zu entfachen weiß. Das kaltherzige Ausscheiden Slipknots (Adam Beach) steht da leitsymptomatisch für das Desinteresse zwischen den Akteuren.

Einzig die nach eigenen Aussagen von Drogenbossen auf Instagram inspirierte Figur des Jokers (Jared Leto) lässt in ihrer L.A.-Gangster-Erscheinung mit ihren Tattoos und ihrem Grill noch einmal auf die eigentliche Herzensangelegenheit Ayers blicken. Er sei "am stärksten, wenn ich das Skript schreibe und es von mir kommt [...]." Seine beste Arbeit sei "immer selbst erzeugt". Wenn sich der Joker in der symbolischen Gewaltspirale, umringt von Messern, räkelt, ist ein kurzer Blick in seine einstige Heimat des südlichen Los Angeles zu erhaschen.

Es bleibt aber ein kurzes Abschweifen, ganz, als wollte er sich einen Moment seinem L.A.-Komplex in der bunten, aber leider farblosen DC-Brühe entledigen. Sein wahres Selbstmordkommando ist ein Herz aus Stahl im größtmöglichen Härtetest, dem des Krieges. Möge er zu dem zurückfinden, was er sich für den Comic-Abstecher vornahm, nämlich "[...] eine Familie und Bruderschaft [...]" zu kreieren.

Für die Zukunft alles Gute, Bro'.

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